Fahrschule Norderstedt

„Enormer Frust“: Fahrschüler warten monatelang auf Prüfungen

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Siegfried Todzi, Fahrschulinhaber in Norderstedt.

Siegfried Todzi, Fahrschulinhaber in Norderstedt.

Foto: Claas Greite / FMG

Alle Fahrstunden absolviert, aber kein Termin: In der Lage stecken viele. Wo das Problem liegt und wie es nun behoben werden soll.

Norderstedt.  Junge Leute in Norderstedt und Umgebung, die den Führerschein machen möchten, werden derzeit auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Denn sie müssen teilweise monatelang auf ihre Prüfungstermine warten – obwohl sie eigentlich alle Voraussetzungen erfüllt haben.

„Manche Schüler warten drei, vier Monate. Der Frust ist enorm“, sagt Siegfried Todzi, Inhaber der gleichnamigen Fahrschule in Norderstedt. Und weiter: „Früher dauerte die Fahrschulzeit für Schüler etwa drei Monate. Heute sagen wir ihnen, rechne mal mit einem Jahr.“

Fahrschule Norderstedt: Schüler warten monatelang auf Prüftermine

Wo liegt das Problem? Dazu Frank Walkenhorst, Vorsitzender des Fahrlehrer-Verbandes Schleswig-Holstein: „Durch Corona und die vielen Lockdowns ist in den Fahrschulen ein Stau entstanden. Den arbeiten die nach und nach ab.“ Allerdings würden sie dabei ausgebremst, und zwar durch „fehlende Prüftermine“.

In Schleswig-Holstein gibt es für Fahrschüler zwei Prüf-Regionen, die Region Nord-Ostsee und die Region Hamburg-Lübeck, zu der auch der ganze Kreis Segeberg zählt. Gerade in dieser südlichen Region ist „die Prüfsituation besonders prekär“, sagt Frank Walkenhorst. Nur der TÜV Lübeck könne in dieser Region theoretische und praktische Prüftermine abnehmen, damit komme er aber „nicht hinterher“, so Walkenhorst.

Termine werden gestrichen und müssen neu beantragt werden, Ausgang ungewiss

Normalerweise meldet eine Fahrschule beim TÜV Lübeck einen Termin an, sobald ein Fahrschüler reif für die Fahrprüfung ist. Dann, so Walkenhorst, bekommt der Fahrschüler normalerweise innerhalb von zwei Wochen einen Prüftermin.

Doch im Moment ist das anders. „Die Kollegen aus den Fahrschulen berichten, dass sie nur etwa 50 Prozent ihrer Termine bekommen. Die anderen 50 Prozent werden auf unbestimmte Zeit nach hinten geschoben.“ Das heiße, der Termin werde „erstmal gestrichen und muss dann wieder neu beantragt werden, mit ungewissem Ausgang.“

Siegfried Todzi: „Müssen laufend Priorisierungen vornehmen“

Siegfried Todzi bestätigt das. Er sagt: „Wir müssen laufend Priorisierungen vornehmen. Das heißt, wir überlegen, welcher Fahrschüler am dringendsten einen Termin braucht, zum Beispiel, weil er als Klempner-Azubi beruflich Auto fahren muss.“

Der berechtigte Frust der Schüler, die warten müssen, werde bei der Fahrschule abgeladen – teilweise auch von deren Eltern. Todzi: „Ich kann den Frust gut verstehen, Nur, wir sind nicht schuld an der Situation.“ Bei den theoretischen Prüfungen, die auch vor Ort an bestimmten Standorten absolviert werden müssen, sei die Lage nicht ganz so schlimm. Aber Wartezeiten gebe es auch, „in der Regel vier Wochen.“

Wartende Schüler müssen teilweise wieder neue Fahrstunden nehmen

Für die Schulen bedeute die Situation einen riesigen Mehraufwand, sagt Siegfried Todzi. Frank Walkenhorst bestätigt das. Und er ergänzt: „Das ist sehr schlecht für die Ausbildungssituation. Man kommt aus der Fahrpraxis heraus, teilweise müssen die Schüler dann wieder neue Fahrstunden nehmen. Und das kostet dann natürlich Geld.“ Große Fahrschulen, so Walkenhorst, „schieben teilweise 30, 40 fertige Prüflinge vor sich her.“

Beim Verkehrsministerium in Kiel ist das Problem bekannt. „Momentan übersteigen die angeforderten Fahrprüfungstermine die Kapazitäten beim TÜV Nord“, sagt Ministeriumssprecher Harald Haase. Woran das liegt, erklärt Haase so: „Wie in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, kommt es auch hier zu Engpässen.“ Die Fahrerlaubnisbehörden leiden „unter dem Fachkräftemangel und den Auswirkungen der Corona-Pandemie.“ Der durch die Corona-Pandemie verursachte Rückstau habe das Problem verschärft.

Walkenhorst spricht von „Missmanagement“ beim TÜV Lübeck

Etwas anders klingt das, was Frank Walkenhorst dazu sagt: „Das Problem ist ein jahrelanges Missmanagement beim TÜV Lübeck. Die personellen Kapazitäten sind nicht aufgebaut worden. Andere Regionen haben da viel besser gewirtschaftet.“

Siedfried Todzi formuliert es so: „Wir haben schon 2019 gesehen, dass die Lage sich zuspitzt.“ Die Einführung eines neuen, elektronischen Prüfprotokolls bei Fahrprüfungen habe die Prüfungszeit von 45 auf 55 Minuten verlängert. „Wir haben gesagt, dann braucht ihr 20 Prozent mehr Fahrprüfer.“ Aber es sei nicht entsprechend reagiert worden.

In Kiel gab es ein Krisentreffen zu dem Thema

Außerdem gab es offenbar interne Probleme in der TÜV-Stelle in Lübeck. Dazu Todzi: „Es gab einen Wechsel in der Führung. Die jetzige Leitung muss die Probleme der alten Leitung ausbaden.“

Immerhin scheint sich nun eine Lösung anzubahnen. Am Donnerstag gab es in Kiel ein Krisentreffen, an dem Vertreter des Fahrlehrerverbandes, die Leitung der zuständigen TÜV-Stelle, Vertreter des Landesbetriebs Verkehr und auch des Verkehrsministeriums teilnahmen. Es sei „in einem sehr offenen und konstruktiven Gespräch“ über die Probleme gesprochen worden, sagt Harald Haase. Die Situation solle nun schnell verbessert werden.

Fahrschule Norderstedt: Wie das Problem jetzt gelöst werden soll

Wie Haase sagt, „wurden und werden Mitarbeiter eingestellt“, die Fahrprüfungen abnehmen können. Außerdem würden Mitarbeiter „aus anderen Arbeitsgebieten herangezogen“. Zudem würden am Samstag Prüfungen gefahren. Und weiter: „Es wurde eine Arbeitszeiterhöhung angeordnet, Ruheständler reaktiviert und Prüfer verschieben in Abstimmung ihren Urlaub.“

Siegried Todzi sagt zu den Ergebnissen des Krisentreffens: „Die Probleme werden angegangen, das Gefühl habe ich.“ Und weiter: „Die Fahrlehrerschaft hat Hoffnung, dass es 2023 wirklich besser wird. Aber bis dahin müssen wir eine Durststrecke hinter uns bringen.“

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