Kreis Pinneberg

Wie Kameruns Konsul für den Klimaschutz kämpft

| Lesedauer: 7 Minuten
Burkhard Fuchs
Kameruns Honorarkonsul Stefan Liebing aus Quickborn zeigt Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes aus Kamerun.

Kameruns Honorarkonsul Stefan Liebing aus Quickborn zeigt Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes aus Kamerun.

Foto: Burkhard Fuchs

Quickborner Stefan Liebling möchte Energiewende in Afrika vorantreiben. Historische Daten des Deutschen Wetterdienstes helfen.

Quickborn.  Der Klimawandel ist ein globales Problem. Er betrifft alle Länder mehr oder weniger hart. Auch in Afrika. Das hat Stefan Liebing aus Quickborn gerade aus erster Hand erfahren. Der Afrika-Experte und Unternehmer hat jetzt in seiner Funktion als Honorarkonsul von Kamerun vom Deutschen Wetterdienst (DWD) historische Wetterdaten aus dem Land in Zentralafrika erhalten. Demnach wird es auch am Äquator immer wärmer. Deshalb beschäftigt sich Liebing jetzt verstärkt mit der Frage: „Warum investieren wir nicht da in den Klimaschutz, wo wir am meisten CO2 einsparen könnten, nämlich in Afrika, indem wir dort Solarkraftwerke bauen und andere erneuerbare Energieprojekte unterstützen?“

Von 1885 bis 1916 war Kamerun eine Kolonie des Deutschen Kaiserreichs. Dabei wurden offensichtlich auch zahlreiche Klimadaten über das Land erfasst, in dem heute rund 25 Millionen Menschen leben und das mit einer Fläche von 475.000 Quadratkilometern etwas größer als Deutschland ist. Insgesamt 228 einzelne Wetterstationen wurden damals während der Kolonialzeit in Kamerun geschaffen, die alle möglichen Wetterdaten und Beobachtungen festhielten und an das Seewetteramt in Hamburg meldeten, der Vorgängerorganisation des DWD. Dazu gehörten über Jahre zusammengetragene, dreimal täglich erfasste Aufzeichnungen von Temperatur, Niederschlag, Wind, Luftdruck und Angaben zur Bewölkung.

Mit der Deutschen Seewarte fing alles an

„Mit den gesammelten Informationen gewannen die Wissenschaftler der Deutschen Seewarte erstmals genauere Kenntnisse über das globale Klima“, erklärt Birger Tinz, Referatsleiter beim DWD in Hamburg. So konnte Wladimir Köppen, erster Chefmeteorologe der Seewarte, erstmals die Erde in Klimazonen einteilen. Mit der Ausweitung der deutschen Kolonialgebiete wuchs die Zahl der Stationen weltweit. Insbesondere in Afrika, Süd- und Mittelamerika, Ostasien und auf einigen Südseeinseln errichtete die Seewarte meteorologische Stationen, stattete sie mit Instrumenten aus und schulte freiwillige Mitarbeiter, häufig Konsulatsangestellte, Ärzte, Lehrer oder Kaufleute. Die führten nach standardisierten Vorgaben die Beobachtungen durch. Diese handschriftlichen Aufzeichnungen wurden dann an die Seewarte zurückgeschickt.

Die Seewarte betreute nach Tinz’ Angaben damals weltweit mehr als 2000 Klimastationen. Alle diese historischen Wetterdaten aus den früheren deutschen Kolonien – Kamerun, Togo, Tansania, Namibia, Tsingtau in China –, die zum großen Teil in Sütterlin- und Kurrentschrift erfasst waren, hat der Deutsche Wetterdienst jetzt in jahrelanger Fleißarbeit digitalisiert. „Wir haben erst etwa 40 Prozent der Daten digitalisiert“, sagt Tinz. Für Kamerun, Togo, China und die Südseeinseln sei diese Arbeit abgeschlossen.

Daten von 1885 bis um 1920 bekommen

In Datenbanken werden sie weltweit für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. „Wir können damit die globale Klimaveränderung nachweisen, genauere Wettervorhersagen treffen und das Klima für ganz bestimmte Tage und Regionen in der Vergangenheit bestimmen“, erklärt Tinz.

