Impf-Start in Praxen

Hausarzt erklärt: So werden die Patienten ausgewählt

| Lesedauer: 12 Minuten
Christopher Herbst
Jan Oppermann (38) ist Facharzt für Innere Medizin und freut sich auf den Start der Corona-Impfkampagne in seiner Hausarztpraxis an der Ohechaussee.

Jan Oppermann (38) ist Facharzt für Innere Medizin und freut sich auf den Start der Corona-Impfkampagne in seiner Hausarztpraxis an der Ohechaussee.

Foto: Christopher Herbst

Der Hausarzt Jan Oppermann spricht über den Impf-Start in den Praxen und seine Arbeit im Impfzentrum.

Norderstedt. Die Ausweitung der Corona-Impfkampagne auf die Hausärzte beginnt bundesweit nach dem Osterwochenende, auch im Kreis Segeberg bereiten sich zahlreiche Praxen darauf vor.

Jan Oppermann (38), Facharzt für Innere Medizin in der Hausarztpraxis Ohechaussee und parallel auch regelmäßig in den Impfzentren Norderstedt und Kaltenkirchen tätig, beschreibt im Interview mit dem Hamburger Abendblatt, wie diese Covid-Impfungen ablaufen sollen, was die Vorteile sind und wie die Patienten ausgewählt werden.

Dazu nimmt er Stellung zur aktuellen Astrazeneca-Diskus­sion und sagt, warum sich auch gesunde junge Leute unbedingt impfen lassen sollten, sobald sie die Möglichkeit dazu haben.

Start der Corona-Impfungen in Hausarzt-Praxen

Herr Oppermann, in den Tagen nach Ostern wird es in den Hausarztpraxen endlich losgehen mit den Corona-Impfungen. Sind Sie bereit?

Jan Oppermann: Ja, wir sind vorbereitet. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat uns Bescheid gegeben, dass wir am 7. April eine Lieferung erwarten können. Wir haben ein Rezept unterschrieben, es ist an die Apotheke gegangen. Es soll erst einmal Biontech sein. Wir bekommen voraussichtlich 60 Impfdosen. Wobei ich davon ausgehe, dass wir irgendwann etwas anderes, Johnson & Johnson oder Astrazeneca, erhalten werden. Da ist man auch flexibler.

Mussten Sie besondere Vorkehrungen treffen?

Jan Oppermann: Biontech ist vom Aufwand her sehr komplex. Wenn der Impfstoff aufgetaut ist, ist er 120 Stunden haltbar, und wir können ihn fünf Tage bei 2 bis 8 Grad lagern. Wir haben einen extra Kühlschrank, damit es zu keinen Vermischungen mit anderen Impfstoffen kommt. Und wir haben ein Thermometer, das uns per App informiert, wie die Temperatur im Kühlschrank ist, damit es bloß nicht dazu kommt, dass wir Impfstoff wegschmeißen müssen. Sollte dieser zu warm geworden sein, muss er innerhalb von sechs Stunden verimpft werden. Es ist ein kostbares Gut. Und eine Dosis, die wir wegschmeißen, hilft niemandem.

Wie werden Sie die Auswahl treffen, wer geimpft wird? Gibt es eine Warteliste?

Jan Oppermann: Wir werden auf die Patienten zugehen und rufen die über 80-Jährigen an. Wir haben nicht den Überblick, wer schon geimpft worden ist und wer nicht. Das sind eine Menge Menschen – wir haben über 20.000 Patienten in der Kartei, davon sind vielleicht 15 Prozent über 80. Und die, die durch das Raster fallen, sind jene, die bettlägerig und zu Hause sind. Es kommt kein mobiles Impfteam für einen Patienten. Wir werden bei Bedarf auch hinfahren.

Haben Sie einen Ermessensspielraum?

Jan Oppermann: Ja, der ist gegeben. Wir können auch über ein Attest hochpriorisieren, das steht den Ärzten frei. Wir hoffen, dass viele der über 80-Jährigen schon geimpft sind, sodass wir relativ schnell zur zweiten Prioritätsgruppe kommen. Wir kennen die Menschen persönlich, wissen, wie sie auf vorherige Impfungen reagiert haben. Manche sind seit 20, 30 Jahren in der Praxis. Wir wissen, welche Medikamente sie nehmen, ob es Kontraindikationen gibt.

Es gibt derzeit kaum ein privates Gespräch, das ohne das Thema Impfen auskommt. Warum ist das ein so sensibler Punkt für viele Menschen?

Jan Oppermann: Es ist in den Medien sehr präsent. Und viele haben die Hoffnung, dass es besser wird, wenn man viel impft – es stecken sich weniger Menschen an, oder zumindest gibt es keine Erkrankungen oder nur milde Verläufe. Alle wollen an der Reihe sein, aber viele sind noch nicht dran.

