Henstedt-Ulzburg

Demenz-WG: Warum hier jeder Tag der schönste sein sollte

| Lesedauer: 11 Minuten
Annabell Behrmann und Zuzanna Viola
Ein Besuch in der Demenz-WG Henstedt-Ulzburg: Rosemarie Adamovitz (82) und ihr Stoffhund Otto.

Ein Besuch in der Demenz-WG Henstedt-Ulzburg: Rosemarie Adamovitz (82) und ihr Stoffhund Otto.

Foto: Annabell Behrmann

Besuch in einer besonderen WG, in der zwölf Demenzkranke leben und eine Bushaltestellen-Attrappe eine wichtige Rolle spielt.

Henstedt-Ulzburg.  Rosemarie Adamovitz hält ihren Hund Otto fest im Arm. Sie streichelt ihm durch das goldbraune Fell, flüstert ihm ein paar Worte ins Ohr. Auf dem Bett der 82-Jährigen steht ein Körbchen, in dem Otto nachts schläft.

„Mein Hund hat keine Organe und keine Knochen“, sagt Adamovitz, während sie Otto weiter in ihren Armen wiegt. „Er ist nur eine Attrappe.“ An manchen Tagen weiß Rosemarie Adamovitz, dass ihr Hund ein Stofftier ist. An anderen Tagen stellt sie ihm eine Schüssel mit Wasser ins Zimmer.

Demenz-WG hat zwölf Bewohner

Die frühere Kinderkrankenschwester lebt mit elf Mitbewohnern in der Demenz-WG der Diakonie Altholstein in Henstedt-Ulzburg. Bisher gibt es wenige Einrichtungen in der Region, die diese außergewöhnliche Lebensform anbieten.

Um kurz nach 8 Uhr beginnt Wiken Bronst ihre morgendliche Runde, um die zehn Bewohnerinnen und zwei Bewohner zu wecken. An einer Tür nach der anderen klopft die Betreuerin. Die Wohngemeinschaft ist wie ein Rundgang angelegt. In der Mitte befindet sich ein Innenhof, rundherum die Zimmer. Der Gemeinschaftsraum ist das Herzstück der WG und besteht aus Küche, Tresen, Sitz- und Sofaecke sowie einer langen Tafel.

Gute Laune am Morgen in der Demenz-WG

Einige Türen muss Wiken Bronst aufschließen, weil die Bewohner sie von innen verschlossen haben. Sie sollen ihr Leben so selbstbestimmt wie noch möglich führen. „Guten Morgen, Frau Roepke! Haben Sie gut geschlafen? Frühstück gibt es in einer Stunde. Möchten Sie Ihr hartgekochtes Ei?“, ruft Bronst fröhlich und zieht die Gardinen auf, um Sonnenlicht in das Zimmer zu lassen. Den Bewohnern, die noch im Bett liegen, streichelt sie liebevoll über ihr Gesicht oder den Rücken.

Für Angehörige von demenzkranken Menschen ist es oft furchtbar traurig zu erleben, wie ihre Liebsten mit fortschreitender Krankheit ihre Erinnerungen verlieren. Erlebtes verblasst, die Namen der Angehörigen verschwinden aus den Köpfen. Von dieser Traurigkeit, die eine Demenz unweigerlich mit sich bringt, ist in der WG wenig zu spüren.

Für Demenzkranke sind Berührungen sehr wichtig

„Frau Roepke, da schleichen Sie sich einfach an mir vorbei – so geht das nicht“, scherzt Wiken Bronst, als die Bewohnerin gerade auf dem Weg zu ihrem Platz an der langen Tafel im Gemeinschaftsraum ist. Die Seniorin dreht um, Bronst schlingt ihre Arme um sie und drückt sie fest.

Berührungen sind wichtig für Menschen mit Demenz. Je mehr der Verstand schwindet, desto größer wird die Bedeutung der Gefühlsebene. Körperliche Nähe schafft Zugang zu den Menschen, die über den Geist häufig nicht mehr erreichbar sind. Immer wieder streicheln die Betreuerinnen die Senioren, nehmen sie an die Hand, umarmen sie. „Wenn man bedenkt, dass dies ihr letzter Lebensabschnitt ist, dann sollte jeder Tag schön sein“, sagt Wiken Bronst.

