Kreis Pinneberg

Krankenhaus entlässt psychisch Kranke wegen Corona

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Burkhard Fuchs
Das Elmshorner Krankenhaus auf einer älteren Luftaufnahme.

Das Elmshorner Krankenhaus auf einer älteren Luftaufnahme.

Foto: Regio Klinik

Pinneberger Landrat kritisiert Regio Kliniken. Krankenhaus wollte große Kapazitäten für Covid-19-Patienten schaffen.

Kreis Pinneberg.  Die Corona-Krise hat im Kreis Pinneberg die medizinische Behandlung psychisch kranker Menschen erheblich erschwert und zeitweise ausgesetzt. Wie sich jetzt herausstellt, haben die Regio Kliniken vor zwei Monaten, seit dem 14. März – offenbar um Platz zu schaffen für mögliche Corona-Patienten –, zwei der fünf psychiatrischen Stationen in Elmshorn weitestgehend geschlossen. Ärzte und Pflegepersonal wurden abgezogen, stationär behandelte Patienten vorzeitig entlassen.

Auch die Tagesklinik und Institutsambulanz hätten wochenlang keine Patienten mehr aufgenommen, sodass die Klinik die Aufnahme schwer psychisch kranker Menschen ablehnte, was „zu wiederholten Krisensituationen wie zum Beispiel erneuten zwangsweisen Unterbringen geführt“ habe, so Landrat Oliver Stolz in einem Schriftwechsel, der dem Abendblatt vorliegt. Zudem hätten die Regio Kliniken diese Maßnahmen ohne vorherige Absprache mit den Behörden von Land und Kreis getroffen, merkt Landrat Stolz an.

Ärzte und Angehörige haben den Kreis informiert

Zwar könnte es anfangs wichtig und richtig gewesen sein, Kapazitäten in Elmshorn für die in großer Zahl erwarteten Corona-Patienten in den Regio Kliniken freizuhalten und sich auf die Welle vorzubereiten, was „vorbildlich gelungen“ sei, so Stolz weiter. „Gleichwohl bleibt festzustellen, dass die Interessen der psychisch kranken Menschen nicht hinreichend bedacht wurden und insbesondere hierzu keine ausreichende Abstimmung erfolgte.“ Erst von Betreuern, Ärzten und Angehörigen habe der Kreis überhaupt davon erfahren.

Die Fachaufsicht des Kreises hat demnach die Regio Kliniken mehrfach aufgefordert, die stationäre Versorgung psychisch kranker Menschen wiederherzustellen, da auch diese Patienten „ein Recht auf adäquate Behandlung“ hätten und die wegen der Corona-Krise fast sieben Wochen anhaltende häusliche Isolation der Bevölkerung nach Meinung von Experten zu einer „deutlichen Zunahme psychischer Notfallsituationen“ und schwerwiegenden Krankheitsverläufen bei den so nicht behandelten Betroffenen führen dürfte.

Aktuell werden 13 Menschen wegen Covid-19 behandelt

Da aktuell deutlich weniger Covid-19-Patienten stationär aufgenommen werden müssten als angenommen, habe bereits die Bundesregierung empfohlen, die Krankenhausversorgung ab Mai wieder schrittweise zu normalisieren, heißt es weiter in dem Schriftwechsel. „Die Versorgungssituation für die psychiatrischen Patienten hingegen ist unverändert schlecht“, mahnt darin der sozialpsychiatrische Dienst des Kreises Pinneberg Ende April in einem Schreiben an die Regio Kliniken an und fordert: „Vor diesem Hintergrund ist es dringend notwendig, zumindest eine der geschlossenen Stationen zeitnah wieder zu belegen und das entsprechende Personal hierfür zur Verfügung zu stellen.“

Aktuell würden 13 Corona-Patienten in den Regio Kliniken stationär behandelt, drei davon intensivmedizinisch, sagte Kliniksprecherin Birga Berndsen am Dienstagnachmittag. „Die höchste Anzahl zeitgleich beatmeter Covid-19-Patienten betrug acht. Die höchste Anzahl stationär behandelter Covid-19-Patienten betrug 36 zuzüglich zehn Verdachtsfälle.“

Seit Ostern nur noch 21 Covid-19-Patienten behandelt

In den neun Wochen seit dem 2. März wurden insgesamt 115 Corona-Patienten im Kreis Pinneberg stationär behandelt, 71 von ihnen in der Hochphase der Pandemie zwischen dem 24. März und 8. April. In den drei Wochen nach Ostern sind nur noch 21 neue Corona-Patienten hinzugekommen (Quelle: www.infmed.uni-kiel.de/de/epidemiologie/covid-19).

Landesweit werden zurzeit 63 Corona-Patienten stationär behandelt, 18 davon intensivmedizinisch. Landesweit stehen 524 von 1078 Intensivbetten (49 Prozent) leer. In Elmshorn und Pinneberg sind es sieben (Quelle: www.intensivregister.de).

