Kreis Pinneberg

Weihnachtsgans immer teurer – eine Tradition wird zum Luxus

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Marvin Mertens
Auch bei Schnee und Eis dürfen die Gänse von Katrin und Thorsten Ramcke nach draußen. Die Tiere im Hintergrund haben es gut: Sie landen in diesem Jahr nicht auf dem Teller.

Auch bei Schnee und Eis dürfen die Gänse von Katrin und Thorsten Ramcke nach draußen. Die Tiere im Hintergrund haben es gut: Sie landen in diesem Jahr nicht auf dem Teller.

Foto: Marvin Mertens

Vogelgrippe, Inflation und hohe Kosten sorgen für Preissteigerung. Wie der Weihnachtsschmaus für Obdachlose trotzdem gelingen soll.

Kreis Pinneberg.  Sie wird knusprig im Ofen gebacken, serviert mit Rotkraut und Semmelknödeln – für viele Familien im Norden gehört die Weihnachtsgans zu den Feiertagen wie Christbaum und Plätzchen. Doch in Zeiten von Inflation und steigenden Lebensmittelpreisen könnte das Weihnachtsessen zum Luxus werden. Zumal im Sommer und Herbst erneut die Geflügelpest im Norden grassierte.

Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein warnte schon im November: „Kostensteigerungen und Vogelgrippe lassen Bestände schrumpfen“. Weniger Gänse bedeutet um Umkehrschluss auch: höhere Preise. Ist sie also in Gefahr, die gute Weihnachtsgans?

Weihnachtsgans: Die Nachfrage ist hoch – aber auch die Preise steigen

Über mangelnde Nachfrage kann Landwirt Thorsten Ramcke jedenfalls nicht klagen. Schon seit drei Wochen sind bei ihm die Weihnachtsgänse ausverkauft. „Wir haben eine sehr treue Stammkundschaft, die Vertrauen in unsere Qualität hat“, sagt Ramcke. 250 Gänse verkaufe er jedes Jahr zur Weihnachtszeit, mehr sei nicht möglich. „Wir sind ein kleiner Betrieb“, so der Landwirt. Für ganz Kurzentschlossenen haben die Ramckes aber noch einige Gänse in der Hinterhand. Das Ggeflügel sei vor Ort am 23. und 24. Dezember im Hofladen zu ergattern. „Bisher haben wir noch jeden satt gekriegt“, sagt Katrin Ramcke.

Kreis Pinneberg: Erzeuger haben mit steigenden Kosten zu kämpfen

Thorsten Ramcke betreibt seinen kleinen Hof in Pinneberg seit dem Jahr 2000 mit seiner Frau, er hat den Betrieb von seinen Eltern übernommen. Drei Generationen leben auf dem Hof zusammen mit Hühnern, Schweinen, Enten, Gänsen, Schafen und Rindern. An der Datumer Chaussee 191 verkaufen Ramckes im Hofladen neben Obst, Gemüse, Brot, Eiern und Joghurt auch Fleisch von Geflügel, Rindern, Lämmern und Schweinen – aus eigener Schlachtung. Zusätzlich stehen Ramckes mittwochs in Waldenau und freitags in Wedel auf dem Wochenmarkt. „Die Direktvermarktung ermöglicht uns eine gewisse Unabhängigkeit. Und die Kunden wissen, wo die Produkte herkommen“, sagt Thorsten Ramcke. Transparenz, das sei ihm wichtig.

Auf ihrer Webseite informieren Ramckes über ihren Hof und ihre Philosophie. Das Tierwohl stehe für die Familie an erster Stelle. Die Tiere bekommen keine Antibiotika, Hormone oder Tiermehl, die Weihnachtsgänse würden bis zum letzten Tag noch auf der Weide bleiben. „Und das ist eben eine Art von Qualität, die unsere Kundschaft schätzt“, so der Landwirt. Dafür seien die Kunden auch bereit, etwas mehr zu zahlen.

Denn in diesem Jahr hat auch der kleine Hof der Ramckes mit den steigenden Kosten zu kämpfen. Die Nebenkosten hätten sich erheblich erhöht, Preise für Futtermittel ebenfalls. „Deshalb ist die Weihnachtsgans in diesem Jahr definitiv teuerer als 2021“, sagt Ramcke. Haben Kunden im vergangenen Jahr noch etwa 17 Euro pro Kilo Gans bezahlt, sind es in diesem Jahr 20. „Und damit liegen wir immer noch unter den Preisen vieler Anbieter.“

Kreis Pinneberg: Preisanstieg bei Gänsen von 25 bis 30 Prozent

Tatsächlich seien die Preise für deutsche Gänse in Hofläden und auf Wochenmärkten deutlich gestiegen, bestätigt Daniela Rixen, Sprecherin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. In diesem Jahr zahlen Verbraucher Preise von 18 bis 24 Euro pro Kilogramm. Ein Anstieg von 25 bis 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Günstiger werde es nur im Supermarkt. Dort haben die Tiere allerdings oft eine „lange Anreise“. Gänse aus Ungarn kosten demnach etwa fünf bis acht Euro pro Kilogramm, für deutsche Ware liege das Angebot bei etwa 15 Euro pro Kilo.

