Insolvenz

Hatlapa: Der große Bluff um das Unternehmen

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Burkhard Fuchs
Da schien die Welt in Ordnung. Investor Sven Rother (3. v. l.) inmitten seiner neuen Mitarbeiter, die er als „hochmotivierte Spitzentruppe“ lobte.

Da schien die Welt in Ordnung. Investor Sven Rother (3. v. l.) inmitten seiner neuen Mitarbeiter, die er als „hochmotivierte Spitzentruppe“ lobte.

Foto: Burkhard Fuchs

Die Zerspanungstechnik und Vorrichtungsbau GmbH ist nach nicht einmal einem Jahr abgewickelt. Alle Details zur Insolvenz.

Uetersen.  Das Unternehmen Hatlapa ist jetzt endgültig Geschichte. Zum Jahresende ist die Uetersener Zerspannungstechnik und Vorrichtungsbau GmbH (UZV), die der Fertigung des früheren Zulieferbetriebes für die Schiffbauindustrie entsprach, aufgelöst und abgewickelt worden. Mangels Masse und Anlagevermögen sei der Betrieb nicht mehr fortzuführen gewesen, sagt der Insolvenzverwalter Klaus Pannen. „Das Unternehmen war nicht mehr zu retten.“

In Planung: Sozialplan und Ansprüche gegen Rother

Für die etwa 30 betroffenen Mitarbeiter hofft Pannen, noch einen Sozialplan aufstellen zu können. Zudem prüfe er zurzeit, ob er Ansprüche gegen Sven Rother geltend machen könne. Rother kaufte im März 2019 die ehemalige Uetersener Maschinenfabrik aus der Insolvenz heraus, als sich der finnische Cargotec-MacGregor-Konzern von der ehemaligen Hatlapa-Produktionsabteilung trennte. 2013 schluckte der Konzern Hatlapa.

„Das Jahr 2019 würde ich am liebsten aus meiner Erinnerung streichen“, sagt Kay Alexander Garbers. „Ein Buch werde ich darüber nicht schreiben.“ In wenigen Wochen hätte er seine 20-jährige Zugehörigkeit zu dem 1919 gegründeten Unternehmen feiern können. Doch stattdessen musste der Betriebsratsvorsitzende der UZV gleich zwei Pleiten in einem Jahr verkraften. Im Februar mit damals noch 60 der ehemals 90 Mann starken Maschinenbau-Abteilung. Und ein halbes Jahr später erneut. Das hieß Ärger, Wut und Existenzangst statt Hoffnung auf einen sicheren Arbeitsplatz.

Großer Bluff: Wie Rother Hoffnung schürte

Dabei schien die Welt bei dem Uetersener Maschinenbauunternehmen nach der Ausgliederung von MacGregor im Frühjahr wieder in Ordnung zu sein. Der kaltenkirchener Unternehmer machte nicht nur den ehemaligen Hatlapa-Mitarbeitern neue Hoffnung auf eine sichere Zukunft.

Der Mann, der mehrere Firmen an acht Standorten aus der Insolvenz herausgekauft und zur „Rother Gruppe“ zusammengeführt hatte, gerierte sich auch gegenüber der örtlichen Politik und Verwaltung als großer Retter. Wie sich bald herausstellte, war das alles nur ein großer Bluff.

Insolvent: Der Zerfall des Unternehmens

Den Maschinenpark verkaufte er an andere Unternehmen und leaste sie zurück. Alles andere, was mal zur Hatlapa-Werkstatt gehörte, übertrug er nach Angaben des Insolvenzverwalters an seine eigene Beteiligungsgesellschaft. Der UZV blieb außer der hochqualifizierten Belegschaft nichts an Anlagevermögen übrig, was sich zu Geld machen ließ.

Eine Trennung von der Betriebs- und Besitzgesellschaft, die durchaus in der Branche üblich sei, sagt Insolvenzverwalter Pannen. Doch für die Uetersener Kollegen entwickelte sich dieser Ausverkauf bald zum Schicksalsschlag.

Überstunden und Gehaltseinbußen für Belegschaft

Erst wurde die Belegschaft zu Gehaltseinbußen bei Urlaubsgeld und Zulagen gedrängt. Dann blieben im August die Zahlungen zum Teil ganz aus. Dabei hatte sich die „hochmotivierte Spitzentruppe“, wie Rother seine Mitarbeiter dem Abendblatt gegenüber bezeichnete, die das Aushängeschild seiner ganzen Gruppe werden sollte, gleich zu Beginn bereiterklärt, ohne Lohnausgleich zwei Jahre lang 38,5 statt der tariflichen 35 Wochenstunden zu arbeiten.

Statt des versprochenen Tariflohns fehlte der Belegschaft im Herbst nach Angaben der IG Metall bereits etwa 200.000 Euro auf dem Konto. Ein Geschäftsgebaren, das IG-Metall Bevollmächtigter Kai Trulsson in jahrzehntelanger Erfahrung so noch nicht erlebte. „Das war schlimm.“ Bis zu acht Wochen hätten die Kollegen kein Geld bekommen, bis schließlich das Insolvenzgeld im Oktober einsprang. Das erinnert ihn eher an das 19. als an das 21. Jahrhundert, kritisiert Trulsson und fordert den Gesetzgeber auf, die Schutzrechte der Arbeitnehmer gegen solche Auswüchse des Kapitals zu stärken.

Mitarbeiter-Entlassung: ein unwürdiges Schauspiel

Zum Spießrutenlauf geriet auch der persönliche Abschied der Mitarbeiter von ihrem Arbeitsplatz, berichtet Ex-Betriebsratschef Garbers. „Das war unterste Schublade.“ Im Beisein eines „Bodyguards“ hätten sie ihre persönlichen Sachen aus den Spinden und Schreibtischen herausholen müssen. Für Garbers ein unwürdiges Schauspiel, das allen vor Augen geführt habe, welch’ seltsames Menschenbild ihr Ex-Arbeitgeber hatte.

Noch zwischen den Feiertagen sei das Inventar aus der großen Werkstatthalle abtransportiert worden, berichtet Garbers. 15 Fräs- und Drehmaschinen des ehemals stolzen Maschinenparks von Hatlapa stünden dort noch ungenutzt herum, weil die Leasingfirma für sie wohl noch einen Käufer suche. Grundstückseigentümer MacGregor habe die Standzeit wohl noch verlängert.

Viele Kollegen fanden schon einen neuen Job

Garbers kann dies alles noch aus der Nähe beobachten. Er arbeite jetzt auf demselben Gelände am Tornescher Weg für eine Firma, die sich auf Exportverpackungen für Transporte spezialisiert habe. Statt Metallbau, wie er ihn vor 20 Jahren bei Hatlapa gelernt habe, mache er jetzt in Holzpalettenbau.

Zum Glück für die meisten seiner Kollegen hätten auch sie wieder einen neuen Job gefunden, weiß Garbers. Nur den älteren Kollegen, die jenseits der 55 seien, sei dies bislang nicht gelungen.

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