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Die 45-Jährige hat jeden Bewohner im Blick. Frau H. sitzt an diesem Morgen mit verschränkten Armen am Frühstückstisch, verweigert das Essen. Sie leidet unter starken Ängsten und reagiert mit Sturheit. Bronst setzt sich zu ihr, redet behutsam auf sie ein – und bringt Frau H. mit viel Geduld und Liebe dazu, doch noch die selbst gemachte Marmelade auf dem Brötchen zu probieren.

Menschen in der Demenz-WG verbindet ihre Krankheit

An der Tafel sitzen Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihre Krankheit verbindet sie. Der jüngste Bewohner ist Dirk Friedrich mit 61 Jahren. Seit 2019 lebt er in der damals neu gegründeten Demenz-WG. Zwei weitere Einrichtungen dieser Art betreibt die Diakonie Altholstein in Neumünster und Kiel. Friedrich war Malermeister. Seinen eigenen Betrieb musste er wegen seiner Alzheimer-Demenz, die sehr schnell voranschreitet, aufgeben. Er ist ein stiller Beobachter, redet nicht viel. Gleichzeitig liegt in seinem Blick viel Gutmütigkeit.

Neben ihm sitzt Adolf Evers. Der 80-Jährige kommt meistens als Letzter zum Frühstück, an einigen Tagen verpasst er es. Er braucht seine Zeit, bis er sich fertiggemacht hat. Dass er früher in einer Bank gearbeitet hat, sieht man ihm an: Jeden Morgen verlässt er in Hemd und Pullunder sein Zimmer, liest die Tageszeitung, mittwochs das Abendblatt. Die Bewohner schweigen sich untereinander häufig an, sprechen dafür umso mehr mit den Betreuungskräften. Eine Frau schläft am Tisch ein, die andere putzt das Besteck akribisch mit ihrer Serviette.

Eine Bushaltestelle, von der kein Bus fährt

Betreuerin Wiken Bronst fragt Rosemarie Adamovitz nach ihrem verstorbenen Hund, der sie eine lange Zeit ihres Lebens, an das sie sich zum Teil noch erinnert, begleitet hat. Wie oft Bronst diese Geschichte schon gehört hat, weiß sie nicht. Es spielt auch keine Rolle für sie. Hauptsache, sie gibt der Bewohnerin ein gutes Gefühl.

Genauso unwichtig ist es, dass Otto ein Stofftier ist und kein echter Hund. „Warum soll ich nicht mitspielen, wenn es ihr gut dabei geht?“, meint Jacqueline Hille, die das zehnköpfige Betreuungsteam der WG an der Schulstraße 5e leitet. „Wir wollen die Menschen nicht veräppeln. Wenn ich Frau Adamovitz sagen würde, ihr Hund ist nicht lebendig, würde für sie eine Welt zusammenbrechen.“

Seit Kurzem steht im Garten der Demenz-WG eine Bushaltestelle mit Bank, Schild und Fahrplan. Sie sieht täuschend echt aus, ist aber eine Attrappe. Der Gedanke dahinter: Wenn die Bewohner auf den Bus warten, werden sie davon abgehalten fortzulaufen – eine Tendenz, die viele an Demenz Erkrankte haben. Für die Scheinbushaltestelle, an der niemals ein Bus halten wird, musste die Diakonie Altholstein viel Kritik einstecken.

Polizei musste verirrte Bewohner zurückbringen

Teamleiterin Jacqueline Hille weiß aber, was für ein wichtiges Element die falsche Busstation sein kann. Eine Bewohnerin ist in der Vergangenheit besonders häufig auf Wanderschaft gegangen. Das kann für sie lebensgefährlich werden, wenn sie nicht alleine zurückfindet. Die Polizei musste schon mehrmals verirrte Bewohner zurückbringen.

Am Eingangsbereich der WG läutet deswegen eine Klingel, sobald jemand das Haus verlässt. So können die Betreuungskräfte reagieren und die Bewohner zum Bleiben überreden. Versperren dürfen sie die Tür nicht. Bei der Wohngemeinschaft an der Kreuzkirche handelt es sich um keine geschlossene Einrichtung. Jeder darf sich frei bewegen.

