Pinneberg
Fussball

In Egenbüttel gelingt die Integration spielend

Foto: Frederik Büll / Esther Wendland / HA

In der kommenden Saison nimmt ein Flüchtlingsteam als vierte Herren am regulären Spielbetrieb teil. Wir waren beim Training dabei.

Rellingen.  Eine Handvoll Spieler hat die den Deutschen nachgesagte Pünktlichkeit bereits verinnerlicht. Um 17.45 Uhr stehen die ersten Fußballer der vierten Herrenmannschaft des SC Egenbüttel bereits auf dem Feld. Nach und nach – und teilweise auch unpünktlich – trudelt der Rest des im Mai 2015 gegründeten Teams ein.

Eine Viertelstunde später bittet Trainer Torsten Reimer seine Mannschaft in die Kabine. Es werden deutsche Fußball-Vokabeln gepaukt. Reimer, einst als Spieler bei Altona 93 in der dritthöchsten Spielklasse aktiv, verteilt Zettel mit Bildern, denen die richtigen Begriffe zugeordnet werden. Denn das Team besteht – bislang – ausschließlich aus Flüchtlingen. Größtenteils kommen sie aus Syrien und sind vor dem bereits fünf Jahre andauernden Bürgerkrieg in der Heimat geflohen. „Clubhaus“, „Kabine“, „Tor“, „Mannschaft“, „Schiedsrichter“, „Gelbe Karte“. Die Kicker sind vor dem Training ähnlich fleißig wie im Anschluss auf dem Feld. Schließlich beginnt im Sommer die Saison in der Kreisklasse des Hamburger Fußball-Verbands und bis dahin will das Team auch sprachlich fit sein

„Wir sind noch auf der Suche nach weiteren Mitspielern, vor allem nach einem Torwart“, sagt Reimer. Die Herkunft ist dabei völlig egal. Auch Deutsche stünden dem Team gut zu Gesicht. Ich, der Abendblatt-Reporter, in fußballerischer Hinsicht eher Kategorie „ewiges Talent“, stehe bei der Trainingseinheit auf der Anlage am Moorweg mit auf dem Feld. Meine Integration in die bestehende Gruppe verläuft reibungslos. Von der ersten Minute an fühle ich mich ob der mir entgegengebrachten Freundlichkeit sehr wohl. Bis auf die Tatsache, dass Arabisch gesprochen wird, gibt es kaum Unterschiede zum Training anderer Mannschaften.

„Das ist ja das Schöne am Sport. Man braucht keine Sprache“, meint Reimer. Nach der Aufwärmphase gibt es Passübungen, „5 gegen 2“, Torabschlüsse und das Abschlussspiel. „Jalla, Jalla“ – „Auf geht’s!“. Das habe ich schnell verinnerlicht. Eines wird gleich deutlich: Technisch haben die Flüchtlinge viel drauf. Teilweise trennt sich der Ballführende aber etwas zu spät vom Spielgerät. „Aber auch das ist schon viel besser geworden“, sagt der Rellinger Reimer und lächelt.

Als verlängerter Arm des Trainers fungiert Rami Almaki, 37, der mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen bereits seit eineinhalb Jahren in Rellingen lebt. Er spricht sehr gut Deutsch und übersetzt ab und zu die Kommandos des Coaches für seine Mitspieler. Er kommt aus der Nähe von Damaskus und floh über Lybien, Italien und Frankreich nach Deutschland.

Almaki, der in Syrien ein Studium der Wirtschaftswissenschaften abschloss, hat eine Aufenthaltsgenehmigung über drei Jahre und wohnt wie die meisten Akteure in Rellingen. Sieben weitere Spieler des derzeit 14-köpfigen Teams, können ebenfalls ein wenig beruhigter in die ungewisse Zukunft schauen. „Vor meiner Flucht wusste ich nicht viel über Deutschland. Aber ich wusste, dass es ein gutes Land ist“, sagt Almaki. Zeitweise hat er hierzulande in einer Bäckerei als Hilfskraft gejobbt. Eine Arbeitsstelle in einer Firma zu bekommen, die Geschäftsbeziehungen zum arabischen Raum unterhält, ist das Ziel. Alle Spieler büffeln in Deutschkursen intensiv die Sprache.

„Ich wollte gern die Menschen oder besser gesagt die Charaktere und ihre persönlichen Geschichten kennen lernen. Und natürlich für Beschäftigung sorgen“, sagt Trainer Reimer über sein Engagement. Die Rellinger Flüchtlingshilfe initiierte das Projekt im Vorjahr gemeinsam mit dem Diakonieverein Migration Pinneberg. Der SC Egenbüttel erklärte seine Unterstützung und half mit einem Satz Trikots und Bällen. Auch Fußballschuhe wurden gespendet.

Youssef Alharris, 21, ist ebenfalls seit knapp eineinhalb Jahren Neubürger Rellingens. Da er auf dem Weg aus der syrischen Mittelmeerstadt Tartus neun Monate lang in Bulgarien blieb und dort auch registriert wurde, hat er nun Anträge gestellt, im Kreis Pinneberg bleiben zu dürfen. Nach seinem Abitur arbeitete er im Zuge eines dualen Studiums auf einem Schiff. In Deutschland dürfen die meisten Spieler wegen rechtlicher Bestimmungen nicht arbeiten. Teilweise kommt da schon etwas Langeweile auf. „Zweimal in der Woche zu trainieren ist da eine willkommene Abwechslung“, sagt Alharris.

Nach der – jedenfalls für mich – durchaus anstrengenden eineinhalbstündigen Trainingseinheit kommen Mannschaft und Trainer noch im Clubhaus zusammen. Mit Abstand ist an diesem Abend schwarzer Tee das beliebteste Getränk, der Verein ein Stück Heimat in der neuen Umgebung. Für die Premierensaison gibt es übrigens für den SCE IV kein Saisonziel. Man wolle in jedem Spiel dazulernen. Die Aussichten, dass die Integration spielend gelingen wird, stehen mehr als gut.