Kreis Pinneberg

Erster Arzt schlägt Alarm: Desinfektionsmittel ist knapp

| Lesedauer: 5 Minuten
Joana Ekrutt
Dr. Tahsin Balli, Pneumologe in Elmshorn, macht sich Sorgen um den Steriliumnachschub. Seine Vorräte gehen zur Neige.

Dr. Tahsin Balli, Pneumologe in Elmshorn, macht sich Sorgen um den Steriliumnachschub. Seine Vorräte gehen zur Neige.

Foto: Amelie Hamester / HA

Ärztekammer fordert Verteilungsschlüssel. Kassenärztliche Vereinigung: „Situation sehr ärgerlich.“ Apotheker dürfen selbst mixen.

Elmshorn. Dr. Tahsin Balli öffnet die Tür eines Schrankes, der auf dem Flur seiner Praxis steht. Es ist sein Desinfektionsmittellager, randvoll, 15 Flaschen zu je einem halben Liter mindestens. Normalerweise. Nun ist er ziemlich leer. Nur noch zwei Flaschen mit blauem Sterilium stehen verlassen im Regal. Selbst die sind eigentlich eine Notlösung, weil der Elmshorner Lungenfacharzt sonst ein anderes Desinfektionsmittel nutzt, Desderman-Pure.

Seit fast zwei Wochen wartet er schon auf eine Nachlieferung, seit fast zwei Wochen wartet er vergeblich. Eine Folge der Angst vor dem Coronavirus. Denn plötzlich bevorraten sich auch Menschen mit großen Mengen an Desinfektionsmittel, die normalerweise gar keines brauchen. Und Nachschub bleibt, weil oft in China produziert, aus.

Für Balli ist das eine echte Notlage. Die zwei Flaschen im Schrank reichen noch wenige Tage. Wenn der letzte Tropfen verbraucht ist, muss er schließen. „Das ist eine einzige Katastrophe“, sagt der Lungenfacharzt. „Das A und O einer medizinischen Grundversorgung ist die Händedesinfektion.“ Ohne Schutzausrüstung könne er seine Patienten, von denen viele durch Chemotherapien und Krebserkrankungen immungeschwächt seien, nicht behandeln. „Schwerstkranke Patienten werden in meiner Praxis versorgt, daher ist die Versorgung mit Desinfektionsmittel absolute Voraussetzung, um den Praxisbetrieb aufrecht erhalten zu können.“

Desinfektionsmittel in vielen Apotheken ausverkauft

Tahsin Balli ist der einzige Lungenfacharzt in Elmshorn. Im Quartal behandelt er circa 1800 Patienten. Sollte er seine Praxis schließen müssen, hätten seine teilweise schwerkranken Patienten auf unbestimmte Zeit keinen Ansprechpartner. Zur Not, sagt Balli, wäre er auch auf Desinfektionsmittel aus Drogeriemärkten umgestiegen, doch auch dort: keine Chance. Und auch im Internet wird er nicht fündig.

Desinfektionsmittel ist knapp: So deutlich wie Balli spricht das bislang kaum jemand aus. Handel, Krankenhäuser, Ministerium sind da noch zurückhaltend, werden nicht allzu konkret. „In unseren Kliniken sind die erforderlichen Schutzausrüstungen – geeignete Desinfektionsmittel, Mundschutz, Schutzkleidung – in der Standardbevorratung“, sagt Birga Berndsen, Pressesprecherin der Regio Kliniken. Generell verfüge der Klinikbetreiber über zwei Sicherheitsvorkehrungen.

„Zum einen haben wir eine ausgewogene Lagerstrategie entwickelt, und zum anderen profitieren wir als Teil des Sana Klinikverbundes und dessen Netzwerk im Sana Einkaufsverbund über ein entsprechendes zentrales Lieferausfallmanagement.“ Der Vorrat sei also auch in Zeiten höheren Bedarfs ausreichend, so Berndsen. Aktuell sei in Hinblick auf die Influenza-Saison eh mehr eingeplant.

Dass Desinfektionsmittel in vielen Apotheken ausverkauft sind, sei im Gesundheitsministerium bekannt. Angesichts der Coronavirus-Lage hat das Ministerium daher mit dem für die Überwachung der Herstellung von Arzneimitteln zuständigen Landesamt für die Apothekerschaft in Schleswig-Holstein die Genehmigung zur Eigenherstellung von Rezepturen zur Haut- und Händedesinfektion erteilt. „Damit wollen wir zur guten Versorgung beitragen“, sagt Ministeriumssprecher Christian Kohl. Künftig darf also jede Apotheke im Land Desinfektionsmittel herstellen.

Verteilungsschlüssel für die notwendigen Mittel könnte hilfreich sein

Aus dem Ministerium heißt es jedoch auch ausdrücklich, dass Desinfektionsmittel im Gesundheitswesen nötig seien, im privaten Bereich hingegen gründliches Händewaschen ausreiche. Flächendeckende Engpässe aus Arztpraxen oder Krankenhäusern seien dort nicht bekannt. Auch Ralf Timm, Geschäftsführer des Sanitäts-Bedarf Rendsburg, einem medizintechnischen Fachhändler für Schleswig-Holstein und Hamburg, spricht nicht von Lieferengpässen.

Allerdings verzeichne das Unternehmen eine stärkere Nachfrage nach Händedesinfektionsmittel und Atemschutzmasken – ganze 50 Prozent in den vergangenen Wochen. „Wir nehmen alle Aufträge an und versuchen, die gewünschte Ware zu beschaffen“, sagt Timm. Aufgrund der hohen Nachfrage seien die Kosten jedoch mittlerweile dreimal so hoch. Der Kundenstamm aus Ärzten und Kliniken hätte sich zudem um Handwerksbetriebe, Supermarktketten oder Sparkassen erweitert. „Auch sie wollen ihre Mitarbeiter schützen.“

Arztpraxen und Krankenhäuser könnten Mittel fehlen

Stephan Göhrmann, Sprecher der Ärztekammer, sagt hingegen: „Eine erhöhte Nachfrage in den Apotheken kann in der Regel dazu führen, dass gängige Mittel nicht im gewohnten Maße für Arztpraxen und Krankenhäuser zur Verfügung stehen.“ Ein Verteilungsschlüssel für die notwendigen Mittel könne hilfreich sein. Auch die Kassenärztliche Vereinigung schlägt Alarm: „Uns ist aus Rückmeldungen von Ärzten bekannt, dass es ein Problem mit der Versorgung mit Schutzmaterialien gibt“, sagt Delf Kröger, Leiter Gesundheitspolitik. „Die Situation ist sehr ärgerlich.“

Dass solche Engpässe in Deutschland passieren können, ist für Tahsin Balli, der zuvor als Hygienebeauftragter und Chefarzt der Pneumologie am Regio-Klinikum in Wedel tätig war, unbegreiflich. „Was hier passiert ist, ist Versagen auf ganzer Linie. Es müssten Maßnahmen festgelegt werden, damit das Desinfektionsmittel dorthin verteilt wird, wo es wirklich gebraucht wird – in die Arztpraxen und Krankenhäuser.“

Seine verzweifelte Suche nach einem Restbestand an Sterilium verlief erfolglos – bis die Privilegierte Apotheke in Elmshorn anbot, sie könne selbst Desinfektionsmittel herstellen.

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