Landesregierung kritisiert Klinik ebenfalls

Auch die Landesregierung kritisiert auf Anfrage die Entscheidung der Klinikleitung. Zwar sei es nachvollziehbar, dass die Regio Kliniken die Gesundheitsvorsorge und die gesundheitlichen Interessen von möglichen Coronavirus-Infizierten und psychisch erkrankten Patienten im Zuge der sich verschärfenden Corona-Krise hätten abwägen müssen.

„Gleichwohl muss sichergestellt sein, dass psychisch kranke Menschen keinen Schaden durch fehlende stationäre Behandlungsmöglichkeiten nehmen“, betont ein leitender Mitarbeiter im Gesundheitsministerium. Insbesondere müsse „sichergestellt sein, dass Betroffene, die gegen ihren Willen in der Klinik untergebracht werden müssen, adäquat betreut werden“ und dass fixierte psychisch kranke Menschen angemessen betreut würden. Jeder Betroffene habe ein Recht auf eine adäquate Behandlung, so der Ministeriumsmitarbeiter. Hierfür sei auch eine ausreichende ärztliche und pflegerische Versorgung notwendig.

Die Regio Kliniken berufen sich bei ihrer Entscheidung auf den Erlass der Landesregierung von Mitte März, der „alle Kliniken dazu verpflichtete, elektive und medizinisch vertretbare Behandlungen abzusagen und schnellstmöglich stationäre Betten bereitzustellen“, um so zusätzliche Krankenhausbetten-Kapazitäten für die erwartete Welle an Corona-Patienten zu schaffen. Das habe alle Fachabteilungen und insbesondere die psychiatrische Klinik betroffen, erklärt Kliniksprecherin Berndsen. Und da der Betreuungsaufwand das Zwei- bis Dreifache des normalen Personalschlüssels ausmachte, hätte ein Großteil des Pflegepersonals aus anderen Abteilungen abgezogen und dafür geschult werden müssen.

Regio Kliniken berufen sich auf Erlass der Landesregierung

Weiter sagt sie: „Eine der beiden geschlossenen Stationen (in der Psychiatrie) ist bereits seit einem Monat in Teilen wieder in Betrieb.“ Auch die Tagesklinik sei jetzt „mit der Hälfte der regulären Plätze“ wieder geöffnet. „Es gelten strenge Hygienerichtlinien. Alle Patienten werden bei Aufnahme und dann in Folge zweifach abgestrichen.“ Soweit es medizinisch vertretbar gewesen wäre, seien die Patienten aus den geschlossenen Stationen nach Hause entlassen worden. „Fremd- oder selbstgefährdende Patienten wurden selbstverständlich nicht entlassen“, versichert die Kliniksprecherin. Psychologen und Psychiater hätten zu ihren Patienten telefonisch und per Videokonferenz Kontakt gehalten.

Es habe für die Regio Kliniken keine Alternative gegeben, so Berndsen weiter. „Es handelte sich um die Umsetzung einer Pflichtvorgabe.“ Kurzfristig seien 300 Betten für mögliche Corona-Patienten bereitgestellt worden. „Das ist nur möglich, wenn alle Fachabteilungen sich daran beteiligen.

Ärztlicher Direktor dankt für Rückhalt in der Bevölkerung

Prof. Dr. Max Nedelmann, Ärztlicher Direktor der Regio Kliniken, gibt zu bedenken, dass dieses „weitgehend unerforschte, neue Virus“ schnelle Maßnahmen zur Eindämmung erfordert hätte, die die Mitarbeiter und Patienten aller Abteilungen gleichermaßen betraf. Alle Mitarbeiter hätten „Großartiges geleistet“, so Prof. Nedelmann. „Aus der Bevölkerung haben uns viel Verständnis, Kooperationsbereitschaft und überwältigende Unterstützung erreicht. Dafür danken wir allen nachdrücklich.“

Die Kreispolitik, die von dieser plötzlichen Misere für die psychisch kranken Menschen im Kreis Pinneberg erfahren hat, kritisiert dagegen das Vorgehen der Klinikleitung als „falsch und fahrlässig“, wie SPD-Fraktionschef Hannes Birke sagt. Für ihn ist es „ein unglaublicher Vorgang, dass die Klinik einen erheblichen Teil der behandlungsbedürftigen psychisch kranken Menschen praktisch auf die Straße gesetzt, die Behandlung in der Tagesklinik faktisch verweigert und wiederholt die Aufnahme psychisch kranker Menschen abgelehnt hat.“ Als Mitgesellschafter der Regio Kliniken müsse der Kreis Pinneberg darauf drängen, dass seelisch kranke Menschen nicht mehr darunter leiden müssten.

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