Norderstedt

Moore sind genauso umweltschädlich wie gesamter Pkw-Verkehr

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Andreas Burgmayer
Blick über die Weidelandschaft des Naturschutzgebietes Glasmoor: Nur wenige Bereiche des Hochmoores sind noch wirklich nass. Das soll sich von 2022 an ändern.

Blick über die Weidelandschaft des Naturschutzgebietes Glasmoor: Nur wenige Bereiche des Hochmoores sind noch wirklich nass. Das soll sich von 2022 an ändern.

Foto: Stiftung Naturschutz SH / HA

Aus dem Klimakiller Glasmoor in Norderstedt soll jetzt ein CO2-Speicher werden. Das ist die Idee dahinter.

Norderstedt.  Ein idyllisches und intaktes Stückchen Natur – so wirkt das Glasmoor, eingebettet im Westen Norderstedts zwischen der Schleswig-Holstein-Straße, Kiesabbaugruben, dem Tangstedter Forst und der historischen Justizvollzugsanstalt.

Und tatsächlich haben Fauna und Flora im laut Naturschutzbund größten noch intakten Hochmoorkörper in Schleswig-Holstein auch ein Refugium inmitten des stark besiedelten Hamburger Umlands gefunden. Doch dass unter den Wurzeln der vielen im Gebiet stehenden Kiefern ein echter Klimakiller am Werk ist, das verwundert dann doch.

Glasmoor wurde entwässert und ist jetzt Klimakiller

Denn der Hochmoorkörper im Glasmoor liegt in weiten Teilen trocken – und wird so zum Klimaproblem. Laut der Stiftung Naturschutz des Landes Schleswig-Holstein kann ein Hektar Moor grundsätzlich bis zu sechsmal so viel Kohlenstoff speichern wie ein Hektar Wald. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Moorböden nass sind und Torfmoose wachsen, die dann das CO2 aus der Luft binden können.

Das Glasmoor aber wurde wie etwa 90 Prozent der deutschen Moore entwässert, um „abzutorfen“ oder die Flächen anderweitig zu nutzen. Legt man Moorböden trocken, werden sie von Kohlenstoffspeichern zu echten Klimakillern. Ist der gespeicherte Kohlenstoff nicht mehr vom Wasser luftdicht abgeschlossen, verbindet er sich mit dem Sauerstoff der Luft zum Treibhausgas CO2.

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So kommen laut der Stiftung Naturschutz fast sieben Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen aus entwässerten Moorböden. Das Glasmoor und die übrigen Moore in Schleswig-Holstein geben jedes Jahr etwa 2,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente in die Atmosphäre ab – so viel wie der gesamte Pkw-Verkehr im Land.

Glasmoor soll wilder und nasser werden

Die gute Nachricht für das Glasmoor und das Klima: Die Entwicklung ist ganz einfach aufzuhalten und sogar umzukehren. Die Moore müssen einfach wieder verwässert werden – und nach einer Übergangsphase werden so aus Klimakillern große CO2-Speicher. Genau das wird nun im Glasmoor und in 19 anderen Mooren des Landes von der Stiftung Naturschutz umgesetzt.

„Wir werden das Glasmoor wilder machen“, sagt Philipp Meinecke, der das Hochmoor für die Stiftung Naturschutz betreut. „Es ist jetzt schon nicht leicht zugänglich – aber wenn wir mit der Wiedervernässung fertig sind, wird das noch schwerer.“

Wobei betont werden muss, dass im Naturschutzgebiet sowieso kein Mensch was zu suchen hat. Wege gibt es keine. Nur eine Herde von etwa 20 bis 30 Galloway-Rindern leben hier ganzjährig auf den Weideflächen des Naturschutzgebietes. Dazu kommt etwa ein halbes Dutzend Koniks, eine polnische Fleischpferderasse, wie Meinecke sagt. Und selbstredend die vielen Wildtiere, darunter ist die Vogelwelt laut Nabu besonders gut vertreten, etwa mit dem Kranich, dem Schwarzkehlchen, dem Kiebitz, dem Sandregenpfeifer oder dem Neuntöter.

Torfabbau veränderte das Glasmoor nachhaltig

„Derzeit läuft ein Gutachten für die Vernässungsplanung des Glasmoors“, sagt Meinecke. Bodenproben werden analysiert. Daraus lässt sich dann schließen, welches Gerät zum Einsatz kommen muss und welche Umbauten für die Wiedervernässung nötig sind. „Bis Herbst 2022 sollen die Ergebnisse vorliegen.“ Danach kann das Glasmoor wieder in seinen Ursprungszustand versetzt werden.

So wie 1796, als es noch ein ausgedehntes waldfreies Hochmoor war, das von Heiden umgeben war. Bis 1878 war das Hochmoor bereits auf etwa 83 Hektar abgebaut worden, und die Heiden besiedelten die abgebauten Flächen. Nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich wurden Entwässerung und der Torfabbau intensiviert. Der Hochmoorkörper wuchs nicht mehr und wurde mit Kiefern und Birken bestockt.

Um 1953 hatte das Hochmoor noch eine Ausdehnung von etwa 45 Hektar, und auf den abgebauten Torfflächen wirtschafteten die Landwirte. Nach Aufgabe des Torfabbaus waren nur noch 33 Hektar Hochmoor erhalten geblieben.

Vernässung ist Ausgleichsmaßnahme für Bau der S-Bahn 4

„Zwar wurden immer wieder Teile des Moores verwässert. Aber erst jetzt soll der große Wurf kommen“, sagt Meinecke. Momentan sei das Hochmoor in weiten Teilen trocken und bewaldet. Nach dem Umbau sei es offen und nass. Ein Konzept dafür hat der Itzehoer Landschaftsarchitekt Thomas Bünz im Auftrag der Stiftung geschrieben.

Um die Moorbiotope zurückzuentwickeln und damit auch die Biodiversität im Glasmoor zu fördern, müssten die Kiefern und weitere Waldbestände im Moor gerodet werden. „Ersatz für die Wälder soll am westlichen Rand des Gebietes als Abschirmung zur Bundesstraße und zur Verbesserung des dortigen Biotopverbundes geleistet werden“, schreibt Bünz.

Die Vernässung des Glasmoores soll der Regen erledigen. „Wir müssen die Schwammfunktion des Moores wieder herstellen“, sagt Philipp Meinecke. Man müsse sich das neue, nasse Glasmoor wie eine Badewanne vorstellen, mit noch zu setzenden Spundwänden drumherum. „Und dann kann nur noch nach unten Wasser versickern – was wir eingrenzen wollen. Und es kann oben was über die Ränder laufen, was wir mit Abläufen regeln.“ Fertig ist der CO2-Speicher.

Ob das alles genauso eintritt, ob die Torfmoose wachsen und – vor allem – ob genug Regen fällt, damit das Moor vernässt – das seien die Unwägbarkeiten des Projektes. Bezahlt wird der ganze Aufwand übrigens von der Deutschen Bahn. Die Vernässung des Glasmoores ist eine Ausgleichsmaßnahme für den Bau der S-Bahn 4 von Hamburg nach Bad Oldesloe.

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