„Zum Mittagessen gibt es heute Gemüsesuppe. Wir brauchen Leute, die uns helfen und zeigen, wie man das macht. Wer hat Lust?“, fragt Wiken Bronst nach dem Frühstück in die Runde. Die Betreuungskräfte geben den erkrankten Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden. Die Mehrheit der Gruppe schält gemeinsam Wurzeln und schneidet sie anschließend.

„Das regt die Sinne an. Wenn sie es mit ihren eigenen Händen schnippeln, essen sie es lieber“, erklärt Jacqueline Hille. Währenddessen spielt eine Betreuerin mit Rosemarie Adamovitz das „Sprichwörter-Spiel“. „Kommt Zeit ...“, sagt die Betreuungskraft. „… kommt Rat“, antwortet die Seniorin.

Bewohner werden 24 Stunden am Tag betreut

Der Wohnraum der WG ist mit braunen Holzmöbeln eingerichtet. In einer Ecke steht eine alte Nähmaschine, die allerdings nicht mehr funktionstüchtig ist. An einer Wand hängt ein selbst gebastelter Wunschbaum aus Papier, rundherum kleben Zettel, auf denen Wünsche wie „Frieden“, „Viel lachen“ und „Geborgenheit“ stehen. In einem separaten Wohnzimmer gibt es einen Fernseher, der aber nur selten in Benutzung ist. Aktuelle Bilder aus Afghanistan würden Ängste bei den Bewohnern auslösen.

Die WG hat nichts mit einem Studentenwohnheim zu tun – aber erinnert auch nicht an ein Pflegeheim. „Wir leben wie in einer Großfamilie“, sagt Hille. Jeder hilft jedem. Es gibt auch mal heftige Streits. „Vor allem können wir hier aber sehr individuell auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen.“

24 Stunden am Tag wird sich um die Bewohnerinnen und Bewohner gekümmert. Morgens sind zwei Betreuungskräfte sowie der ambulante Pflegedienst vor Ort, der sie wäscht und versorgt. Das WG-Leben ist nicht teurer als ein Pflegeheim. Die Kosten belaufen sich auf 1800 bis 2000 Euro Eigenanteil im Monat – inbegriffen sind Miete, Haushaltsgeld und die Alltagsbetreuung. Die Zimmer sind 16 bis 18 Quadratmeter groß.

Allerdings ist diese Form des Wohnens nicht für jeden Dementen geeignet. Hille würde das offene Konzept nicht für Menschen empfehlen, die einen starken Drang haben wegzulaufen oder sehr aggressiv im Umgang mit anderen sind.

„Danke, dass ich euch habe“

Die Demenz-WG ist Teil eines großen Quartiers, das die Diakonie Althol­stein an der Schulstraße aufgebaut hat. Mehrere Neubauhäuser reihen sich aneinander. Neben der Wohngemeinschaft hat der ambulante Pflegedienst hier seinen Sitz, ebenso bietet die Diakonie Tagespflege und betreutes Wohnen in Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen an. „Das ist ein tolles Zusammenspiel“, sagt Jacqueline Hille.

Am Nachmittag backt die Demenz-Gruppe Kuchen, spielt „Mensch ärgere Dich nicht“ oder Bingo, macht Gymnastik oder einen Spaziergang. „Wir haben zwar unsere Routinen – aber jeder Tag sieht anders aus“, sagt Hille. Die Struktur ist auch abhängig von der Verfassung der Bewohner, die sehr variieren kann.

Rosemarie Adamovitz schließt ihre Zimmertür hinter sich und lässt Stoffhund Otto in seinem Körbchen zurück. Jacqueline Hille fasst sie an der Hand, streichelt ihr über den Rücken und begleitet sie zurück zu den anderen in die Küche. Rosemarie Adamovitz mag vieles aus ihrem alten Leben vergessen haben. Aber in ihrem neuen Zuhause, ihrer WG, fühlt sie sich geborgen. „Danke, dass ich euch habe“, sagt sie zu Hille.

Wer Kontakt zur Diakonie Altholstein und der Demenz-WG aufnehmen möchte, kann dies unter der Telefon 04193/ 80 833 78 00 oder per Mail an pflege-henstedt-ulzburg@diakonie-altholstein.de.

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