Pinneberg
Elmshorn

Flüchtlinge auf Irrwegen von Horst nach Horst

Wiebke Turkat, Leiterin der Bahnhofsmission in Elmshorn, hat immer wieder mit Flüchtlingen zu tun, die mit falschen Zugtickets ausgestattet wurden

Wiebke Turkat, Leiterin der Bahnhofsmission in Elmshorn, hat immer wieder mit Flüchtlingen zu tun, die mit falschen Zugtickets ausgestattet wurden

Foto: Arne Kolarczyk

Immer wieder landen Flüchtlinge bei der Bahnhofsmission in Elmshorn, weil Behörden ihnen falsche Zugtickets ausstellen.

Elmshorn.  In der Elmshorner Bahnhofsmission machen in diesen Tagen viele Flüchtlinge einen ungeplanten Zwischenstopp. Ihre Reise soll sie eigentlich in die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Horst bei Boizenburg (Mecklenburg-Vorpommern) führen. Auf ihren Fahrkarten ist auch Horst als Ziel angegeben, allerdings das Horst nahe Elmshorn im Kreis Steinburg. Überforderte Mitarbeiter in Ämtern, beispielsweise in München und Dortmund, buchen versehentlich die falschen Fahrkarten.

„Leider keine Einzelfälle“, sagt Wiebke Turkat, Leiterin der Bahnhofsmission in Elmshorn. In den vergangenen drei Monaten sei es regelmäßig vorgekommen, dass entweder die Bundespolizei oder Mitarbeiter des Amtes Horst-Herzhorn im Kreis Steinburg bei ihr und ihrem Team Hilfe suchten, weil verzweifelte Flüchtlinge fehlgeleitet wurden. „Bis zu sechs Personen sind es wöchentlich“, sagt sie. Viele kämen am späten Nachmittag oder abends. Dann haben sie meistens schon eine lange Odyssee hinter sich, sind erschöpft, haben Hunger und Durst. „Wir dürfen dann in Absprache mit der Deutschen Bahn die Fahrkarten umschreiben, sodass sie auch am nächsten Tag gültig sind. Die Bahn ist sehr kooperativ.“

Allerdings stelle die Kommunikation sie vor große Herausforderungen. Die Flüchtlinge sprechen in der Regel kein Deutsch und kaum Englisch. „Die Mitarbeiter der Brücke Elmshorn haben uns nun mehrere Sätze in verschiedene Sprachen übersetzt, so können wir in Erfahrung bringen, ob sie Essen, Trinken oder eine Toilette benötigen“, sagt Turkat. Dann sorgen sie und ihre Kollegen dafür, dass die Menschen in den richtigen Zug nach Hamburg steigen und dort von den Mitarbeitern der Bahnhofsmission Hamburg empfangen werden. „Damit das klappt, bitten wir andere Reisende um Hilfe.“ In Hamburg müssen die Flüchtlinge in den Zug nach Boizenburg steigen und dann mit dem Bus weiter nach Horst. „Wir haben schon oft versucht, jemanden in der mecklenburgischen Gemeinde zu erreichen, aber dort geht nie jemand ans Telefon“, sagt Turkat.

Kirchenkreis will keine Konkurrenz schaffen

Die Schicksale der Flüchtlinge würden sie emotional sehr mitnehmen. So sei vergangene Woche ein junges Paar aus der Ukraine mit einem vierjährigen Kind bei ihr gelandet, nachdem es bereits den ganzen Tag unterwegs war. „Und ich muss sie dann weiterschicken.“ Für die erschöpften Flüchtlinge sei dies eine Zumutung. Deswegen sollen Flüchtlinge nun für eine Nacht in das Winternotquartier aufgenommen werden, wenn die Unterkunft nicht belegt ist.

Von der Geschäftsleitung der Diakonie Rantzau-Münsterdorf gab es dafür bereits grünes Licht, so Natalie Lux, Sprecherin des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf. „Wir wollen damit auf keinen Fall eine Konkurrenzsituation zwischen deutschen Wohnungslosen und Flüchtlingen schaffen. Aber wenn Betten frei sind, bieten wir die Möglichkeit an, Flüchtlinge für eine Nacht dort einzuquartieren.“ Das Winternotprogramm, das neuerdings bei der Bahnhofsmission angesiedelt ist, beginnt mit dem ersten Frost und soll durchreisenden Wohnungslosen für die Nacht Schutz bieten. Derzeit sind Wiebke Turkat und ihr Team dabei, das Notquartier herzurichten. Vieles in der Einrichtung ist reif für den Sperrmüll. Deswegen sind die Helfer auf Spenden angewiesen. „Wir brauchen einen Kühlschrank, Bettgestelle, Matratzen, Küchenschränke, Wasserkocher und eine Kaffeemaschine.“ Auch Geldspenden sind willkommen.

Von chaotischen Zuständen bei der Zuteilung von Flüchtlingen berichtet auch Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje: „Neulich hat man vergessen, uns mitzuteilen, dass ein Familienvater im Rollstuhl sitzt, die Wohnung, die wir vorgesehen hatten, war nicht behindertengerecht.“ Zudem sei er in einem schlechten gesundheitlichen Zustand gewesen und bislang nicht ärztlich versorgt worden. „Wir haben ihn erst mal hier im Krankenhaus durchchecken lassen.“ Ein anderes Mal wurde ein Mann angekündigt, der sich eine Wohnung mit anderen Männern teilen sollte. Es kam eine Frau.