Schleswig-Holstein

Dramatische Szenen bei Schließung des Friesenhofs

Das „Friesenhof“-Jugendheim in Hedwigenkoog (Schleswig-Holstein)

Das „Friesenhof“-Jugendheim in Hedwigenkoog (Schleswig-Holstein)

Foto: Carsten Rehder / dpa

Mädchen laufen weg, zwei verletzen sich selbst mit Scherben. Die Schließung der Einrichtung in Dithmarschen geriet außer Kontrolle.

Kiel. Zu dramatischen Situationen ist es beim Wegbringen von Mädchen aus der umstrittenen Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof in andere Einrichtungen des Kreises Dithmarschen gekommen. Mehrere Mädchen hätten am Mittwochabend versucht, wegzulaufen und zwei hätten sich selbst verletzt, so dass der Notarzt kommen musste, teilte Sozialstaatssekretärin Anette Langner am Donnerstag mit. Lebensgefahr habe aber nicht bestanden. Ein achtes Mädchen kam bei der Trägerin des Friesenhofes privat unter.

Renate Agnes Dümchen, Bereichsleiterin Soziales beim Kreis Dithmarschen, war nach eigenen Angaben bei der Umzugsaktion dabei. Sie habe die beiden 16 Jahre alten verletzten Mädchen zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus begleitet und dort betreut. Am Abend habe sie beide in neue Einrichtungen gebracht. „Alle sieben Mädchen habe ich inzwischen gesprochen, sie fühlen sich in ihren neuen Unterbringungen richtig wohl“, sagte Dümchen der Deutschen Presse-Agentur.

Die beiden Mädchen hatten eine Vitrine umgestürzt und sich mit Scherben selber verletzt. Die Polizei habe jene Teenager, die weglaufen wollten, schnell aufgehalten, berichtete Langner.

Inakzeptable pädagogische Methoden

Das Sozialministerium hatte am Mittwoch zwei der vier Heime des Friesenhofes wegen unzureichenden pädagogischen Fachpersonals und inakzeptabler pädagogischer Methoden geschlossen. Eines der beiden betroffenen Häuser war mangels Zuführungen zurzeit ohnehin nicht belegt. In dem anderen Heim waren ursprünglich zehn Mädchen untergebracht. Zwei aus anderen Bundesländern seien früher schon weggelaufen, aber nur ein Fall dem Landesjugendamt gemeldet worden, berichtete die für die Heimaufsicht im Sozialministerium zuständige Bereichsleiterin Sabine Toffolo. Insofern seien am Mittwoch überraschend nur acht Mädchen in dem Heim angetroffen worden.

Die Gründe für das Verhalten der Mädchen am Mittwoch seien bisher nicht eindeutig geklärt, möglicherweise habe eine psychologische Belastungssituation bestanden, sagte ein Sprecher des Sozialministeriums. Langner kritisierte, die Mitarbeiter des Friesenhofes hätten die Mädchen offensichtlich über die bevorstehende Inobhutnahme pädagogisch nicht hinreichend vorbereitet. Dümchen betonte, alle Mädchen, die in solchen Heimen untergebracht seien, hätten bereits traumatische Erlebnisse durchlitten. Insofern sei von Re-Traumatisierungen auszugehen.

Alle Mädchen hatten traumatische Erlebnisse durchlitten

In den Dithmarscher Heimen lebten nach Angaben von Betreiberin Barbara Janssen zuletzt 35 Mädchen und junge Frauen mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund.

Unterdessen hält die politische Debatte darüber, ob das Sozialministerium schnell und angemessen auf die Situation im Friesenhof reagiert habe, an. Langner wies Kritik der CDU am Mittwoch erneut zurück. Auf Antrag der CDU wird der Sozialausschuss des Landtags an diesem Dienstag (9.30 Uhr) zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, seit wann das Sozialministerium von den Zuständen im Friesenhof wusste. Ein Anfrage der Linken in Hamburg hatte kürzlich das Thema in die Öffentlichkeit getragen.

Der Kreis Dithmarschen hat laut Blümchen seit etwa 2013 Jugendliche wegen der inakzeptablen Zustände nicht mehr zum Friesenhof geschickt. Bis auf eine Ausnahme habe auch seit 2014 kein anderes Jugendamt im Norden den Friesenhof noch belegt. Die Mädchen kamen überwiegend aus Hamburg sowie anderen Bundesländern. Dem Landesjugendamt sei bekanntgewesen, dass Jugendämter im Norden den Friesenhof wegen untragbarer Zustände nicht mehr nutze, sagte Dümchen. Denn wenn ein Jugendamt einen Jugendlichen aus einer Einrichtung zurückhole und woanders hinschicke, werde in jedem Einzelfall das Landesjugendamt unterrichtet - einschließlich der Begründung.

Frühere Beschwerden hatten nicht die Schwere, das Heim zu schließen

Eine förmliche Mitteilung, ab Stichtag X werde niemand mehr zum Friesenhof geschickt, habe es aber seitens des Kreises Dithmarschen an das Landesjugendamt nicht gegeben, sagte Dümchen und bestätigte damit entsprechende Angaben Langners. Die Staatssekretärin betonte, frühere Beschwerden hätten nicht die Schwere gehabt, um die Heime wie jetzt zu schließen. Erst im zweiten Halbjahr 2014 seien gehäuft massive Beschuldigungen aufgelaufen.