Pinneberg
Neue Behandlungsmethode

Bönningstedter komponiert Herzschlag-Sinfonie

Foto: Burkhard Fuchs

Filmmusik-Profi hat mit Produzenten und Mediziner aus der Schweiz neuartige Therapie entwickelt, die Heilung unterstützen kann.

Bönningstedt.  Diese medizinische Behandlungsmethode ist ebenso neuartig wie einleuchtend: Der Bönningstedter Filmmusik-Komponist Dirk Reichardt, der sehr erfolgreich Til Schweigers Filme akustisch in Szene gesetzt hat, hat jetzt ein Computerprogramm entwickelt, das weltweit erstmals den Rhythmus des Herzens als individuellen, musikalischen Klang erlebbar macht. Das Ergebnis lässt sich in der Therapie gut anwenden, die der Psycho-Onkologe Michael Falkner bereits seit einigen Jahren an der Paracelsus-Klinik im schweizerischen St. Gallen sehr erfolgreich bei Patienten mit Krebs und anderen chronischen Erkrankungen einsetzt.

Reichardt hatte mal selbst Herzprobleme

„Der Herzrhythmus ist bei jedem Menschen individuell“, sagt Reichardt. „Das ist im Grunde genommen wie der Fingerabdruck des Herzens. Wir machen ihn jetzt erstmals als persönlichen Herzklang hör- und erlebbar. Das ist eine Weltneuheit.“ Diese körpereigene Herzmusik löse bei jedem, der sie hört, tiefe Gefühle aus und erreiche nahezu jeden Menschen. Im besten Falle könnten sich mit diesem akustischen Abbild des autonomen Nervensystems die Patienten mit schweren Erkrankungen praktisch selbst therapieren und ihren Gesundheitszustand verbessern, sagt der erfahrene Therapeut Falkner, der nach eigener Aussage 10.000 Patienten mit seiner bisherigen Herzton-Methode behandelt hat.

„Wir messen in der Regel den Puls und den Blutdruck des Patienten“, erklärt Falkner. „Aber niemand misst den Stresspegel.“ Mit der Herzklang-Therapie sei es nun möglich, diesen Stresspegel abzubilden, der den Menschen Lebensenergie und die Fähigkeit zur Regeneration koste.

Auf den Therapeuten in der Schweiz ist der Bönningstedter Reichardt durch Zufall gestoßen. Er hatte vor einigen Jahren selbst einige Herzprobleme und beschäftigte sich mit möglichen alternativen Behandlungsmethoden. Dabei wurde er auf die Anfänge von Falkners Arbeit aufmerksam, der die individuelle Herz-Raten-Variabilität (HRV) eines Menschen nicht mehr nur als Anordnung von grafischen Kurven darstellen, sondern für den Patienten hörbar und damit fühlbar machen wollte.

Diese Methode hat der Musiker und Komponist Reichardt nun mit dem erfahrenen Musikproduzenten Carl Albrecht zu einer neuartigen Software weiterentwickelt, die beide nun Ärzten und medizinischen Therapeuten zur Behandlung von deren Patienten anbieten möchten. „Wir möchten einen Kreis von interessierten Therapeuten, Heilpraktikern und Ärzten im Raum Hamburg finden, um eigene Erfahrungen mit der Herzklang-Therapie sammeln zu können“, sagt Reichardt. Ihnen würde die nötige Herzklang-Software zwei Monate lang kostenlos zur Verfügung gestellt, damit sie sie ausprobieren können. Das Verfahren werde bereits von einigen ausgewählten Kliniken im Ausland eingesetzt, und das Netzwerk solle nun auch in Deutschland ausgebaut werden.

Und so funktioniert die Herzklang-Therapie: Mit einem einfachen Sensor, der am Finger des Patienten angebracht wird, werden etwa 20 Minuten lang die Herzschläge und der Herzrhythmus gemessen und aufgezeichnet. In dieser Phase sollte sich der Patient im Idealfall so entspannt wie nur irgendwie möglich fühlen.

Die Software wandelt dann die gemessenen Ergebnisse in eine Art Herzton-Melodie um, die sich bei jedem Menschen anders anhört und je nach Alter, Gesundheitszustand und Vorerkrankungen des Patienten völlig verschieden ist.

Manche Herzmusik klingt nach Dur, andere nach moll

So klingt das junge Herz eines Kindes in den höchsten Tönen, während bei den Älteren der tiefe Bass dominiert. Je nach Gesundheits- und Gemütszustand des Patienten erklingen diese Herztöne eher fröhlich oder eher beschwert, ein bisschen vergleichbar mit den Dur- und moll-Tonarten in der Musik.

„Das ist ein sehr intimer Moment für den Patienten, wenn er sein Herz auf diese Weise erstmals zu hören bekommt“, erklärt Therapeut Falkner. „Meist ist er davon sofort tief berührt.“ Um die Beschwerden von chronisch kranken Menschen so gut wie möglich zu lindern, sollte der Therapeut versuchen, den idealen Herzrhythmusklang mithilfe von Entspannungsübungen zu erreichen, der dann selbstverstärkend wirken kann.

Dabei sollten die drei verschiedenen HRV-Frequenzbänder, die sich in hohen und tiefen Ausschlägen als VLF (very low frequency), LF (low frequency) und HF (high frequency) zeigen, möglichst in einem ausgeglichenen Verhältnis befinden. Wenn die Aktivität des Herzens, die wahrgenommen äußeren Reize sowie die Atmung und die Gedanken in einem stabilen Verhältnis seien, stelle sich diese beruhigende, selbstverstärkende Wirkung auf den Patienten am besten ein, erklärt Therapeut Falkner. „Wenn man dem Patienten diese Herzmusik dann vorspielt, erkennt sich darin das Gehirn selbst und inspiriert so eine ausgewogene Regulation des autonomen Nervensystems.“

Der Gesundheitszustand lasse sich damit zum Teil erheblich verbessern, sagt der Mediziner. Er würde aber nicht so weit gehen zu sagen, dass sich schwere Krankheiten mit der Herzmusik-Methode allein heilen ließen. Er betont: „Es ist lediglich eine alternative Behandlungsmethode zur Unterstützung anderer. Ich kann schließlich nicht einen schwerkranken Menschen nur mit einer Musik-CD im Gepäck wieder nach Hause schicken.“