Norderstedt

Aus dem Iran nach Deutschland – hier beginnt ihr neues Leben

| Lesedauer: 16 Minuten
Bahman Taghi Zadeh und Zarah Khlajani Dinzar vor dem Haupteingang der Heidberg-Klinik.

Bahman Taghi Zadeh und Zarah Khlajani Dinzar vor dem Haupteingang der Heidberg-Klinik.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / HA

Bahman Taghi Zadeh und Zahra Khalajani Dinzar aus dem Iran werden an der Asklepios Klinik Nord-Heidberg zur Pflegekräften ausgebildet.

Norderstedt.  Der Pflegenotstand in Deutschland ist groß. Gerade in der Corona-Pandemie zeigt sich, welche dramatischen Folgen das hat. Dringend benötigte Intensivbetten bleiben ungenutzt, weil das Personal zur Betreuung fehlt. Doch es es gibt zu wenige deutsche Bewerberinnen und Bewerber für die Jobs. Ohne Pflegekräfte aus dem Ausland würde in deutschen Kliniken nichts mehr gehen.

Krankenhäuser wie die Asklepios Klinik Nord-Heidberg haben längst eigene Abteilungen für die Akquise und Integration von internationalen Pflegekräften. Die Kosten sind enorm. Die Zahl der ausländischen Pflegekräfte steigt seit Jahren kontinuierlich an. 2013 lag der Anteil noch bei 6,8 Prozent (74.108 Beschäftigte), sechs Jahre später waren es doppelt so viele.

Was Menschen aus aller Welt auf sich nehmen, um unsere Kranken zu umsorgen, dass will das Abendblatt in den kommenden Monaten dokumentieren. Wir begleiten Zahra Khalajani Dinzar, 37 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Söhnen, und Bahman Taghi Zadeh, 31 und verheiratet. Beide kamen alleine aus dem Iran nach Deutschland. Bis sie hier als anerkannte Pflegekraft arbeiten können, dauert es etwa ein Jahr. In frühestens zehn Monaten können sie ihre Familien nachholen. Hier beginnt ihre Geschichte:

Monatelang hatte sie den Tag geplant. Den Tag, an dem sie alles hinter sich lassen würde, um neu zu beginnen. Sogar ihre Kinder, zwei Jungs, gerade einmal sechs und acht Jahre alt. Eine Psychologin hatte ihr Tipps gegeben, wie sie die Kinder auf den Abschied vorbereiten soll. Wie sie die Trennung mit ihnen üben kann. Daher hatte sie Karen und Kian immer wieder zu ihrer Schwiegermutter gegeben. Zuerst für ein paar Stunden, dann für einen ganzen Tag, eine Nacht und schließlich, irgendwann, für mehrere Tage und Nächte. Als die Zeit gekommen war, um ihre Koffer zu packen und zum Flughafen zu fahren, nahm Zahra Khalajani Dinzar ihre Söhne mit. Sie wollte so lange wie möglich mit ihnen zusammen sein, sich erst kurz vor dem Check-in verabschieden müssen.

In den vergangenen Monaten hat sie Karen und Kian fast täglich gesagt, dass es das Beste für die Familie sei, wenn sie nach Deutschland geht. Jetzt, in den letzten Minuten ihres Zusammenseins, muss sie es sich selbst sagen. Während sie sich von ihrem Mann verabschiedet, spielen die Jungs im Terminal Fangen. Sie muss rufen, damit sie zu ihr kommen. Als sie mir ihrem Pass in der Hand durch die Kontrolle geht, winken ihr die Kinder zum Abschied zu. Keiner der beiden weint. Ab sofort leben sie bei ihrer Oma. Ihr Vater muss arbeiten. Zahra sagt, dass ihre Kinder zwei Mütter haben. „Meine Schwiegermutter ist die Nummer eins in ihrem Leben – ich bin nur die zwei.“ Sie lacht ein bisschen darüber. Weil es dann leichter ist. Sie weiß, dass sie das Richtige tut. Auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt.

