Bildung

Lehrer-Austausch: Pinnebergs Bologna-Prozess

Lehrer aus Italien und Deutschland lernen voneinander, wie Bildung künftig noch besser vernetzt werden kann und besuchten sich gegenseitig.

Pinneberg/Bologna. Über den nationalen Tellerrand hinaus haben die Lehrer von sechs Schulen aus dem gesamten Kreis Pinneberg beim Comenius-Projekt-Regio "Go Far" geschaut. Zweieinhalb Jahre lang hatten sie engsten Kontakt zu Kollegen aus Bologna und Parma in der norditalienischen Region Emilia Romagna.

Die deutschen und italienischen Lehrkräfte besuchten sich gegenseitig jeweils dreimal und versuchten der jeweils anderen Seite ihre Erfahrungen und Erfolge im Schulunterricht darzustellen, die insbesondere die Inklusion von behinderten Kindern im Schulalltag sowie die Verbesserung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts betrafen.

"Wir haben sehr viel voneinander gelernt und auch festgestellt, dass vieles von dem, was wir machen, sich auch im internationalen Vergleich sehen lassen kann", zog jetzt Sabine David-Glißmann von der Brüder-Grimm-Schule in Rellingen Bilanz, die das Projekt auf deutscher Seite geleitet hat.

Landesweit war es das einzige EU-weite Projekt, an dem ein Landkreis beteiligt war. Auch das Schulamt und freie Bildungsträger wie der Verein Wendepunkt waren eingebunden. Offenbar überzeugte die internationale Kooperation auch die EU-Kommission, die das "Go Far"-Projekt zwischen dem Kreis Pinneberg und der norditalienischen Region Emilia Romagna mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern zum "Best-Practice-Projekt" ausgezeichnet hat. "Da sind wir sehr stolz drauf", sagt Projektleiterin David-Glißmann.

Diesen Stolz auf die eigene Arbeit erfuhren die Schulleiter und Lehrer im Gespräch von ihren Kollegen im Süden Europas, wie Marina Rietsche sagte, die an der Ernst-Barlach-Schule in Wedel unterrichtet. "Wir haben auch viele Dinge, die richtig gut laufen. Das müssen wir mehr herausstellen und nicht immer so überkritisch sein", riet die Lehrerin aus Wedel. "Die Italiener sind uns da voraus."

So arbeite das Land Schleswig-Holstein mit seinem Sinus-Projekt sehr erfolgreich daran, den Mathematik- und Physikunterricht für die Schüler lebendiger und interessanter zu gestalten. Dieses Projekt vernetzt die Grund- und weiterführenden Schulen, die ihren naturwissenschaftlichen Unterricht aufeinander abstimmen und mit gemeinsamen Lernmaterialien und Projekten anschaulicher machen. Dieses Sinus-Projekt sei auch bundesweit als vorbildliches Projekt anerkannt worden, freut sich Sabine David-Glißmann. "Dieses fächerübergreifende Lernen und die positive Lernatmosphäre, die in viele Grundschulen bei uns herrscht, überraschte die Italiener sehr."

Dagegen konnte die deutsche Seite beim Thema Inklusion und Integration von behinderten Kindern im normalen Schulalltag eine Menge von den Italienern lernen, führte die Comenius-Projektleiterin aus. Dort gingen die Behinderten schon seit drei Jahrzehnten auf ganz normale Regelschulen. Förderschulen gibt es in Italien deshalb schon lange nicht mehr.

Aber auch die Personalausstattung sei im Süden viel besser als hierzulande, bemerkte Sabine David-Glißmann. "Auf ein behindertes Kind kommt in Italien eine halbe Personalstelle. Bei uns gibt es nur 1,8 Stunden je Kind mit erhöhtem, sonderpädagogischem Förderbedarf." Dazwischen liegen Welten. Auch das Portal www.etwinning.net, das Kontakte und Projekte von Schulen innerhalb der Europäischen Union knüpft und vernetzt, nutze die italienische Seite viel selbstverständlicher, als dies bislang in Deutschland der Fall sei. In Italien beteiligten sich mit fast 14.000 registrierten Schulen etwa dreimal so viele wie hierzulande, die mit 7000 Projekten doppelt so viele abgeschlossen oder noch am Laufen haben wie in Deutschland.

Pinnebergs Landrat Oliver Stolz zeigte sich beeindruckt von diesem binationalen Engagement und den Erfahrungen der beteiligten Schulen aus dem Kreis Pinneberg. "Das zeigt, dass Europa auch im Kreis Pinneberg angekommen und beliebt ist. Wir wenden ja schon europäisches Recht an. Aber die Zusammenarbeit auf gesellschaftlichem und kulturellem Gebiet ist noch nicht so ausgeprägt. Daher sind solche Kooperationen und der Informationsaustausch von deutschen und italienischen Lehrkräften nur zum Wohle der Kinder in beiden Ländern. Das ist ein weiterer Eckstein im Zusammenwachsen von Europa."