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Bürgerbus – so kann es in Appen funktionieren

Dieser Bürgerbus in Niedersachsen wird seit 1997 von einem Verein betrieben. Auch in Appen könnte bald ein Bürgerbus unterwegs sein.

Dieser Bürgerbus in Niedersachsen wird seit 1997 von einem Verein betrieben. Auch in Appen könnte bald ein Bürgerbus unterwegs sein.

Foto: dpa Picture-Alliance / Julian Stratenschulte / picture alliance / dpa

Agentur Landmobil berät den Seniorenbeirat in Appen, wie er einen Fahrdienst von Einwohnern für Einwohner umsetzen kann.

Appen. Zu den Nachteilen des Landlebens gehören lange Wege und eine schlechte Erschließung durch den öffentlichen Nahverkehr. Deshalb setzt sich der Seniorenbeirat Appen für die Anschaffung eines Bürgerbusses ein (wir berichteten). Bei diesem Modell chauffieren ehrenamtliche Fahrer ihre Mitbürger mit einem Kleinbus durch die Gemeinde.

Etwa 25 Menschen waren auf Einladung des Seniorenbeirates Appen am Dienstagnachmittag ins Bürgerhaus gekommen, um sich über das Thema zu informieren. Holger Jansen und Ralph Hintz von der Agentur Landmobil erklärten, wie das Vorhaben in anderen Gemeinden erfolgreich umgesetzt wurde. Die Agentur Landmobil ist bundesweit für die Mobilität in ländlichen Räumen unterwegs. Ein Schwerpunkt liegt beim selbst vor Ort organisierten Bus. Das Team der Agentur berät Gemeinden von der ersten Idee bis zum ersten Tag.

„Wir haben schon mehr als 60 Bürgerbusse ins Leben gerufen, und bislang ist keiner wieder eingestellt worden“, sagt Holger Jansen. Ein Bürgerbus sei ein Gemeinschaftsprojekt und auf Ehrenamtliche angewiesen. Oft unterstützten Gemeinden oder das Amt die Arbeit. „Im Kreis Pinneberg gibt es bislang noch keinen Bürgerbus.“ In Rheinland-Pfalz, wo die Agentur mit ihren ersten Bürgerbussen begonnen hat, stehe das zuständige Ministerium hinter der Idee. In Schleswig-Holstein habe er hingegen auf politischer Landesebene bislang kein Interesse vernommen, sagt Jansen. Umgesetzt hätten sie Bürgerbusse in Gemeinden mit 1300 bis 24.000 Einwohnern.

1000 von 4800 Appenern sind älter als 60

In Appen leben etwa 4800 Menschen, davon sind 1000 älter als 60 Jahre, schätzt Ingrid Wentorp, Vorsitzende des Seniorenbeirats. „Viele ältere Mitbürger und in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen beklagen die fehlende Möglichkeit, in Appen die nötigsten Lebensmittel einzukaufen oder Bankgeschäfte zu erledigen.“ Die Teilhabe am öffentlichen Leben in den Kleinstädten der Umgebung sei stark eingeschränkt. So sei unter anderem der Weg zu den Haltestellen des Linienbusses weit und beschwerlich, insbesondere in Unterglinde und Appen-Etz. Um möglichst viele Bedürfnisse bei der Planung des Bürgerbusses zu berücksichtigen, hatte der Seniorenbeirat einen Fragebogen erstellt. „Von 1100 verschickten Fragebögen kamen 312 ausgefüllt zurück“, sagt Wentorp. „Die Auswertung und viele persönliche Gespräche haben gezeigt, dass der Bedarf groß ist.“

Die Fahrer sollten beim Einsteigen und Aussteigen helfen. „Wir empfehlen einen Abholservice von Tür zu Tür“, sagt Jansen. Die Fahrten sollten kostenlos sein, eine Spendenbox den für den Fahrer aufwendigen Verkauf von Fahrkarten ersetzen. Der Experte rät, einen Bürgerbus mit nicht mehr als neun Sitzen anzuschaffen, sodass die Fahrten außerhalb des Personenbeförderungsgesetzes vorgenommen werden können. „Das Personenbeförderungsgesetz sieht vor, dass Fahrgeld eingenommen werden muss.“

Bürgerbus Langenlonsheim kostet bislang 41.000 Euro

Ralph Hintz ist der Beauftragte für den Bürgerbus der Verbandsgemeinde Langenlonsheim im Kreis Bad Kreuznach. „Im Jahr 2011 gab es in der Verbandsgemeinde erste Überlegungen, einen Bürgerbus einzuführen“, sagt er. Seit 12. Juni 2012 rollt der Bus durch die sieben Orte der Verbandsgemeinde. Inzwischen ist Hintz nicht nur Projektleiter für den Bürgerbus der Verbandsgemeinde Langenlonsheim, sondern auch als Berater für Bürgerbusse und Bürgerbeteiligung bei der Agentur Landmobil tätig.

Das Projekt Langenlonsheim sei stetig gewachsen, so Hintz. Drei bis fünf Personen nutzten in der Anfangszeit den Bürgerbus an zwei Fahrtagen pro Woche. Heute fährt das Bürgerbus-Team im siebten Jahr 20 bis 24 Fahrgäste pro Einsatztag an drei Tagen in der Woche. 230 Personen sind inzwischen fest als Stammkunden registriert. Sie nutzen den kostenlosen Fahrservice für Fahrten zum Arzt, Einkaufen, Friseur, zur Bank, Verwaltung, Massage, Fußpflege oder einfach zum Treffen mit Gleichaltrigen bei unterschiedlichen Veranstaltungen.

21 ehrenamtliche Fahrer und zehn Telefonisten des Bürgerbus-Teams erfüllen Monat für Monat Fahrtwünsche von in der Regel älteren Bürgern der sieben dazugehörigen Gemeinden. Die Verbandsgemeinde Langenlonsheim habe für den Bürgerbus zwischen 2012 bis 2018 einen Eigenanteil von rund 41.000 Euro tragen müssen. Den Ausgaben von mehr als 64.000 Euro ständen mehr als 23.000 Euro Spenden gegenüber.

„Wir haben den Bus damals gekauft. Heute würde ich zum Leasing raten“, sagt Ralph Hintz. Das wäre für kommunale Dienste schon für 230 Euro im Monat möglich, weshalb der Experte auch dazu raten würde, dass die Gemeinde als Träger einspringt. Aber auch die Gründung eines Vereins sei denkbar.

Das ist die Agentur Landmobil

Der promovierte Verkehrsplaner und Diplom-Sozialwissenschaftler Holger Jansen hat die Agentur Landmobil im Januar 2017 gegründet. Der gelernte Elektroinstallateur war unter anderem Gründungsgeschäftsführer der Allianz pro Schiene, Projektleiter „Fahrgastrechte“ bei den Verbraucherzentralen und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim nexus-Institut für bürgerschaftliche Beteiligung.