Krankenschwestern wie Zahra sind weltweit gesucht

Das Richtige, das ist für sie ein Neuanfang, ein neues Leben in einem Land fernab vom Iran. Vor dreieinhalb Jahren haben sie und ihr Mann entschieden, dass Zahra die Heimat verlassen wird, um ihnen ein neues Zuhause aufzubauen. Eine Zukunft. Es war nicht schwer für sie, etwas zu finden. Mit ihrer Qualifikation. Fast überall werden Menschen wie sie gesucht, fast überall gibt es in ihrem mehr offene Stellen als Bewerber. Zahra ist Krankenschwester. Sie macht einen Job, den andere nicht mehr machen wollen. Der Pflegenotstand in Deutschland ist groß. „Ohne Pflegekräfte aus dem Ausland wird Deutschland den hohen Personalbedarf nicht mehr decken können.“ So hat es Bundesminister Jens Spahn formuliert und die Gründung einer Deutschen Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe (DeFa) unterstützt. Das war im Dezember 2019. Zu der Zeit hatte Zahra schon einen Plan und begonnen, Deutschunterricht zu nehmen. Und die Asklepios Klinik Nord-Heidberg bereits eine Integrationsbeauftragte eingestellt zur Akquise und Integration von internationalen Pflegekräften: Stefanie Ludwig (51). Sie leitet das Asklepios-Willkommenszentrum Hamburg und die Abteilung Integration der Asklepios Klinik Nord, die im September 2020 gegründet wurde.

Ludwig ist selbst Krankenschwester und hat in den vergangenen 34 Jahren miterlebt, wie der Beruf, für den sie gebrannt hat, immer unbeliebter wurde. Wie schwierig es war, Auszubildende zu bekommen – und den Personalmangel zu kompensieren. „Irgendwann war klar, dass man das Problem nur mit dem Einsatz internationaler Pflegekräfte mildern kann“, sagt Stefanie Ludwig. Bis zu diesem Zeitpunkt habe es nur vereinzelt Pflegekräfte aus dem Ausland gegeben, vielleicht drei oder vier pro Jahr. „Da das Potenzial riesig war, hat man sich 2020 zur Gründung einer eigenen Abteilung entschieden“, so Ludwig. Heute sagt sie selbst, wie naiv sie damals gewesen seien. „Ich dachte, dass vielleicht zehn Kräfte pro Jahr kommen, die ich alle selbst anleiten und betreuen kann.“ Doch schon in den ersten vier Wochen waren es 20. Ein halbes Jahr machte sie den Job alleine, führte Vorstellungsgespräche via Skype, besorgte Visa und Wohnungen, organisierte Sprachkurse und Kindergartenplätze. Heute fragt sie sich manchmal, wie sie das geschafft hat. Inzwischen hat ihre Abteilung neun Mitarbeiter. Mehr als 100 internationale Pflegekräfte sind seit 2019 akquiriert und eingegliedert worden.

Fünf stunden täglich Online-Sprachkurse

Zahra ist zuletzt angekommen, vor gerade einmal drei Wochen. Beim Landeanflug auf Hamburg hat sie jede Menge Fotos gemacht, um sie später ihren Kindern zu zeigen. Vom Flughafen ging es mit der S- und U-Bahn zum Langenhorner Markt. In einem Seniorenheim hat die Asklepios Klinik Nord mehr als zwei Dutzend leer stehende Wohnungen für internationale Pflegekräfte angemietet. Zahras Wohnung liegt im Erdgeschoss. 35 Quadratmeter. Küche, Bad, ein Zimmer. Das reicht für sie alleine. Bis ihre Familie nachkommt. In frühestens zehn Monaten ist das möglich. 14 Tage lang darf sie die Wohnung nicht verlassen. Nicht einkaufen, nicht spazieren gehen, nicht einmal Müll runterbringen. Sie ist in Quarantäne. Lebensmittel bringen ihr Stefanie Ludwig und ihr Team. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt sind ihr Laptop und ihr Handy. Jeden Tag ruft sie zu Hause an, morgens, mittags, nachmittags und abends. Um Gute Nacht zu sagen. Schab bekheir.

Die Jungs haben seit ein paar Monaten Deutschunterricht. Aber sie spricht persisch mit ihnen. Irgendwann will sie das ändern. Sie lernt verbissen Deutsch. Fünf Stunden täglich macht sie einen Online-Sprachkursus. Sie liest deutsche Bücher über Pflege und das Sozialversicherungswesen, guckt deutsche Filme. Einmal im Monat veranstaltet Stefanie Ludwig einen Filmabend, an dem sich die Pflegekräfte online einen Film anschauen und diesen danach in einer Videokonferenz besprechen. Zahra ist eifrig, schreibt sich jedes unbekannte Wort auf. Ihr erstes Wort ist Christstollen.

