Pinneberg
Kreis Pinneberg

Was Flüchtlinge wirklich dringend brauchen

Flüchtlingslotse Uwe Watteroth (v.l.), Joachim Schwartau, Gerd Oppermann, Mohammed Alazzaw, Karwan Hussein und Ayman Alazzaw

Foto: Eike Pawelko / HA

Flüchtlingslotse Uwe Watteroth (v.l.), Joachim Schwartau, Gerd Oppermann, Mohammed Alazzaw, Karwan Hussein und Ayman Alazzaw

Die Helfer suchen Fahrräder, Hausrat und Kleinmöbel. Hälfte der Kleiderspenden ist ungeeignet. Spendenbereitschaft ungebrochen.

Kreis Pinneberg.  Fahrräder, Hausrat und Einrichtungsgegenstände wie Teppiche, Lampen, Besteck oder Kinderbetten stehen ganz oben auf der Liste der Dinge, die die Flüchtlingshelfer im Kreis Pinneberg für ihre Schützlinge suchen. Nach Angaben von Kreissprecher Oliver Carstens leben aktuell 3620 Flüchtlinge im Kreis. Die Kleiderspenden, die bei den Helfern eingehen, sind oft nur bedingt brauchbar. Sie sind zu groß, für den Alltag nicht brauchbar oder schlicht dreckige Lumpen. Das ergab eine Umfrage des Hamburger Abendblatts unter einer Vielzahl unterschiedlich organisierter Vereine, Verbände und Initiativen.

Gleichzeitig ist die Hilfs- und Spendenbereitschaft in den Städten und Kommunen des Kreises ungebrochen. In Ellerbek beispielsweise wurden und werden so viele Dinge gespendet, dass die private Initiative "Ellerbek hilft", deren etwa 50 Mitglieder über eine eigene Website effektiv die Flüchtlingshilfe in der Gemeinde organisieren, immer wieder Annahmestopps einrichten musste. Fast alle Initiativen integrieren einzelne Flüchtlinge direkt in ihre Strukturen – als Übersetzer, zum Sortieren, Verkaufen oder Instandsetzen von gespendeten Gütern. Weitere Helfer sind willkommen.

Deutlich wurde bei der Umfrage auch, dass sich die Hilfe in aller Regel kleinteilig und auf den eigenen Ort bezogen gestaltet. Je nach Organisationsgrad vor Ort vernetzen sich unterschiedliche Träger zwar innerhalb ihrer einzelnen Städte und Gemeinden. Kooperationen über Stadtgrenzen hinweg bleiben jedoch die Ausnahme. Nach Ansicht von Kerstin Appun, beim Diakonieverein Migration zuständig für Wedel und Uetersen, ist dieses Klein-Klein nicht zuletzt der Praxis des Landes Schleswig-Holstein geschuldet, die Integrationspauschalen für Flüchtlingsbetreuung auf jede Kommune einzeln zu beziehen. "Die Strukturen verändern sich ständig, und jede Kommune macht es anders."

In vielen kleineren Städten und Gemeinden klappt die innerörtliche Zusammenarbeit dank überschaubarer Dimensionen reibungslos. "Wir sind gut vernetzt, man kennt sich untereinander, man hilft sich eben." Die Beschreibung der Rellinger Ehrenamtslotsin Kerstin Riedel vom Diakonieverein Migration trifft das beispielhaft. Sie ist begeistert vom Engagement der Rellinger: "Unsere Ehrenamtlichen sind der Knaller."

Gemeint sind Menschen wie Ingemarie Mannstaedt von der DRK-Kleiderkammer, die Woche für Woche mit sechs weiteren Frauen säcke- und kistenweise Kleiderspenden annimmt, sortiert und ausgibt. "Wir brauchen vor allem Herrensachen für junge Leute", sagt sie. "Kapuzenshirts, Jeans, T-Shirts in den Größen S und M, maximal L." Unterwäsche werde nur angenommen, wenn sie neu sei. Abendkleider, Blazer oder Tanga-Slips seien so wenig zu gebrauchen wie Pullunder oder Anzüge für ältere Herrschaften. "Die Flüchtlinge kommen anders als nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Sack und Asche, die möchten auch einigermaßen altersgemäß gekleidet sein", sagt Sonja Heggblum, Leiterin der DRK-Kleiderkammer in Quickborn.

Pinneberg dagegen ist geprägt von einer Vielzahl von Trägern, die zum Teil miteinander konkurrieren. So haben neben dem städtischen Ehrenamtszentrum "Hafen" in den ehemaligen AKAD-Räumen am Rathaus auch viele Kirchengemeinden eigene Spendenannahmestellen, dazu kommen das Sozialkaufhaus der Arbeiterwohlfahrt und private Initiativen. Selbst die städtische Flüchtlingskoordinatorin Pia Kohbrok hat da Mühe, den Überblick zu behalten.

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