Pinneberg
Pferdesport

Eine Kur, um wieder auf Trab zu kommen

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Foto: Melanie Mallon

Im Rehazentrum Gut Ellerhoop werden Vierbeiner mit Hightech- aber auch Naturheilverfahren therapiert. Spitzensportler teilweise anonym.

Ellerhop.  Diskretion ist hier nicht nur Ehrensache, sondern mitunter fester Bestandteil des Vertrags. Wer seinen Liebling im Pferde-Rehazentrum Gut Ellerhoop eincheckt, legt Wert darauf, dass der Patient anonym bleibt – zumindest, wenn es sich um einen hochkarätigen Sportler handelt. Denn eine nicht vollständig geheilte Krankheit oder Verletzung senkt den Marktwert und lässt Sponsoren um ihr Kapital bangen. Das ist eine von mehreren Parallelen zwischen tierischer und menschlicher Rehabilitation.

So ist der Therapieansatz auf Gut Ellerhoop ganzheitlich. „Wir schlagen einen Bogen zwischen der klassischen Veterinärmedizin und den Naturheilverfahren“, sagt Julia Sentek. Die 37 Jahre alte studierte Tierhomöopathin hat das Therapiezentrum vor zwölf Jahren gegründet. Sie setzt dort Hightech ebenso ein wie etwa Blutegel. Die kleinen Vampire dienen als tierische Co-Therapeuten bei der Behandlung von Entzündungen. „Therapie mit Biss“ nennt das Julia Sentek.

Der Patient, der zum Gut Ellerhoop kommt, hat vier Beine, einen Schweif und ist bis zu 700 Kilogramm schwer. Die Verletzung könnte möglicherweise seinen guten Ruf beschädigen. „Wenn sich ein international bekanntes Pferd verletzt und wieder in den Sport zurück soll, geht es hier in erster Linie um die Gesundheit, um das Image und um das Geld. Um viel Geld, wenn es eventuell ein Verkaufspferd ist“, sagt Sentek. Vierbeiner, die im Sport vorne mitmischen, sind für potenzielle Käufer hochgradig interessant. Der Preis kann schnell gedrückt werden, wenn es heißt: Ja, da war ja mal was – wir verhandeln noch mal. Daher sind auf dem Gut Ellerhoop immer mal wieder Pferde unter falschem Namen untergebracht. Die heißen dann einfach Hans, Fritz oder Klaus. Grundsätzlich sind alle Patienten willkommen, vom Familienpony bis zum Zuchthengst.

Wie anonymen Prominenten und ihren eher unbekannten Leidensgenossen geholfen wird, hängt natürlich von der Diagnose ab. Oftmals sind die Beine betroffen, das Pferd nimmt eine Schonhaltung ein, steht schief, was wiederum eine Rückenblockade auslöst – der Patient hat plötzlich zwei körperliche Baustellen. Hier kommen die Spezialisten ins Spiel, mit denen Julia Sentek zusammenarbeitet: der Tierarzt, der Chiropraktiker, der Physiotherapeut und der Hufschmied. Grundsätzlich werden die Patienten von einem Tierarzt nach Gut Ellerhoop überwiesen. „Die Basis für die Therapie ist ein guter Hufbeschlag“, sagt Sentek. Bei jedem Schritt pumpt der Hufmechanismus etwa ein Zehntel Liter Blut in Richtung Herz.

„Die Hufe sind das Herz des Pferdes. Wenn die Hufe nicht korrekt gestellt sind, ist das gesamte Pferd funktional nicht ausbalanciert und seine Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt“, erklärt Hufbeschlagmeister Ulrich Bäcker, der bei dem olympischen Hufschmied Dieter Kröhnert in Ellerhoop gelernt hat und für Sentek arbeitet.

Chiropraktiker Dr. Frank Breiling überprüft die Beweglichkeit und Funktion aller Gelenke. Blockaden und Fehlstellungen in den Gelenken der Wirbelsäule werden durch sanfte Handgriffe gelöst. „Der Informationsfluss zwischen Nervensystem, Muskulatur und Organen funktioniert dann wieder“, sagt Breiling. Physiotherapeutin Annette Boddenberg kümmert sich in erster Linie um die Muskulatur. Dazu gehören Massagen ebenso wie der Einsatz von Wärme, Kälte und Licht.

In der Reha setzt Julia Sentek auch Massagedecken sowie kühlende und vibrierende Massage-Gamaschen und ein in der Neigung verstellbares Laufband ein. Auf dem bewegt sich gerade der Fuchswallach Consus aus dem Besitz des olympischen Vielseitigkeitsreiters Peter Thomsen, um seine Rücken und Hinterhandmuskulatur zu trainieren und die Kondition zu steigern. Seit drei Monaten ist er Patient auf Gut
Ellerhoop, noch drei weitere Monate wird er für den Dressursport einer jungen Nachwuchsreiterin aufgebaut.

Überhaupt ist Zeit eine wesentlicher Faktor bei der Reha. „Meine Patienten brauchen viel Zeit, Geduld und Bewegung auf der Weide“, sagt Julia Sentek. Als „Dr. Green und Dr. Time“ bezeichnet sie diese Philosophie.

Keine Versicherung übernimmt die Kosten

Auch das sind Faktoren, die ein Reitstall in der Regel nicht leisten kann. Wer ein krankes Pferd in Ruhe in der Halle und in der Winterzeit antrainieren möchte, bekommt schnell ein Problem. Der eine hat seinen Springunterricht gebucht, der nächste seine Dressurstunde. Und alle stehen sich in der Rush Hour gegenseitig im Weg.

Bei Julia Sentek sind alle Schützlinge Privatpatienten. Keine Versicherung übernimmt die Reha-Kosten; und die reguläre Boxenmiete im Heimatstall muss auch bezahlt werden. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein Pferdehalter eine Rechnung nicht begleicht. Unter den Experten kursiert deshalb eine Rote Liste. „Wir informieren uns gegenseitig“, sagt Julia Sentek, „um uns vor unseriösen Kunden zu schützen.“