In Teheran hat sie bereits ihr Sprachzertifikat B2 gemacht, es ist Voraussetzung für die Anerkennung in Deutschland. Etwa 2500 Stunden Unterricht benötigen die meisten, bis sie das Sprachniveau erreichen. Zahra hat Stunden bei einer Privatlehrerin genommen. Die Kosten in den letzten Jahren waren hoch. Sie musste allein 6000 Euro Vermittlungsgebühr an eine Agentur zahlen. Ihre Unterlagen übersetzen lassen, Papiere beantragen, das Flugticket bezahlen. Es ist eine Investition in die Zukunft. Es lohnt sich, meint sie. Sie hat einen Bachelor of Nursing, wie es heißt. Ein Studium in Krankenpflege. Im Iran verdient sie etwa 300 Euro. Im Monat. In Deutschland sind es zwischen 2000 und 2500 Euro – am Anfang, solange sie Gesundheits- und Krankenpflegerin in Anerkennung ist, wie es heißt. Denn ihre Ausbildung muss erst anerkannt werden.

Das Problem: Die duale Pflegeausbildung in Deutschland ist in ihrer Form international nahezu einmalig. Um hier als anerkannte Pflegefachkraft arbeiten zu dürfen, wird die Ausbildung im Herkunftsland mit der deutschen Ausbildung verglichen. In den meisten Fällen wird die im Ausland erworbene Qualifikation nicht voll anerkannt. Auch bei Zahra ist das so. Um dieses Defizit auszugleichen, muss sie sechs Monate lang einen „Anpassungsqualifizierungskursus“ besuchen. Einmal die Woche, insgesamt 200 Stunden Theorie in Grundpflege, Rechtskunde, Mobilisation.

Nackte Unterarme im Dienst? Für viele Gläubige unmöglich

„Manche Lerninhalte mögen uns fast banal erscheinen, sind aber für die internationalen Pflegekräfte vollkommen neu“, sagt Stefanie Ludwig. „Das fängt schon damit an, dass man den Patienten in vielen Ländern nicht ins Gesicht schaut, weil das als unschicklich oder aufdringlich gilt. Bei uns ist das jedoch essenziell, um den Zustand eines Patienten einschätzen zu können. Wie ist seine Gesichtsfarbe, sind seine Augen glasig oder ist seine Mine schmerzverzerrt“, sagt Stefanie Ludwig. Es ist ein ständiger Lernprozess. Auf beiden Seiten.

„Als wir anfingen, gab es niemanden, den man fragen konnte. Wir mussten uns das selbst alles erarbeiten, lernen“, sagt Ludwig. Lernen, dass in zahlreichen anderen Ländern Familienangehörige die Grundpflege übernehmen und viele daher Probleme haben, einen Kranken bei der Körperpflege zu unterstützen. Lernen, dass Frauen aus religiösen Gründen Bedenken haben, mit nackten Unterarmen zu arbeiten, das aus hygienischen Gründen aber müssen. Lernen, dass viele internationale Pflegekräfte Konflikte scheuen und Vorgesetzten nicht widersprechen. Dadurch sei es schwer zu erkennen, ob die Pflegekräfte sich hier im Team willkommen fühlen.

Die Integrationsbeauftragte hat gelernt, die Anwärter bei den Vorstellungsgesprächen per Videokonferenz auf Probleme anzusprechen und zu hinterfragen, ob sie sich der Herausforderung bewusst sind. Ob ihnen klar ist, dass sie ihre Familien monatelang nicht sehen. Dass sie als Frauen auch Männer waschen müssen? Was sie machen, wenn ein Kind krank wird?

Zahra hat sie im Gespräch überzeugt. Mit ihren klaren und durchdachten Antworten. Ihrer Planung. „Sie hat wirklich alles durchdacht“, sagt Stefanie Ludwig. Sie erkennt, ob jemand nur auswendig gelernte Antworten runterleiert, sogar abliest, oder sich selbst gut ausdrücken kann. Ob jemand das Zeug hat, sich in einem fremden Land durchzubeißen und wirklich bleiben möchte – oder nur kurzfristig Geld verdienen will.

