Kreis Pinneberg

Stieftochter geköpft: Sie nannten ihn „Knuddelbär“

Der Angeklagte Olaf P. beim Prozessauftakt am 20. Februar mit seiner Anwältin Katja Münzel.

Der Angeklagte Olaf P. beim Prozessauftakt am 20. Februar mit seiner Anwältin Katja Münzel.

Foto: Arne Kolarczyk

Weggefährten sprechen von liebem Menschen mit einem wahnsinnig großen Herzen. Was ließ Olaf P. aus Tornesch zum Mörder werden?

Tornesch.  „Bei uns in der Familie haben wir ihn immer Knuddelbär genannt.“ Stefan P. (56) spricht an diesem Dienstag über seinen jüngeren Bruder Olaf. Der sitzt zwei Meter schräg hinter ihm auf der Anklagebank des Landgerichts Itzehoe, weil er am Morgen des 21. August 2019 in Tornesch seine Stieftochter Nina T. (36) umgebracht hat. Den angeklagten Mord hat Olaf P. (55), der von allen nur Ole genannt wird, am zweiten Prozesstag detailliert gestanden.

Verstanden hat sein älterer Bruder die Tat nicht. „Als ich im ICE sitzend am Telefon davon erfahren habe, habe ich erst an einen schlechten Scherz gedacht“, sagt sein Bruder. Dann habe er an eine Affekttat geglaubt. „Aber als ich dann weitere Details bekommen habe, wurde das Ganze für mich unerklärbar.“

Er sagte seinem Bruder, er sei mit der Situation überfordert

Wenige Tage vor dem Mord habe sein Bruder ihn angerufen und um Rat gefragt. Er habe ihm erzählt, dass die Stieftochter wegen Alkoholproblemen bei Mann und Sohn rausgeflogen und bei ihm untergekommen sei. „Er steckte im Dilemma. Als Stiefvater von Nina wollte er Verantwortung für sie übernehmen, aber er kam mit ihr als Person wegen des Alkoholkonsums nicht gut zurecht und fühlte sich überfordert.“ Olaf P. habe zu diesem Zeitpunkt bereits die Polizei gerufen, um die Stieftochter von seinem Grundstück entfernen zu lassen, habe dann aber wieder Mitleid mit ihr gehabt. Schließlich habe er sie nicht im Auto übernachten lassen wollen.

„Ich sagte ihm, er soll sich von ihr distanzieren, sich von ihr fernhalten und sie vom Grundstück werfen, weil er am Ende der Dumme sein werde“, so Stefan P. weiter. Sein Bruder habe jedoch nicht auf ihn gehört. Er sei im Freundes- und im Bekanntenkreis beliebt gewesen, habe immer als sehr hilfsbereit gegolten. Streit sei sein Bruder meist aus dem Weg gegangen – auch in den Fällen mit seiner 2015 verstorbenen Frau, der Mutter von Nina. „Er war immer der, der den Streit beigelegt hat, nie der, der ihn ausgefochten hat.“

Schwägerin traf die sturzbetrunkene Stieftochter

Melanie P. (47) ist die Ehefrau des Bruders und die Schwägerin des Angeklagten. Mit Olaf P. hatte sie noch am Abend vor der Tat Kontakt – ebenso mit dem späteren Mordopfer. „Ich habe mit Nina telefoniert, sie hat geweint und gesagt, dass sie nicht allein sein will.“ Daraufhin sei sie am Abend gemeinsam mit ihrem Sohn zum Haus des Schwagers gefahren, der bei der Arbeit gewesen sei. „Die Haustür stand offen, es ging Nina nicht wirklich gut.“ Sie sei stark angetrunken und völlig depressiv gewesen. „Ich habe ihr erst mal beim Duschen geholfen, wollte sie zur Ruhe bekommen.“ Sie habe dann Olaf P. („Er ist ein ganz lieber Mensch mit einem wahnsinnig großen Herzen“) über den Zustand seiner Stieftochter informiert. „Er sagte ,Oh Gott, schon wieder’ und versprach, sofort von seiner Arbeit loszufahren.“