Grund für die gestiegenen Preise sei neben der Inflation und den gestiegenen Kosten für Futtermittel auch die Geflügelpest, so Rixen. Das Virus grassierte im Sommer und Herbst vor allem in den norddeutschen Bundesländern. Das Risiko durch die Vogelgrippe betreffe laut Landwirtschaftskammer alle Erzeuger, einige kleine Betriebe hätten die Haltung von Geflügel sogar gänzlich aufgegeben. „Gänseprodukte aus heimischen Landen dürften daher knapper und teurer sein als in den Jahren zuvor“, so die Landwirtschaftskammer.

Vogelgrippe ist ein Risikofaktor für Landwirte und Geflügelzüchter

Auch wenn es im Kreis Pinneberg in diesem Herbst keine Stallpflicht wegen der Geflügelpest gegeben habe, „bleibt ein gewisses Risiko“, sagt Thorsten Ramcke. Das Thema Vogelgrippe sei seit dem Jahr 2000 ein Dauerbrenner, in diesem Jahr sei die Lage aber noch einmal besonders kritisch gewesen. „Unsere Tiere sind immer draußen, da schwingt immer ein gewisses Risiko durch Zugvögel mit.“ Und die Geflügelpest betreffe nicht nur die Gänse, sondern eben auch Enten und Hühner.

Die Vogelgrippe ist laut Landwirtschaftskammer-Sprecherin Rixen auch für stark gesunkene Geflügelbestände im nördlichsten Bundesland verantwortlich. Denn bei einem einzigen Fall muss oft der gesamte Tierbestand eines Betriebes gekeult, also getötet werden. Und das hat auch Einfluss auf die Anzahl der verfügbaren Küken. Weniger Küken bedeuten weniger ausgewachsene Tiere. Und weniger Tiere bedeuten höhere Preise.

Kreis Pinneberg: Auch Gastronomen erhöhen die Preise für Gänsebraten

Das gelte im Übrigen auch für Gastronomen. Die haben ebenfalls mit gestiegenen Kosten für Lebensmittel, Energie und Personal zu kämpfen. Und das äußert sich auch in den Preisen für die Endverbraucher. Das Fabers in Rellingen etwa hat die Preise für die „Gans to go“ erhöhen müssen. Michaela und Clemens Faber bieten alljährlich zur Weihnachtszeit einen fertigen Gänsebraten für vier Personen, inklusive Rotkraut, Semmelknödel, Apfelchutney und Sauce. Kostenpunkt in diesem Jahr: 160 Euro. 2020 kostete das Komplett-Paket noch 40 Euro weniger.

Die Gründe? Clemens Faber seufzt. „Das geht los mit der Inflation, den gestiegenen Strom- und Energiekosten. Und auch die Gans an sich ist teurer geworden.“ Dreieinhalb mal mehr als im Vorjahr bezahle er in diesem Jahr pro Kilogramm Gans, sagt Faber. Seine Produkte bezieht der Gastronom möglichst regional, etwa aus Dithmarschen oder Oldenburg, aber auch vom Großhändler.

Weihnachtsgans für Wohnungslose – Gastronom sucht Sponsoren

Verdienen werde er in diesem Jahr wohl nichts an der Gans, sagt Faber. „Die Weihnachtsgans ist in diesem Jahr subventioniert.“ Denn die Preise von mehr als 200 Euro, die anderorts aufgerufen werden, will der Gastronom nicht mitgehen. Aber, auch das betont er, der weihnachtliche Gänsebraten oder auch die Martinsgans habe ihm in den Corona-Jahren den „Hals gerettet“. 500 Gänse haben die Fabers 2021 von November bis Weihnachts verkauft. In diesem Jahr werden es wohl nur etwa 300 werden.

60 weitere Weihnachtsgänse spenden die Fabers übrigens: An Heiligabend servieren sie gemeinsam mit vielen Helfern ein großes und vor allem festliches Weihnachtsessen für 300 Personen in einem zur Obdachlosenunterkunft umfunktionierten Hotel in Hamburg-Billbrook. Für die Spendergänse suchen die Fabers noch Sponsoren.

Für die 60 Spendergänse (300 Portionen) für die Obdachlosenunterkunft von Fördern &Wohnen suchen Fabers noch Sponsoren. Wer die Aktion unterstützen möchte, kann seine Spende direkt auf folgendes Konto überweisen:

Fabers Rellingen, Volksbank in Holstein, BIC: GENODEF1PIN, IBAN: DE64221914050002272770
Verwendungszweck: Weihnachtsgans 2022 Halskestraße

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