Gasleitung angesägt

Wer ist der Mann, der Appen in die Luft sprengen wollte?

Vor dem Landgericht Itzehoe wird dem Appener Ottmar D. der Prozess gemacht.

Vor dem Landgericht Itzehoe wird dem Appener Ottmar D. der Prozess gemacht.

Foto: Carsten Rehder / picture alliance / dpa

Im Prozess gegen Ottmar D., der die Gasleitung seines Hauses ansägte, erinnern sich Betreuer und Nachbarn an frühere Drohungen.

Appen/Itzehoe. Das Wiedersehen von Ottmar D. und seiner Ehefrau fiel am Dienstag vor dem Landgericht Itzehoe kurz und freudlos aus. Vera W. (56) machte vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, würdigte den Angeklagten kaum eines Blickes und war schnell wieder weg. Auch ein „Sag doch aus“, dass Ottmar D. ihr bittend zurief, konnte sie nicht umstimmen.

Dafür redete am zweiten Prozesstag Rainer M. (55). Er fungiert als gesetzlicher Betreuer des Appeners, der laut seinem Geständnis am 19. März die Gasleitung seines an der Straße Beeksfelde gelegenen Doppelhauses angesägt und um ein Haar eine Explosionskatastrophe ausgelöst hat. „Die Angst in der Straße vor Herrn D. war groß“, so der Betreuer.

Ottmar D. wollte ganz Appen in die Luft sprengen

Die alteingesessenen Bewohner, die mit dem 63-Jährigen aufgewachsen seien, hätten ihn zu nehmen gewusst. Doch für Neubürger habe die Kontaktstörung, unter der Ottmar D. leide, bedrohlich gewirkt. „Mein Telefon stand nicht still, viele hielten sein Verhalten für beängstigend.“

Auch ihm gegenüber habe der Angeklagte mehrfach geäußert, ganz Appen in die Luft sprengen zu wollen. Er habe jedoch nie das Gefühl gehabt, dass der 63-Jährige das auch in die Tat umsetzt.

Mutter behandelte Ottmar D. schlecht

Im August 2015 sei er als Betreuer eingesetzt worden, so der Zeuge. „Damals lebte seine Mutter noch, er selbst war krank, konnte sich nicht selbst versorgen.“ Die Mutter sei sehr schlecht mit Ottmar D. umgegangen, habe keinerlei Verständnis für seine Erkrankung gezeigt.

„Als Herr D. im Januar 2016 orientierungslos auf der Straße aufgefunden wurde, habe ich seine Unterbringung beantragt.“ Dort sei der heute 63-Jährige medikamentös so gut eingestellt worden, dass er wieder nach Appen zurückkonnte. „Nach dem Tod der Mutter war das Schlimmste für ihn die Einsamkeit.“

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Ottmar D. habe darauf mit der überstürzten Eheschließung reagiert und sich in der Folge Nähe regelrecht erkauft, seine Wünsche seien jedoch nie erfüllbar gewesen. „Ich habe versucht, eine Wohngruppe für ihn zu finden, aber keine war geeignet.“

Der Betreuer berichtete von drei Vorfällen mit dem Angeklagten, die alle gerichtlich noch nicht aufgearbeitet worden sind: eine angebliche Bedrohung einer neu hinzugezogenen Nachbarin im Mai 2018, ein Widerstand gegen Polizeibeamte im April 2019 sowie eine erste Drohung, sein Haus zu sprengen, im August 2019.

Gashahn angesägt: Corona löste Tat aus

„Sein Verhalten war schon latent bedrohlich. Ich habe mehrfach gedacht, hoffentlich geht das nicht nach hinten los“, so Rainer M. Nach seiner Ansicht habe die Corona-Pandemie und die damit verbundene Kontaktsperre die Tat letztlich ausgelöst. „Er hat ja jeden angequatscht, war bekannt wie ein bunter Hund.“ Ottmar D. habe aus seiner Sicht den Gashahn angesägt, um wieder in eine Gemeinschaft zu kommen – nämlich die im Landeskrankenhaus Neustadt. „Neustadt ist für ihn keine Strafe, sondern so etwas wie eine Bühne.“

Und auf der kann der Appener wohl länger auftreten. Der Psychiater Hubert Kuhs, der den Angeklagten untersucht hat, zog Dienstag ein Zwischenfazit – und kündigte an, dem Gericht die dauerhafte Unterbringung des Mannes in der Psychiatrie zu empfehlen. Die Vorfälle hätten sich gehäuft, ihre Schwere habe erhöht. Dies spreche dafür, dass von dem Angeklagten weitere schwerwiegende Straftaten zu erwarten seien.

Ist Ottmar D. eine tickende Zeitbombe?

„Ich habe ihm ins Gesicht gesagt, dass er eine tickende Zeitbombe ist“, so Hartmut E. (62). Er war von Ottmar D. im Dezember 2019 aufgenommen worden und bewohnte ein Zimmer im Haus. „Er hat mehrfach gesagt, dass er die ganze Nachbarschaft in die Luft sprengen will.“

Hartmut E. will am Tatabend nach Hause gekommen und das Haus leer vorgefunden haben. Gas habe er nicht gerochen. „Ich rieche und höre schlecht.“ Irgendwann sei ihm das Blaulicht vor seinem Fenster aufgefallen, dann seien Polizei und Feuerwehr reingestürmt und hätten ihn aus dem Haus gezerrt.

Astried H., die sich zum Zeitpunkt der Gasattacke in der anderen Doppelhaushälfte befand, erschien Dienstag nicht vor Gericht. Angeblich soll es im Umfeld ihrer Familie einen Corona-Fall geben. Richter Dominik Groß reichte das als Begründung nicht. Er will die Frau sowie den Arzt der Elmshorner Psychiatrie, dem sich Ottmar D. nach Ansägen der Gasleitung anvertraute, Montag als letzte Zeugen hören. Dann soll Kuhs sein Gutachten erstatten und das Urteil fallen.