Sie habe dann noch zwei leere Mini-Flaschen Wodka mitgenommen. „Für sie war es wichtig, dass ich Ole nicht sage, dass sie getrunken hat.“ Sie hätte die Tochter ihrer verstorbenen Schwester auch bei sich aufgenommen. „Wir hatten im Keller genügend Platz. Aber mein Mann war ganz anderer Meinung als ich, sagte, wir sollen uns da raushalten.“

Nach dem Duschen fiel die Stieftochter um

Ihr Sohn Vincent P. (20) bestätigte die Angaben seiner Mutter. Er berichtete noch von diversen leeren Sektflaschen, die sie im Auto von Nina T. gefunden hatten. Und davon, dass sich die 36-Jährige kaum auf den Beinen halten konnte. „Nach dem Duschen ist sie im Flur gestürzt und hat mit ihrer rechten Schulter ein Regal umgehauen.“

Ingo S. (50) wohnte im Haus direkt neben dem Angeklagten. „Er war ein ruhiger, hilfsbereiter Nachbar, absolut nicht auffällig.“ Man habe ab und an am Zaun einen Klönschnack gehalten. „Er erzählte mir, dass Nina zu Hause rausgeflogen und erst mal bei ihm untergekommen ist.“ Er habe später dann auf der Terrasse einen lautstarken Streit zwischen dem Angeklagten und seiner Stieftochter mitgehört. „Er schrie immer wieder: ,Ich will Dich hier nicht haben, geh weg‘.“ Seine Frau habe Olaf P. dann beim Einkaufen getroffen. „Sie sagte mir, dass er völlig fertig sei und vier Tage nicht geschlafen habe.“

Im Rettungswagen schlief Olaf P. erst mal

Jörn D. (48) war am Tattag im Einsatz als Rettungssanitäter und hat den Angeklagten behandelt. „Er hatte Verletzungen an den Händen und Klebeband am Hals, war aber stabil.“ Olaf P. habe sein Geburts- und das Tagesdatum nennen können, sei in der Kommunikation verlangsamt gewesen. Auf dem Weg ins Krankenhaus habe er im Krankenwagen geschlafen.

Der 55-Jährige hatte in seinem Geständnis angegeben, nach dem Mord an der Stieftochter einen Suizid geplant zu haben, er habe die Ausführung aber abgebrochen. Laut der Rechtsmedizinerin Daniela Fröb waren die Schnittverletzungen, die sich Olaf P. beigebracht hatte, nur „oberflächlicher Natur“.

Arbeitskollegin der Getöteten will über sexuellen Missbrauch sprechen

Rechtsanwalt Thomas Erdmann, der den elfjährigen Sohn der Toten als Nebenkläger vertritt, beendete den dritten Prozesstag mit einem Beweisantrag, der im Anschluss im Zuschauerraum und auch unter den Prozessbeteiligten zu erregten Diskussionen führte. Er will eine Arbeitskollegin und Vertraute des Opfers als Zeugin hören, deren Aussagen eine gewisse Sprengkraft haben könnten. Ihr soll Nina T. anvertraut haben, vom Angeklagten in ihrer Kindheit und Jugend mehrfach sexuell missbraucht worden zu sein. Er sei der Grund für ihren Alkoholkonsum – und sie habe der Freundin geraten, das Trauma doch jetzt einmal aufzuarbeiten.

Das Gericht hatte nicht vor, die Arbeitskollegin – ihre Aussage ist auch in den Akten dokumentiert – zu laden. Ob die Kammer das aufgrund des Beweisantrags jetzt anders sieht, entscheidet sich nächsten Dienstag. Staatsanwältin Maxi Wantzen empfahl, den Beweisantrag abzulehnen, weil die Zeugin die angeblichen Ereignisse nur vom Hörensagen kenne. Verteidigerin Katja Münzel schloss sich dem an und meinte, dass die Zeugin sich nur wichtig machen wolle. Stefan P. schloss auf Nachfrage kategorisch aus, dass sein Bruder einen Missbrauch begangen haben könnte.