Pinneberg
Pinneberg

Freifunk: Freies W-Lan erobert die Region

Hermann Kunstmann (v.l.) und Michael Patt von der Wirtschaftsgemeinschaft engagieren sich für das Freifunk-Projekt des Pinnebergers Joachim Dreher

Hermann Kunstmann (v.l.) und Michael Patt von der Wirtschaftsgemeinschaft engagieren sich für das Freifunk-Projekt des Pinnebergers Joachim Dreher

Foto: Andreas Daebeler / HA

Pinnebergs Kaufleute starten nach Rechtsprüfung ins Freifunk-Zeitalter. Kunden und Flüchtlinge profitieren von dem Angebot

Kreis Pinneberg.  Raus auf die Straße. Rein ins Netz. Das ist im Kreis Pinneberg an immer mehr Orten möglich. Die Initiative Freifunk bahnt sich ihren Weg. Wer sich engagiert, stellt einen Bruchteil der Bandbreite seines Internet-Anschlusses für Menschen vor der Tür zur Verfügung. Mittels eines speziellen Routers, der das private Netz der Anbieter gegen unerwünschte Eingriffe abschirmt, wird all jenen, die sich im Umkreis befinden, kostenloses WLAN zur Verfügung gestellt. In Pinneberg wollen Kaufleute jetzt dafür sorgen, dass in der gesamten Fußgängerzone kostenlos im Internet gesurft werden kann. So sollen Kunden in der City gehalten werden. Profitieren werden auch Flüchtlinge, die in der Kreisstadt unterkommen. Sie sind häufig auf kostenloses Internet angewiesen, wenn sie mit Angehörigen in ihrer Heimat in Kontakt treten wollen. Am Freitag gaben Hermann Kunstmann und Michael Patt den Startschuss für Pinnebergs City-Freifunk. Sämtliche Mitgliedsbetriebe erhalten Post – und werden gebeten, sich zu beteiligen.

Joachim Dreher hatte den Stein im Frühjahr ins Rollen gebracht. Der Computer-Experte, der für die Grünen in Pinnebergs Ratsversammlung sitzt, war im März mit der Idee an die Öffentlichkeit gegangen. Er hatte sich an die politischen Parteien gewandt, zudem Gespräche mit dem Stadtmarketing geführt. Bei der Wirtschaftsgemeinschaft war Dreher sofort auf offene Ohren gestoßen. „Freies WLAN bedeutet Kundenbindung“, so Kunstmann. Ohne großes Federlesen war ein Feldversuch auf die Beine gestellt worden. Ein Testlauf, an dem sich mehrere an der Dingstätte beheimatete Geschäftsinhaber beteiligten, kam gut an. „Uns war wichtig, ein stabiles Netz anbieten zu können“, sagt Michael Patt, Vorstandsmitglied der Pinneberger Kaufleute. Das sei jetzt gewährleistet.

128 Router senden derzeit ihre Signale

Dreher hat ein Team von Mitstreitern um sich geschart. „Kein Verein, aber eine Interessengemeinschaft“, sagt er. Konnten vor einem halben Jahr gerade mal drei Knotenpunkte gezählt werden, hat sich deren Anzahl explosionsartig vermehrt. 128 Router senden derzeit in der Region ihre Signale. Und das nicht nur in Pinneberg. Knotenpunkte gibt es auch in Rellingen, Tornesch, Halstenbek und Wedel. Die Ratsfraktion der Grünen in Uetersen hat einen Antrag für die Ratsversammlung in der Rosenstadt auf den Weg gebracht. Ziel müsse es sein, Gespräche mit der Initiative Freifunk Pinneberg zu führen, um offenes WLAN nach vorn zu bringen.

Auf der Insel Helgoland ist das Projekt Freifunk ebenfalls angekommen. Es gibt zehn Router. „Wir wollen die Insel bis Ende 2016 in den bewohnten und touristischen Bereichen flächendeckend abgedeckt haben“ sagt Jörg Singer, Bürgermeister der Hochseeinsel, die zum Kreis Pinneberg gehört.

Der Pinneberger Wirtschaftsförderer Stefan Krappa ist grundsätzlich angetan von der Initiative der Kaufleute. „Ein sinnvolles Projekt, es lohnt sich dann noch mehr, in der Innenstadt zu verweilen.“ Allerdings stellt Freifunk für ihn eher eine Übergangslösung dar. Krappa hat bereits kommerzielle Anbieter von öffentlichem WLAN angefunkt. Es sei zu begrüßen, wenn auf private Initiative losgelegt werde. Doch er strebe auf Sicht ein schnelleres, leistungsfähigeres Netz an. Kommerzielle Anbieter würden zudem komplett die Haftung übernehmen. „Wenn ich einen Teil der Bandbreite meines privaten Netzes freigebe, laufe ich immer Gefahr, juristisch belangt zu werden“, sagt der Wirtschaftsförderer.

Medienrechtler auf das Thema angesetzt

Ein Risiko, das die Kaufleute nicht außer Acht gelassen haben. Sie haben einen Medienrechtler auf das Thema angesetzt. Ein Restrisiko sei nie ganz auszuschließen, bestätigt Kunstmann. Das liege an der Gesetzeslage. Die so genannte Störerhaftung sei noch immer nicht überarbeitet worden. Fakt ist: Politisch kämpfen die Freifunk-Fans mit Gegenwind. Ein Grund dafür dürfte die mächtige Mobilfunklobby sein, die um Kunden fürchtet. „Freifunk ist Konkurrenz“, sagt Dreher mit Blick auf Flatrateangebote, die aggressiv beworben werden. Ein bundesweit flächendeckender Freifunk würde das Buchen von Datenpaketen auf Sicht hingegen überflüssig machen.

Kunstmann und Patt hoffen auf viel Zuspruch aus der Kaufmannschaft. Ihr Ziel ist, die gesamte City abzudecken. Besonderer Clou: Wer sich einmal beim Freifunk einwählt, kann sämtliche Knotenpunkte nutzen. Joachim Dreher macht sich derweil dafür stark, dass Flüchtlingsunterkünfte mit kostenlosem WLAN ausgestattet werden. Dafür legt er in seiner Freizeit ehrenamtlich selbst Hand an.