Künstler widmet sich Opfern des Nationalsozialismus

Erster Stader Stolperstein erinnert an Adolf Becker

Foto: Matthias Kabel

Die lange, kontroverse Debatte kommt zu einem vorläufigen Ende. Gestern erhielt die Stadt ihre ersten neun Gedenksteine.

Stade. Gunter Demnig kam mit Hammer, Kelle und Feger in die Stader Innenstadt und verlegte eigenhändig seine "Stolpersteine". Punkt neun Uhr gestern früh setzte der Kölner Künstler am neuen Rathaus den ersten Stein ins Pflaster der Fußgängerzone. Im früheren Haus "Hagedorn 8" war bis zum Jahr 1939 Adolf Becker zuhause.

Der Grund für die Verlegung der Stolpersteine - das sind Quadersteine mit beschrifteten Messingtafeln darauf, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen - sei "kein Grund zur Freude", sagte Gunter Demnig. Allerdings freue er sich darüber, dass auch viele junge Menschen Interesse an seinem Projekt "Stolpersteine" hätten.

"Die waren ja damals so alt, wie ich es heute bin", sei eine häufige Reaktion der Jugendlichen beim Betrachten der Steine, die auf der Oberseite den Namen, die Adresse, das Geburtsjahr, den Sterbeort und das Todesdatum der Opfer tragen.

Gegenüber der abstrakten Zahl von sechs Millionen Opfern sei die Beschäftigung mit dem Schicksal einzelner Menschen oder dem von Familien eindringlicher.

Bis zu 14 Steine für eine einzelne Familie habe er schon verlegt, sagte der Kölner Künstler gestern in Stade. Eine besonders gute Definition der Wirkung der Stolpersteine komme von einem Jungen: "Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen."

Überhaupt seien die positiven Reaktionen von Menschen auf sein Projekt "die Momente, wo ich weiß, warum ich das mache". Häufig kommen auch Hinterbliebene und Familienangehörige der damaligen Opfer zu den Verlegungsaktionen, sie finden endlich einen Ort zur Erinnerung und zur Trauer.

Neben Vertretern der Stadt Stade - Bürgermeister Andreas Rieckhof begrüßte Demnig und die Gäste in der Altstadt - waren auch die Paten der einzelnen Steine und eine Schulklasse des Stader Gymnasiums Athenäum bei der Verlegung dabei.

Die Geschichte vom Leben und Sterben der ehemaligen Stader Bürger trugen Schüler der Klasse 9 F II des Athenäums vor. Über das Schicksal des geistig behinderten Adolf Becker, an den der erste Stader Stolperstein erinnert, berichtete die 16-jährige Schülerin Vera Landsberger.

Adolf Becker wurde am 19. Juni 1881 als Sohn eines Tischlermeisters geboren und wuchs in der Löffelstraße auf. 1909 wurde er nach dem Tod beider Eltern zum Vollwaisen und lebte mit seinem Bruder Fritz zusammen.

Als der Bruder im Jahr 1921 starb, nahm ihn der Bäckermeister Friedrich Brandt in Pflege, der an der Straße Hagedorn 8 sein Haus hatte. Im Jahr 1939 wurde Adolf Becker aus seinem vertrauten Umfeld herausgerissen und in die "Rotenburger Anstalten" gebracht, wo seit dem Jahr 1880 behinderte Menschen untergebracht waren.

Während des Nationalsozialismus wurden 550 Männer und Frauen aus den Rotenburger Anstalten Opfer der systematischen Tötung Behinderter. Auch Adolf Becker überlebte nicht. Er wurde am 30. Juli 1941 in die hessische "Landesheil- und Pflegeanstalt" Weilmünster deportiert, wo er am 1. November 1941 starb.

Die weiteren bisher verlegten Stolpersteine erinnern an das Leid acht weiterer Stader Bürger.

Johanna Schragenheim, geboren im Jahr 1859, lebte in der Salzstraße 16. Sie wurde im Jahr 1942 ins Lager Theresienstadt deportiert, wo sie am 26. September 1942 starb.

In der Kerstenstraße 2 lebte die 1897 geborene Wilhelmine Siebe. Sie wurde von der Gestapo verfolgt und nahm sich am 28. Oktober 1943 das Leben.

In der Kalkmühlenstraße 9 war Elisabeth Meyer, Jahrgang 1886, zu Hause. Sie wurde im Jahr 1943 verhaftet und ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, weil sie ausländische Radiosender gehört hatte. Sie starb am 21. April 1944.

Der Stolperstein für Diedrich Matthies, geboren 1889, befindet sich in der Inselstraße 4. Matthies wurde verhaftet, weil er Zeuge Jehovas war. Im Jahr1939 wurde er in das KZ Sachsenhausen deportiert, wo er am 20. März 1940 starb.

In der Harsefelder Straße 2 (heute 4) wohnte bis 1940 Frieda Freudenstein, Jahrgang 1864. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und im selben Jahr im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Moritz Wertheim, geboren 1880, lebte in der Teichstraße 6, bevor er 1939 nach Amsterdam emigrierte. Dort wurde er 1940 verhaftet und 1943 ins Vernichtungslager nach Sobibor deportiert, wo er am 23. April 1943 ermordet wurde.

Im Haus Im Neuwerk 9 wohnte Fritz Friedlaender, Jahrgang 1920, der nach Holland emigrierte. Im Jahr 1941 wurde er nach Mauthausen deportiert und am 11. September 1941 im Konzentrationslager ermordet wurde.

Im Neuwerk 4 war die Adresse von Fritz de Jonge, Jahrgang 1876. Er wurde im Jahr 1942 nach Theresienstadt deportiert, dort starb er am 9. Oktober desselben Jahres.