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Kreis Pinneberg

Wie Holms Feuerwehr den toten Winkel abschaffen will

Der rote Bereich auf dem Bildschirm zeigt den vom Fahrer nicht einsehbaren toten Winkel. Tauchen dort Personen auf, schlägt das System Alarm.

Der rote Bereich auf dem Bildschirm zeigt den vom Fahrer nicht einsehbaren toten Winkel. Tauchen dort Personen auf, schlägt das System Alarm.

Foto: Arne Kolarczyk

Landesweites Vorbild: Vier Einsatzfahrzeuge werden mit Abbiegeassistenten ausgerüstet, der Fußgänger und Radfahrer erkennt.

Kreis Pinneberg.  Eine kleine Feuerwehr wird landesweit zum Vorbild: Die Feuerwehr Holm hat alle vier Einsatzfahrzeuge mit Abbiegeassistenten ausstatten lassen – als erste Wehr in Schleswig-Holstein. „Das ist ein Stück Sicherheit, das sich lohnt“, sagt Wehrführer Lukas Krack. Und für den Bürgermeister Uwe Hüttner ist es „selbstverständlich, dass wir als Gemeinde diese Anschaffung finanziell unterstützen“.

Viel Geld fließt ohnehin nicht. 2500 Euro kostet das kamerabasierte System der Firma Luis Technology pro Fahrzeug. Dank einer Förderung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) reduziert sich der Betrag für die Gemeinde auf 1000 Euro. Sehr wenig Geld für ein großes Plus an Sicherheit, meinen Hüttner und Krack.

Holms Feuerwehr will den toten Winkel abschaffen

„Immer wieder ereignen sich fiese und tragische Unfälle beim Abbiegen“, sagt der Wehrführer. Auch Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr könnten davon betroffen sein. „Es ist ja nicht so, dass wir immer mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs sind“, so Krack. Am häufigsten seien Übungsfahrten.

„Es gibt beim Abbiegen einen toten Winkel. Fußgänger oder Radfahrer, die sich dort aufhalten, sind für den Fahrer nicht erkennbar“, sagt der Feuerwehrchef. Dies ist für die Holmer Feuerwehr nun Vergangenheit. Die drei größeren Löschfahrzeuge und der kleinere Mannschaftstransportwagen sind alle auf der rechten Seite mit einer Kamera ausgerüstet worden, deren Bilder auf einen Monitor im Fahrerhaus übertragen werden. Befindet sich eine Person oder ein Gegenstand beim Rechtsabbiegen im toten Winkel, löst das System einen akustischen und zusätzlich auch einen optischen Alarm aus.

"Beispielhafte Aktion" soll landesweites Vorbild werden

„Unser ältestes Löschfahrzeug ist Baujahr 1990. Und selbst das konnten wir problemlos mit diesem System ausrüsten“, so der Wehrführer weiter. Die Initiative sei vom Gerätewart Björn Wanke ausgegangen, der die Idee gehabt und sich auch um die Förderanträge beim BMVI gekümmert habe.

Eine beispielhafte Aktion – findet auch Dennis Renk, Sprecher der Kreisfeuerwehr. „Wir hoffen, dass es beispielgebend für andere Feuerwehren ist.“ So könnten sich etwa Feuerwehr-Fördervereine in diesem Bereich engagieren. Bisher sind laut Renk solche Systeme nur vereinzelt in Fahrzeugen der Wehren eingebaut. „Die Wedeler Feuerwehr mit ihren 14 Fahrzeuge hat so etwas beispielsweise gar nicht.“

Sicherheitspartnerschaften der "Aktion Abbiegeassistent" seit 2018

„Wir freuen uns, die Feuerwehr Holm als Kunden gewonnen zu haben und hoffen auf eine Signalwirkung“, sagt Marcus Dirks, Bereichsleiter bei Luis Technology. Die Hamburger Firma, die seit Kurzem auch die Stadt Hamburg zu ihren Kunden zählen darf, benötigt drei bis vier Stunden pro Fahrzeug für eine Ausrüstung mit dem Abbiegeassistenten und arbeitet mit eigenen Monteuren und auch Subunternehmen zusammen.

Die „Aktion Abbiegeassistent“ des BMVI gibt es seit Juli 2018. In diesem Zusammenhang vergibt das Ministerium auch sogenannte Sicherheitspartnerschaften. Diese Partner verpflichten sich, ihren gesamten Fuhrpark mit Abbiegeassistenten nachzurüsten – und zwar vor der EU-weiten Verpflichtung, alle Fahrzeuge mit derartigen Geräten auszustatten. 116 dieser Partnerschaften bestehen derzeit auf Bundesebene, darunter befinden sich inzwischen alle großen Lebensmittelketten. Am 25. März sollen weitere Sicherheitspartner ernannt werden.

Insgesamt zwei Förderprogramme des BMVI

„Aus dem Kreis Pinneberg haben wir bisher einen Sicherheitspartner gewinnen können“, so die Sprecherin des BMVI, Martina Thöne. Es handele sich um die Rellinger Baustoffspedition SchnellHans GmbH, die im Juli vergangenen Jahres ausgezeichnet wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zehn der zwölf firmeneigenen Lkw mit dem System ausgestattet, was damals mit 29.000 Euro zu Buche schlug. Eine Förderung durch das Ministerium stand in Aussicht, konnte jedoch wegen vieler anderer Anträge nicht garantiert werden.

Mittlerweile hat das BMVI nachgelegt, was die Förderung betrifft. Laut Sprecherin Martina Thöne gibt es für dieses Jahr inzwischen zwei Programme, aus denen Fördergeld abgerufen werden kann. Das „Förderprogramm Abbiegeassistenzsysteme“ (AAS) werde 2020 fortgesetzt und habe ein Volumen von zehn Millionen Euro. Seit dem 7. Januar sei zusätzlich das Programm „de-minimis“ aufgelegt worden, die Antragsfrist dafür ende am 30. September. Anträge für beide Förderprogramme können beim Bundesamt für Güterverkehr (BAG) gestellt werden.

Abbiegeassistenzsysteme sind zertifiziert und förderfähig

„Die Neuorganisation ermöglicht es, jetzt wesentlich mehr Kraftfahrzeuge mit Abbiegeassistenten auszustatten. Das eröffnet insbesondere Chancen für Antragsteller, die bei den bisherigen Förderrunden oft nicht schnell genug waren“, sagt die Ministeriumssprecherin.

Deutschland wolle nicht warten, bis die EU-Pflicht greift, und schöpfe vorher alle nationalen Möglichkeiten aus, um den Einbau zu beschleunigen. Acht Abbiegeassistenzsysteme seien inzwischen vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) zertifiziert und damit förderfähig. Gefördert werden maximal 80 Prozent der zuwendungsfähigen Ausgaben, der Höchstbetrag liegt bei 2000 Euro pro Fahrzeug.