50.000 Euro investiert die Klinik in jeden Pflege-Bewerber

Denn auch das gibt es immer wieder: Dass eine internationale Pflegekraft den Aufenthalt abbricht oder zu einem anderen Unternehmen wechselt. Es ist ein Thema, über das meistens nicht offen gesprochen wird. Stefanie Ludwig tut es trotzdem. Offiziell dürfen sich Kliniken oder Pflegeeinrichtungen nicht gegenseitig Personal abwerben. „Aber wenn jemand wechseln will, können wir ihn nicht daran hindern“, sagt Ludwig. Deswegen tue man alles, damit sich die Mitarbeiter wohl fühlen und gerne bleiben. Sie bekommen Unterstützung bei der Wohnungssuche, erhalten Möbelspenden und sogar ein zinsloses Darlehn für die Mietkaution. Die Kliniken investieren viel in die neuen Mitarbeiter. Es kann bis zu zwei Jahre dauern, bis sie alle erforderlichen Unterlagen für eine Pflegekraft haben. Bis zu zwei Jahre Arbeit. Stefanie Ludwig schätzt, dass sich die Kosten auf etwa 50.000 Euro summieren, ehe ein Bewerber die Anerkennung erlangt und voll eingesetzt werden kann. 8000 bis 16.000 Euro fallen oft an Vermittlungsgebühren an. Hinzu kommen das Gehalt der Pflegekraft und die Kosten für Sprachkursus und Schulungsmaßnahmen, die Prüfung und die Wohnung. Zehntausende zahlt Asklepios allein für Wohnungen. Pro Monat.

Die Pflegekräfte selbst zahlen nur einen geringen Teil der Miete. Bei Zahra ist es noch nicht mal die Hälfte, nicht mal 200 Euro. Den Rest will sie sparen, nach Hause schicken. So der Plan.

Einmal pro Woche treffen sich alle internationalen Pflegekräfte per Skype und tauschen sich aus. Als Zahra das erste Mal daran teilnimmt, lernt sie Bahman Taghi Zadeh (31) kennen. Ein briefmarkengroßes Bild auf dem Laptop. Er kommt wie sie aus dem Iran. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Bahman wohnt im selben Haus wie sie. Zwei Türen neben ihr.

Fast zwei Wochen lang schreiben sie sich Nachrichten über Whatsapp und telefonieren. Und machen Pläne für die Zukunft. In einem Jahr wollen sie ihre Familien nachholen. Sie wollen sich gegenseitig unterstützen. Sie sind im selben Anerkennungskursus. Die Plätze sind rar, es gibt Pflegekräfte, die müssen bis zu sechs Monate warten.

Letzte Woche Dienstag sind sie zum ersten Mal mit der U-Bahn von Langenhorner-Markt bis Jungfernstieg gefahren. 13 Stationen, sagt Bahman. Und dann noch mal umsteigen, in die S-Bahn. Er kennt die Strecke. Bahman ist Zahra ein paar Tage voraus. Er ist eine Woche vor ihr angereist, ist vor ihr aus der Quarantäne gekommen. Hatte vor ihr den ersten Arbeitstag. Station Neurochirurgie. Er wäre lieber auf der Intensivstation. So wie zu Hause, im Iran. Er mag es, wenn er sich intensiv um einen Patienten kümmern kann. Weil es anspruchsvoller ist, sagt er: weniger Pflege, mehr Medizin.

Zu viel Medizin, zu viel Spezialwissen, zu viel Verantwortung für den Anfang, meint Stefanie Ludwig. Das geht erst nach der Anerkennung. Vorher müssen die beiden noch viel lernen. Als Bahman seinen ersten Arbeitstag hatte, hat er eine weißes Shirt und eine graue Hose zugeteilt bekommen. Die Farbe der Hose zeigt, wie weit man in der Ausbildung ist. Grau trägt man in der Ausbildung, weiß danach. Bahman wünscht sich, dass er auch eine weiße Hose hätte. Dass er mehr Verantwortung hätte. Es ist nicht leicht, plötzlich wieder von vorne anzufangen. Alles neu lernen zu müssen.

Manchmal frustriert Zahra das. Wenn sie nicht jedes Wort versteht, das gesprochen wird. Wenn sie immer wieder nachfragen muss. Wenn sie merkt, wie viel sie noch lernen muss. Es gibt Menschen, die verlieren in der Situation die Hoffnung. Zahra nicht. Sie macht Pläne. Jeden Tag nach der Arbeit will sie jetzt mit Bahman lernen, mindestens drei Stunden lang. Stefanie Ludwig hat ihr geraten, deutsches Fernsehen zu gucken, vor allem Kindersendungen. Löwenzahn und Sesamstraße zum Beispiel. Das will sie probieren. Mit ihren Kindern hat sie viel ferngesehen. Im Herbst kommt ihr Jüngster in die Schule. Sie kann dann nicht nach Hause fahren. Im Herbst steht ihre Abschlussprüfung an. Nicht alles lässt sich planen.

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