Prozess

Angeklagter sagte: „Ganz Appen werde ich auflösen“

Der Prozess wird vor dem Landgericht Itzehoe verhandelt.

Der Prozess wird vor dem Landgericht Itzehoe verhandelt.

Foto: Carsten Rehder / picture alliance / dpa

Am dritten Prozesstag gegen Ottmar D., der an der Gasleitung seines Hauses sägte, berichtet ein Psychiater.

Appen/Itzehoe.  Ist der 63 Jahre alten „Doppelhausbomber“ Ottmar D. aus Appen schuldfähig oder nicht? Er muss sich zurzeit vor dem Landgericht Itzehoe wegen versuchten Mordes verantworten, weil er die im Keller seiner Doppelhaushälfte angesägt hatte – mit dem Ziel, eine gewaltige Explosion herbeizuführen (wir berichteten). Der psychiatrische Gutachter Prof. Hubert Kuhs kam am dritten Verhandlungstag zu keinem eindeutigen Ergebnis.

Kuhs zählte eine ganze Reihe von Motiven für die geplante Wahnsinnstat auf: den Tod der Mutter, die Trennung von der Ehefrau, dass er mit den Nachbarn nicht klarkam, Einsamkeit infolge der Corona-Pandemie. Ein Motiv sei also da, aber „es fügt sich nicht zu einem Ganzen. Es ist nicht logisch. Nicht nachvollziehbar“, so Kuhs. Er habe keinen Zweifel dadran, dass der Angeklagte eine schwere psychische Störung habe und an einer massiven, formalen Denkstörung leide. Ottmar D. besitze zweifelsohne eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit. Allerdings könne er nicht sagen, dass Ottmar D. gar keine Schuld treffe. Eventuell hätte der Angeklagte noch so frei denken können, dass ihn das von der Tat hätte abhalten können. Wie auch immer – er stelle eine massive Gefahr dar.

Diensthabender Psychiater alarmierte die Polizei

Zuvor hatte Oliver R. ausgesagt, der am 19. März Bereitschaftsdienst in der Psychiatrie des Klinikums Elmshorn gehabt hatte. Um 21 Uhr sei Ottmar D. aufgetaucht. Er kenne den Patienten bereits seit mehreren Jahren, habe ihn selbst 2018 für einige Monate behandelt. Ottmar D. sei „angetrieben“ und „unruhig“ gewesen und habe „sprudelnd“ erzählt, ohne dass der Arzt viele Fragen hätte stellen müssen. „Ganz Appen werde ich auflösen“, soll der Angeklagte gesagt haben.

Nach Aussagen, wie „Die Nachbarn haben es verdient“ unterbrach Oliver R. nach eigenen Angaben das Gespräch mit dem Angeklagten, um die Polizei zu verständigen. Als Beamte den Arzt wenig später zurückgerufen und mitgeteilt hätten, dass das noch Haus stehe, habe er dies Ottmar D. mitgeteilt. Dessen Antwort: „Schade, dass nichts passiert ist.“

Nachbarin hat Angst vorm Angeklagten

Die 75 Jahre alte Nachbarin des Angeklagten, Astried H., erschien in Begleitung ihrer Tochter, weil sie nach eigenen Worten schlecht hört. „Psychisch angespannt“, so beschreibt die Rentnerin ihre Gefühlslage. Sie habe Angst vor dem Angeklagten. Schon vor vier Jahren, als seine Mutter starb, habe er ihr gesagt, dass er „das Haus anzünden“ wolle. Die Nachbarin kennt den Angeklagten schon seit seiner Geburt und sagt, dass er „mit der Einsamkeit nicht zurechtkommt“. Auch als sie ihn mit Start der Pandemie darauf hinwies, Abstand zu ihr zu halten, sei er damit nicht klargekommen. „Er wurde mit der Pandemie nicht fertig“.

Am kommenden Montag, 31. August, wird der Prozess in Itzehoe fortgesetzt. Dann plädieren Staatsanwalt und Verteidiger, dann soll aller Voraussicht nach ein Urteil gesprochen werden.