Pinneberg
Pinneberg

Das Geschäft mit der Not der Flüchtlinge

Rathausmitarbeiter Marc Trampe steht vor einem Haus an der Schauenburgerstraße, das für Flüchtlinge umgebaut werden soll

Rathausmitarbeiter Marc Trampe steht vor einem Haus an der Schauenburgerstraße, das für Flüchtlinge umgebaut werden soll

Foto: Andreas Daebeler / HA

60 Asylbewerber erreichen derzeit den Kreis Pinneberg pro Woche. Das stellt die Kommunen auf eine harte Probe Sie kämpfen mit unseriösen Angebote.

Pinneberg. In der Ausländerbehörde der Kreisverwaltung in Elmshorn stranden alle Flüchtlinge, die in der Region untergebracht werden sollen. Dort werden sie möglichst in ihrer Sprache über die Pflichten und Regeln aufgeklärt. Dann geht es in die für sie vorgesehene Unterkunft in den Kommunen. Früher kam dienstags ein Bus, der Hilfesuchende aus der schleswig-holsteinischen Erstaufnahme in Neumünster brachte. Doch das reicht bei weitem nicht mehr aus. Kamen im Juni 2014 noch 12 Asylbewerber, sind es heute 60 pro Woche, die an drei Tagen durch die Ausländerbehörde geschleust werden. Tendenz steigend. 1660 Asylbewerber wurden allein im Kreis Pinneberg seit Jahresbeginn untergebracht. Zum Vergleich: 2009 wares es im gesamten Jahr 40 Asylsuchende.

Das stellt vor allem die Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen. Denn sie sind in der Pflicht, die Menschen unterzubringen. Und das wird immer schwieriger. Der Markt für Wohncontainer ist leer gefegt. Die Preise sind enorm gestiegen. Öffentliche Ausschreibungen für den Bau neuer Notunterkünfte nehmen viel Zeit in Anspruch. Die Stadt Pinneberg zum Beispiel sucht deshalb händeringend nach Privatwohnungen, die angemietet werden können. Dabei hat die Stadt es auch mit Menschen zu tun, die an der Not der Flüchtlinge verdienen wollen. Rathausmitarbeiter Marc Trampe, der die Suche nach Unterkünften koordiniert, bestätigt das: „Uns erreichen unseriöse Angebote von Vermietern.“

Kürzlich etwa habe ein Anrufer 18 Euro pro Quadratmeter aufgerufen – das Doppelte des durchschnittlichen Preises für Wohnraum im Stadtgebiet. Trampe spricht von „Mondpreisen“, die die Stadt von vornherein ablehne. Dabei gehen Hausbesitzer, die ihre Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung stellen, kaum ein Risiko ein, wie Trampe herausstellt. „Die Stadt tritt als Mieter auf“, sagt er. Somit seien Rückstände oder gar Mietausfälle nicht zu befürchten. Etwaige Schäden würden reguliert. „Wir sind für jedes Angebot dankbar, allerdings nur, wenn ortsübliche Preise aufgerufen werden.“

Geht es um adäquate Unterbringung, kämpft Trampe wie viele seiner Kollegen anderer Kommunen derzeit an zahlreichen Fronten. Auch Hotelzimmer werden angemietet, um die Lage zu entspannen – im Schnitt für 25 Euro pro Flüchtling und Tag. Von der Politik hat der Leiter des Bürgermeisterbüros den Auftrag und das Geld erhalten, neue städtische Unterkünfte zu schaffen. Die Umgestaltung einer kirchlichen Kindertagesstätte ist allerdings ins Stocken geraten. In Thesdorf sollten 26 Menschen ein neues Zuhause finden. Doch es hat sich herausgestellt, dass wesentlich mehr Geld investiert werden muss als zunächst vermutet. Weniger Probleme macht da der Umbau eines städtischen Wohnhauses an der Schauenburgerstraße für etwa 200.000 Euro. Bis zu zwölf Flüchtlinge könnten einziehen.

Pinneberg setzt auf Holzbauten statt anstelle von Containern

Bei der Anschaffung von Wohncontainern sind die Kommunen Wettbewerber. Die Nachfrage lässt die Preise explodieren, wie Hamburgs Innensenator Michael Neumann kürzlich beklagte. Aus diesem Poker ist Pinneberg ausgestiegen. Vielmehr wird am Standort Müssentwiete auf einem Areal an der dortigen Sportanlage für 620.000 Euro ein Neubau in Holzbauweise entstehen. Hier sollen mehr als 30 Asylbewerber unterkommen. Man setze mit dem Verzicht auf Container Zeichen in puncto Nachhaltigkeit, Qualität und Brandschutz, so Trampe. Die Fertigstellung sei für das Frühjahr 2016 geplant.

Allein im Jahr 2015 stieg die Anzahl der Pinneberg zugewiesenen Asylbewerber um knapp 100. Die Stadt hat mittlerweile auf die wachsenden Herausforderungen reagiert. Ein hauptamtlicher Koordinator soll sich künftig um Flüchtlinge kümmern – und ein Netzwerk von ehrenamtlichen Helfern aufbauen. 46 Bewerber hätten sich auf die Ausschreibung beworben, so Trampe. Im August würden die Auswahlgespräche geführt. Zudem setzt Trampe bei der Ausweitung von Unterkünften im Stadtgebiet verstärkt auf Transparenz, um die Pinneberger Bevölkerung mitzunehmen – und Anwohnerproteste von vornherein auszuschließen. Nach den Sommerferien werde den Beispielen Rellingens und Halstenbeks gefolgt. Auch in Pinneberg soll es dann eine öffentliche Info-Veranstaltung zum Thema Zuwanderung geben. Mit den Sportvereinen an der Müssentwiete in Pinnebergs Norden werde in Kürze das Gespräch gesucht.

Die Kommunen im Kreis Pinneberg verfolgen weiterhin den Kurs einer dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen. Ob das so bleibt, will Trampe angesichts des steigenden Drucks nicht beschwören: „Prognosen sind schwierig, es ist im Moment nichts auszuschließen“, sagt er. Der Versuch größere Gemeinschaftsunterkünfte für bis zu 100 Flüchtlinge im Kreis Pinneberg zu schaffen, scheiterte an nötigen Standorten und der Kooperationsbereitschaft der betroffenen Städte und Gemeinden.