Prozess

„Riesenbums“ – Appener will sein Wohnhaus sprengen

Der Eingang zum Landgericht in Itzehoe (Symbolbild).

Der Eingang zum Landgericht in Itzehoe (Symbolbild).

Foto: Carsten Rehder / picture alliance / dpa

Ottmar D. berichtet vor dem Landgericht in Itzehoe, warum er in seiner Doppelhaushälfte im März die Gasleitung ansägte.

Appen/Itzehoe. „Ich bin genau da hingekommen, wo ich hin wollte“, sagt Ottmar D. – und meinst die Landesklinik für psychisch Erkrankte in Neustadt. Auf dem Weg dahin hat der Appener um ein Haar sein Doppelhaus in die Luft gejagt. Seit Montag arbeitet das Landgericht in Itzehoe den Vorfall vom 19. März auf. Versuchten Mord in zwei Fällen in Tateinheit mit dem Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion wirft Staatsanwalt Jan-Hendrik Schwitters dem 63-Jährigen vor, der sich seit 1993 in psychiatrischer Behandlung befindet und seit 2015 unter Betreuung steht.

Und wer dem Angeklagten zuhört, gewinnt schnell den Eindruck, dass der nicht ganz normal ist. „Ja ich bin verrückt, ich gebe es zu“, ruft der 63-Jährige – um gleich drauf breit grinsend von dem „Riesenbumms“ zu erzählen, den es an dem Abend in der Straße Beeksfelde geben sollte. „Denen sollten die Trommelfelle platzen, aber getötet werden sollte keiner.“ Mit denen meint der Appener seine Nachbarn. „60 Jahre habe ich da in Frieden gelebt, aber dann ziehen da Leute aus Hamburg ein und reden in Bundeswehrmanier mit mir.“

Der Streit mit einem Nachbar über seine laute Musik („Ich höre schon laut Musik, auch nachts“) – laut Ottmar D.s wirrer Schilderung nicht der einzige Auslöser, der zu der Wahnsinnstat führte. „Da sollte ein Schaden von drei Millionen Euro entstehen, ich wollte arm werden, der Bank sollte nur noch das Grundstück bleiben.“

In dem Haus war der 63-Jährige aufgewachsen, hatte dort bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren mit seiner Mutter gelebt. „Dann habe auf mich auf die Suche nach einer anderen Frau gemacht.“ Nach eigenen Angaben heiratete er eine Afrikanerin, war aber auch mit einer Irakerin verlobt und hatte eine polnische Freundin. Die Ehefrau war wiederum längst ausgezogen.

Am Tatabend habe er mit der Ehefrau telefoniert. „Sie hat versprochen, wiederzukommen und einen Neuanfang zu starten. Dann hat sie mich in der Luft hängen lassen.“ Er habe ihr daraufhin – natürlich nur im Scherz – mit der Ermordung gedroht. „Sie hat gesagt, sie ruft jetzt die Polizei, und hat aufgelegt. Da wusste ich, dass die gleich kommen und mich mitnehmen, ich war in einer verzweifelten Lage.“

Er sei dann in den Keller gegangen, habe eine Säge aus dem Werkzeugkasten genommen und die Gasleitung angesägt. Anschließend habe er mit einem Koffer das Haus verlassen, nicht ohne eine angezündete Kerze auf dem Couchtisch zu hinterlassen. „Die hatte ich aufgestellt für Menschen, die in Not sind. Sie sollte der Zünder sein, ohne Zündung kein Bumms.“

Dass es keinen „Bumms“ gab, ist letztlich einem Arzt der Psychiatrie des Klinikums Elmshorn zu verdanken. Dorthin war Ottmar D. per Bus und Bahn gefahren („In der Psychiatrie war ich bekannt“) – und der aufnehmende Arzt informierte sofort die Polizei, nachdem sich der 63-Jährige ihm anvertraut hatte. Polizistin Laura R. (27), die als Erste vor Ort war, spricht von einem „extremen Gasgeruch“, der ihr aus dem Haus entgegenzog. Die Kellerfenster seien abgedichtet gewesen. „In einem Fenster oben brannte Licht, sodass wir davon ausgingen, dass noch jemand im Haus war.“

Tatsächlich sei wenig später ein Mann von den Einsatzkräften herausgeholt worden – laut dem Angeklagten ein Obdachloser, den er aus Einsamkeit bei sich aufgenommen hatte. Auch in der anderen Doppelhaushälfte war laut der Polizistin eine Bewohnerin anwesend, die sofort aus dem Gefahrenbereich gebracht worden sei.

Lars. B. (37) von der Appener Feuerwehr berichtet, wie das Gasmessgerät zunächst nicht angeschlagen habe. „Alles wirkte harmlos.“ Doch die brennende Kerze habe ihn stutzig gemacht. „Wenn da was ist, musste die Kerze der Zeitzünder sein.“ Daher hätten die Einsatzkräfte das Wohnzimmerfenster aufgebrochen und die Kerze von außen mit Wasser ausgelöscht. Als dann der Mitbewohner das Gebäude verlassen habe, sei er kurz reingegangen. „Da piepte das Gerät plötzlich durchgängig.“

Uwe S. (59) hatte bei der Schleswig-Holstein Netz AG Bereitschaft – und rückte ebenfalls mit einem Gasmessgerät an. „Es war kurz vor der Explosion“, so der Zeuge. Er habe eine Tiefbaufirma anfordern müssen, die per Bagger den Gasanschluss des Hauses freigelegt und abgeklemmt habe. Dann habe die Feuerwehr das Gebäude belüftet, ehe die Einsatzkräfte es betreten durften.

„Die Druckwelle der Explosion hätte ausgereicht, um das ganze Gebäude zu zerstören“, so der LKA-Sachverständige Holger Herdejürgen (64). Laut seinem Gutachten seien die Bewohner in akuter Gefahr gewesen, auch den Nachbargebäuden habe großer Schaden gedroht.

Ottmar D. unterbricht immer wieder die Zeugen, wird wieder und wieder von Richter Dominik Groß zur Ruhe ermahnt. Nützt wenig. „Alles Lügen“, ruft der 63-Jährige mehrmals. Er will sich vor Verlassen des Hauses überzeugt haben, dass sein Mitbewohner nicht da war. Die Heizung will er abgeschaltet und auch die Kellerschächte nicht abgedichtet haben. Zum Ende des ersten Prozesstages wird der Appener ruhiger, er meldet sich, wenn er etwas richtigstellen will. „Ich freue mich auf meine Frau“, sagt er in den Raum, als er nach Prozessende abgeführt wird. Die sieht er heute wieder, wenn sie als Zeugin aussagen muss.