Pinneberg
Klimaschutz

Wie die Insel Helgoland CO -frei werden will

Der bei Helgoland gelegene Offshore-Windpark "Meerwind Süd/Ost" – hier eine Luftaufnahme aus dem Jahr 2014 – ist bereits fertiggestellt. Die Anlage des Betreibers WindWM besteht aus 80 Windkrafträdern

Der bei Helgoland gelegene Offshore-Windpark "Meerwind Süd/Ost" – hier eine Luftaufnahme aus dem Jahr 2014 – ist bereits fertiggestellt. Die Anlage des Betreibers WindWM besteht aus 80 Windkrafträdern

Foto: dpa Picture-Alliance / Wolfhard Scheer / picture alliance / dpa

Auf dem Weg zum ehrgeizigen Klimaschutzziel liefern Studenten neue Ideen. Größtes Problem: das ölbetriebene Heizkraftwerk.

Helgoland.  Helgoland könnte ein Leuchtturmprojekt in Sachen Klimaschutz werden. Deutschlands einzige Hochseeinsel plant, bis 2020 CO2-frei zu werden. „Durchaus ein realistisches Ziel“, sagt Bürgermeister Jörg Singer. Frische Ideen auf dem Weg dorthin liefern Studenten. „Honig saugen“, nennt es Singer. In Kooperation mit der Fachhochschule Kiel hat Helgoland 2011 den Campus for Ocean and Offshore Learning (COOL) installiert. Mittlerweile beteiligen sich fünf Hochschulen an diesem Ideenpool.

Daraus entstand die Idee mit Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck einen Preis für Fachstudenten auszuloben, die Konzepte für ein CO2-freies Helgoland einreichen. Output in diesem Jahr: innovative Elektrodenheizkessel mit Behälter-Wärmespeicher und Geothermie-Kraftwerk. Die Beiträge bieten eine Basis für weitere Überlegungen, in vier Jahren komplett unabhängig von fossilen Brennstoffen zu sein.

Die Hochseeinsel ist umgeben von Windrädern. Der Strom kommt allerdings vom Festland. Noch bis Ende des Jahres 2009 erfolgte die Strom- und Wärmeerzeugung auf Helgoland ausschließlich vor Ort durch zwei Dieselaggregate. Diese wurden bei Bedarf durch fünf kleinere Dieselaggregate unterstützt. Der jährliche Strombedarf der 1500-Einwohner-Insel liegt bei 12.000 Megawattstunden.

Seit dem Jahr 2009 wird die Stromversorgung Helgolands über ein 52 Kilometer langes Seekabel des norddeutschen Energieversorgers Eon Hanse sichergestellt. Seither bezieht die Insel ihren Strom aus dem Festlandstrommix. Die Dieselaggregate dienen weiter als Ausfallreserven. Das Stromkabel könnte künftig auch in die andere Richtung genutzt werden. Ziel ist es, Strom aus Windenergie ans Festland zu liefern.

Aufgrund der geografischen Lage und der Inselgröße sind die Bewohner und Gäste Helgolands zur Deckung des täglichen Bedarfs vollkommen abhängig von Importen des Festlands. Der logistische Aufwand, Güter des täglichen Bedarfes auch auf Helgoland in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen, spiegelt sich in den überdurchschnittlichen Lebenshaltungskosten wider. „Die Helgoländer müssen 40 bis 50 Prozent höhere Nebenkosten zahlen wie beispielsweise die Hamburger“, sagt Jörg Singer.

Helgoland ist umgeben von regenerativen Energien. Dennoch sind die ehrgeizigen Klimaschutzziele nicht leicht zu erreichen. „Wir haben ein gesellschaftliches Paradoxon: Es gibt keinen anderen Fleck in Deutschland, der über mehr regenerative Energieformen verfügt – Wind, Sonne, Wellen- und Strömungsenergie und Geothermie“, sagt der 49-Jährige. Dem stehen oft Natur-, Vogel- und Artenschutz entgegen.

Erdgas-Fähre und solarbeheiztes Freibad

Der Wärmebedarf der Gemeinde liegt bei 24.000 Megawattstunden pro Jahr. Die Wärmeversorgung erfolgt aktuell über ein Heizkraftwerk. Das Heizkraftwerk besteht aus drei ölbetriebenen Kesselanlagen mit einer Wärmeleistung von je 4,5 Megawatt. Der notwendige jährliche Ölbedarf beträgt drei Millionen Liter. Die dadurch entstehenden CO2-Emissionen belaufen sich auf jährlich 7.800 Tonnen. „Das zu ändern, ist bislang unsere größte Herausforderung“, sagt Jörg Singer.

Die Gemeinde überlegt seit einigen Jahren, wie Helgoland unabhängiger vom Festland werden kann. Ziel ist es, die Lebenshaltungskosten zu stabilisieren und die Attraktivität der Insel weiter zu steigern. Die Möglichkeiten hierzu sind begrenzt. Ein wesentliches Potenzial, die Ziele zu verwirklichen, besteht in den Bereichen der Energie- und Wasserversorgung.

Die Wärmeversorgung auf der Hauptinsel erfolgt überwiegend über ein zwölf Kilometer langes Fernwärmenetz, in das 75 Prozent der erzeugten Wärmemenge eingespeist werden. Die restlichen Prozente werden für die Trinkwasseraufbereitung benötigt. Da Helgoland kein Grundwasservorkommen hat, muss das Meerwasser aufbereitet werden. Zur Deckung der Trinkwasserversorgung werden 14 Prozent des jährlichen Wärmebedarfs verbraucht. Die ausgefilterten Grobstoffe und der anfallende Klärschlamm müssen wie auch anderer Abfall mit Containerschiffen zum Festland gebracht werden.

Das ganzjährig beheizte Schwimmbad wurde bereits 2013 mit einer Solarabsorberanlage mit Wärmepumpe ausgestattet, wodurch etwa zehn Prozent im Bereich der Wärmeerzeugung reduziert werden konnten. Die Wärmeversorgung auf der „Düne“ und dem Südhafen erfolgt durch strombetriebene Nachtspeicheröfen. Auch mit der Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED, der Anschaffung von Elektroautos und der Inbetriebnahme der neuen Erdgas-Fähre, laut Singer „Europas umweltfreundlichste Fähre“, sind bereits wichtige Schritte im Klimaschutz getan worden.