Der Hamburger DWD-Referatsleiter hat diese Daten jetzt dem Kamerun-Honorarkonsul Liebing in dessen Hamburger Büro überreicht. „Ich werde sie jetzt den für Meteorologie zuständigen Instituten in Kamerun übergeben“, erklärt Liebing. Sie umfassen den Zeitraum vom Dezember 1885 bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg.

Mit den Daten ließen sich die damaligen Klimaverhältnisse rekonstruieren und Aussagen zum Klimawandel treffen. Klimareihen könnten so teilweise um bis zu 60 Jahre verlängert werden, teilt dazu der DWD-Mann Tinz mit.

Vor 140 Jahren war es 1,5 Grad kälter in Kamerun

Zur großen Überraschung von Honorarkonsul Liebing bestätigen die Daten eindeutig, wie sehr sich das Klima bereits in den vergangenen 140 Jahren verändert hat. So sei ein Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius seit den ersten Wetteraufzeichnungen auch für Kamerun feststellbar. Für Liebing ist das ein klarer Beleg für die globale Erderwärmung – und ein Ansporn, etwas dagegen zu unternehmen.

Afrikanische Landwirte, berichtet er, seien digital schon ziemlich gut aufgestellt. Über Smartphone-Apps greifen sie auf digitale Daten und Satellitenbilder zu, die Aufschluss darüber geben, wann sie ihre Felder bestellen, welche Dünge- und Futtermittel sie einsetzen oder wann sie am besten ernten sollten. Sogar gegen Ernteausfälle durch Trocken- und Regenzeiten könnten sie sich bei einigen Anbietern versichern. „Da geschieht schon sehr viel automatisch und digital.“ Nur gegen den Klimawandel hilft das nicht wirklich.

Großes Betätigungsfeld für deutsche Wirtschaft

Für die deutsche Wirtschaft sieht Liebing hier ein sehr großes Betätigungsfeld. „Wir könnten die deutsche Energiewende doch nach Afrika exportieren“, schlägt der Honorarkonsul vor. Statt allein hierzulande in relativ kleinem Umfang in erneuerbare Energieformen zu investieren, könnte Deutschland in Afrika zum Vorreiter der Klimawende werden. Dafür müssten dort in großem Stil je nach Gebiet Solar- oder Wasserkraftwerke gebaut und betrieben werden.

Nur fehlten dazu zurzeit die nötigen Förderprogramme und gesetzlichen Möglichkeiten, so Liebing. So fordert er, auf Bundesebene „Klima-Hermes-Ausfallbürgschaften“ gerade für die Energiewende in Afrika bereitzustellen, damit die Investitionen deutscher Unternehmer im Risikofall abgesichert seien. Zurzeit sei es für Investoren geradezu unmöglich, Kredite zu erhalten, wenn sie wegen Solarkraftwerk-Projekten bei den Banken nachfragten. Denn der staatliche Energieträger, der den Solarstrom in den meisten Fällen abnehmen soll, gilt nicht als Sicherheit. Ausfallbürgschaften könnten das ausgleichen und wären weit weniger kostspielig als direkte staatliche Investitionen, ist Liebing überzeugt. „Denn von zehn privaten Projekten würde vielleicht eines scheitern.“

Afrika braucht künftig mehr Energie

Der Markt in Afrika sei auf jeden Fall da. In den nächsten 30 Jahren wird sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen die Bevölkerungszahl in Afrika auf etwa 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Das werde einen enormen Schub an zusätzlichem Energiebedarf mit sich bringen, sagt Liebing. Weil auch immer mehr Afrikaner am Konsum beteiligt werden wollen und sich zum Beispiel in steigender Zahl Kühlschränke, Klimaanlagen, Handys oder Fernsehgeräte anschafften, die allesamt Strom verbrauchen. „Das können wir alles mit neuen Kohlekraftwerken abdecken oder klimaneutral mit erneuerbaren Energieträgern machen“, plädiert er für den Export der Energiewende nach Afrika.

Von dort aus könnte dann der Solarstrom mithilfe von Wasserstoff, grünem Erdgas oder Ethanol über Schiffe oder Pipelines auch nach Europa transportiert werden, um hier die CO2-Bilanz endlich klimaneutral werden zu lassen. Denn nach wie vor decke Deutschland mehr als zwei Drittel seines Energiebedarfs durch fossile Energieträger wie Öl, Erdgas und Kohle ab, der zum großen Teil auch importiert wird.

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