Pinneberg
Archäologie

1600 Jahre altes Germanen-Haus bei Bauarbeiten entdeckt

Die Hobbyarchäologen Lothar Dobkowitz (v.l.), Peter Pries und Joachim Schlick präsentieren die mühsam zusammengesetzten Scherbenfunde

Die Hobbyarchäologen Lothar Dobkowitz (v.l.), Peter Pries und Joachim Schlick präsentieren die mühsam zusammengesetzten Scherbenfunde

Foto: Anne Dewitz / HA

Sensationsfund in Pinneberg: Bevor die Westumgehung gebaut wird, haben Archäologen Grundrisse eines Langhauses ausgebuddelt.

Pinneberg.  Dort, wo in naher Zukunft Autos rollen, siedelten vor etwa 1600 Jahren Menschen. Archäologen haben nun Reste ihrer Existenz ausgegraben, bevor der Bau der Westumgehung Pinneberg losgeht. Experten des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein konnten in einer Notgrabung einen fast vollständig erhaltenen Grundriss eines Langhauses aus der Eisenzeit freilegen und dokumentieren. Dabei handelt es sich um ein 5,6 Meter breites und 23 Meter langes Haus. Weder von den Pfählen, die das Dach stützten, noch von den Wänden aus Lehm und Flechtwerk ist noch etwas übrig. Mit geschultem Blick konnte Grabungsleiter Steffen Haucke dennoch die Pfostengruben an den schwarzen Verfärbungen im Erdreich erkennen. „Von oben betrachtet, ergeben sie den Grundriss“, sagt er.

Auf die Idee, überhaupt an dieser Stelle nach Überresten vergangener Epochen zu suchen, kamen die Archäologen, weil die geplante Trasse nur 100 Meter vom Ratsberg, einem vorgeschichtlichen Bestattungsplatz, entfernt verlaufen soll. „Dort befanden sich Gräber aus der Zeit von 1000 vor Christus bis 400 nach Christus“, sagt Ingo Lütjens vom Archäologischen Landesamt. „Es war zu erwarten, im Umfeld dieses Fundplatzes weitere Gräber sowie die dazugehörige Siedlungen zu finden.“ Schon vor Weihnachten rückten die Archäologen deswegen mit einem Bagger an und zogen zwei etwa zwei Meter breite Suchgräben. Dabei wurden zahlreiche archäologische Befunde erfasst.

Daraufhin wurde das Areal erweitert und der Grundriss des Langhauses freigelegt. Dieser wurde fotografiert, abgezeichnet und so genau dokumentiert, bevor es mit dem Straßenbau losgeht und dann auch die archäologische Fundstätte Geschichte ist.

„Vermutlich setzte sich das Haus aus einem Teil zum Wohnen und einem Teil zur Unterbringung des Viehs zusammen“, sagt Ingo Lütjens. Derartige Wohnstallhäuser seien in der Eisenzeit in Norddeutschland und Südskandinavien weit verbreitet gewesen, konnten aber in Südholstein bislang nur selten nachgewiesen werden. „Vermutlich sind solche Gebäude für die Region ganz normal. Sie wurden bislang nur noch nie ausgegraben. Darum ist diese Grabung für uns so wertvoll.“

Tatkräftige Unterstützung kam von einer Gruppe von Hobbyarchäologen aus dem Kreis Pinneberg. Sie fanden in einer Abfall- und Werkgrube Keramikscherben und einen Stein, auf dem das Korn gemahlen wurde. „Die Funde stammen vermutlich aus der Zeit 100 bis 500 nach Christus“, sagt Lothar Dobkowitz, Biologe im Ruhestand und Spezialist für die zeitliche Einordnung der Funde. Er hatte noch bis spät in die Nacht des Vortages die Scherben mühsam zusammengesetzt. „Die Bruchstücke müssen gewaschen, getrocknet, mit konzentrierter Essigsäure behandelt werden, bevor ich sie mit einem Spezialleim zusammenfüge.“ Für den 81-Jährigen, der seit mehr als 60 Jahren in der Vergangenheit gräbt, ist es der bedeutendste Fund, wie er sagt.

Aus den Gruben wurde auch Erde entnommen, die später geschlämmt wird. „Wir hoffen, verkohlte Rückstände von Holz und Getreidesamen zu finden“, sagt Ingo Lütjens. Die organischen Reste können dann mit der Radiokarbonmethode, auch C14-Methode genannt, datiert werden.“ Mit dem Verfahren erhalten die Archäologen Informationen über die damals verwendeten Holz- und Getreidearten.