Norderstedt

300 Bäume weg: Warum der Kahlschlag an der B432 sein musste

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Burkhard Fuchs
An der Ohechaussee mussten kranke und tote Fichten, Pappeln und Eschen entfernt werden. Bis Ende des Jahres sollen dort 8000 neue Laubbäume gepflanzt werden.

An der Ohechaussee mussten kranke und tote Fichten, Pappeln und Eschen entfernt werden. Bis Ende des Jahres sollen dort 8000 neue Laubbäume gepflanzt werden.

Foto: Burkhard Fuchs

Großflächige Rodung an der Ohechaussee ließ sich nicht vermeiden, sagt Bezirksförster Reinhard Schulte. Das sind die Gründe.

Norderstedt . Wer mit dem Auto von der Autobahn 7 in Schnelsen-Nord kam und später in Richtung Norderstedt auf die Bundesstraße 432 abbog, der war es über Jahrzehnte gewohnt, durch einen dichten Wald zu fahren, der sich links und rechts des Fahrbahnrandes erstreckte. Wer jetzt diese Strecke fährt erschrickt, angesichts des Kahlschlags, der den Wald ziemlich gelichtet hat.

In Höhe des Gebäudes mit der Hausnummer 442, in dem die Tanzsportabteilung des HSV und der Hamburger Reiterverein untergebracht sind, wurden auf beiden Seiten der Straße auf einer Fläche von etwa einem Hektar etwa 300 Bäume gefällt. Das sei eine notwendige Maßnahme zur Verkehrssicherheit gewesen, teilen die dafür zuständigen Behörden mit. „Die Hiebmaßnahme war dringlich“, sagt Bezirksförster Reinhard Schulte von der Landwirtschaftskammer auf Abendblatt-Nachfrage.

Denn es ging an der viel befahrenen Bundesstraße um die Verkehrssicherheitspflicht. Die betroffenen Rotfichten, Eschen und Hybrid-Pappeln standen nahe und beidseitig an der B 432. „Die Hybrid-Pappeln waren bereits völlig instabil und innen hohl“, erläutert der Waldexperte. „Einige Bäume waren dort bereits auf die Straße gefallen.“ Die Fichten waren vom Borkenkäfer befallen, den Eschen hatte der Eschentriebsterben-Pilz zugesetzt.

Der private Eigentümer des Waldstückes, der auch weitere Flächen in den Kreisen Segeberg und Stormarn besitzt, habe sich an die Landwirtschaftskammer gewandt und um Hilfe gebeten. „Wir beraten und betreuen in solchen Fällen die Waldeigentümer“, sagt Schulte. Landesweit seien dies rund 10.000 Waldbesitzer. Die Beratung sei für den Eigentümer kostenlos.

Die Rodung der kranken und toten Bäume ist von langer Hand geplant worden, sagt Schulte. „Die Vorlaufzeit dafür betrug ein Dreivierteljahr.“ So sei die Baumfällung bei der Unteren Forstbehörde des Landes ordnungsgemäß angezeigt worden. Diese habe die Rodung nach einem gemeinsamen Ortstermin positiv beschieden.

Gefällt wurden nach Angaben des Kammer-Försters etwa 130 Rotfichten sowie 160 Pappeln und Eschen. Alles zusammen seien dies rund 200 Festmeter oder Kubikmeter Holz. Die Baumstämme liegen zurzeit aufgestapelt am Rande des Grundstücks in der Ohechaussee 442. Auch beim Holzverkauf berate und helfe die Landwirtschaftskammer den Eigentümer, bei dem es sich in diesem Fall um ein zertifiziertes Unternehmen handele, so Schulte. „Wir erhalten dafür je nach Größe der Fläche eine Gebühr, die hier zwischen 500 und 1000 Euro liegen wird.“ Abgerechnet werde dies über die Forstbetriebsgemeinschaft, in der private wie kommunale Waldbesitzer zusammen organisiert sind.

Für die Abholzung selbst musste die Ohechaussee in diesem Bereich aus Sicherheitsgründen zeitweise für den Verkehr voll gesperrt. werden. Fünf Mann seien mit schwerem Gerät wie einem Harvester oder Holzvollernter und Hubbühne tagelang beschäftigt gewesen. Um zu vermeiden, dass einzelne Bäume übrig blieben, die dann möglicherweise dem nächsten Sturm nicht standhalten könnten, seien lichte Einheiten geschaffen worden, heißt es von der Unteren Forstbehörde. Ansonsten hätte die akute Gefahr von künftigen Sturmwurfschäden bestanden.

Die gute Nachricht ist: Die abgeholzten Flächen sollen wieder zu Wald werden. Frühestens Mitte November könnte die lichte Waldfläche wieder aufgeforstet werden, sagt Förster Schulte. „Es werden erheblich mehr Bäume gepflanzt als dort vorher gestanden haben.“ So würden dort voraussichtlich 8000 einheimische Laubbäume, wie Stileichen, Rotbuche, Bergahorn und Wildkirsche die kranken und toten, überwiegend Nadelhölzer ersetzen. Dafür stünden auch finanzielle Fördermittel von Land, Bund und Europäischer Union zur Verfügung, so Schulte. Der Antrag, dass sich die Behörde an den Kosten der Wiederaufforstung beteiligen möge, sei bereits genehmigt worden, sagt Schulte. „Das kostet für einen Hektar Wald etwa 12.000 Euro.“

Durch Borkenkäferbefall und Windwurf gebe es in Schleswig-Holstein einen enormen Nachholbedarf bei der Aufforstung, sagt Schulte. Insgesamt ist die Waldfläche in Schleswig-Holstein nur etwa 160.000 Hektar groß. Die Hälfte davon ist in Privatbesitz, ein Drittel gehört den Landesforsten. Der Rest verteilt sich auf Städte, Gemeinden und den Bund. Das entspricht etwa zehn Prozent der Landesfläche. Damit ist Schleswig-Holstein das waldärmste Flächenland Deutschlands. Dafür liegt der Laubholzanteil mit 61 Prozent deutlich über dem Bundesschnitt. Jährlich wachsen etwa acht Festmeter je Hektar und Jahr zu, geerntet werden aber nur etwa fünf Festmeter je Hektar, sodass also Jahr für Jahr Holzmasse aufgebaut wird.

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