Was werden Sie im Freundeskreis gefragt?

Jan Oppermann: Die erste Frage ist immer: Bist Du schon geimpft? Das kann ich mit Ja beantworten. Mit Biontech. Ich war relativ früh dran, da gab es keinen anderen zugelassenen Impfstoff. Ich habe den aber nur so früh bekommen, weil ich im Notdienst fahre, in einer Anlaufpraxis und im Impfzentrum arbeite. Und die nächste Frage lautet: Weißt du, wann die normale Bevölkerung drankommt, also nicht die erste und zweite Priorität?

Sie hatten sich auch freiwillig gemeldet, in den Impfzentren mitzuhelfen. Warum?

Jan Oppermann: Wir haben uns alle darauf gefreut, dass das Impfen losgeht und hoffen, dass wir die Pandemie damit besser in den Griff bekommen. Und man merkt: Zumindest bei den Älteren gehen die Zahlen, auch die Todeszahlen, deutlich runter. Es hat also etwas gebracht. Von daher war es für mich schon die Pflicht zu sagen, dass ich mithelfe.

Worin liegt der Vorteil der Zentren?

Jan Oppermann: Dort können noch mehr Ärzte zeitgleich arbeiten. In Kaltenkirchen bis zu fünf Ärzte, in Norderstedt drei. Wir sind zu zweit, mehr schaffen wir nicht, sonst wird die Praxis zu voll. So schaffen wir 40 Patienten pro Stunde. Dafür werden wir eine extra Impfsprechstunde anbieten. Drei Minuten pro Impfung ist okay, bei den Impfzentren sind es drei bis fünf.

Was war Ihre erste Erfahrung mit dem Virus?

Jan Oppermann: Unser erster Patient war im März des letzten Jahres. Wir hatten den ersten Fall in Norderstedt. Aber wir hatten nicht damit gerechnet, dass es uns ein Jahr später immer noch genauso viel beschäftigt. Das war nicht absehbar.

Haben Sie damals schon gedacht, dass man einen Impfstoff, vielleicht sogar viele, benötigen könnte?

Jan Oppermann: Nein, zumindest nicht im März. Und auch nicht, dass es so schnell gehen könnte, dass wir innerhalb nicht einmal eines Jahres schon impfen könnten. Definitiv war es überraschend, dass es so schnell ging.

Ist es angemessen, zwischen den verschiedenen Impfstoffen zu gewichten? Was sagen Sie zu der Entscheidung, Astrazeneca nur noch für Menschen ab 60 zu verwenden?

Jan Oppermann: Es ist sinnvoll, es so zu machen. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme, da das Risiko jetzt höher ist. Für uns ist das kein Problem, solange andere Impfstoffe verfügbar sind. Natürlich haben wir jetzt viele junge Menschen mit Astrazeneca geimpft, Krankenschwestern, Erzieherinnen, da weiß man, dass das Thromboserisiko höher ist. Aber es ist nicht das Thromboserisiko, das man vom Fliegen kennt. Es ist ein anderer Mechanismus. Selbst wenn man eine Thrombosen-Vorgeschichte hat, bedeutet das nicht, dass man die Sinusvenen-Thrombose bekommt. Die Wahrscheinlichkeit einer Sinusvenen-Thrombose im Zusammenhang mit einer Impfung hat sich aber erhöht. Allgemein sind alle Impfstoffe gut. Eine Gewichtung vorzunehmen, finde ich daher schwierig.

Mussten Sie in der Praxis Patienten beraten, die mit Astrazeneca geimpft wurden?

Jan Oppermann: Natürlich gibt es Nachfragen, Verunsicherung. Aber man kann als Arzt beruhigend einwirken – gerade, wenn die Impfung länger her ist, sodass die Patienten nichts zu befürchten haben. Man muss gucken, ob neurologisch alles in Ordnung ist. Und die Patienten bekommen jetzt bei den Impfungen auch gesagt, worauf sie achten müssen. Das machen wir in Deutschland auch sehr gut: Wir klären über Risiken und Nebenwirkungen auf. Dieses persönliche Arztgespräch gibt es meiner Meinung nach in anderen Ländern kaum.

Fehlt das Wissen, um eine Impfreaktion von einer Nebenwirkung unterscheiden zu können?

Jan Oppermann: Es ist definitiv so, dass Fieber, Schüttelfrost, Durchfall keine Nebenwirkungen sind, sondern Impfreaktionen, die wir auch haben wollen. Das ist in der Bevölkerung nicht so gut angekommen. Auch, weil in den Medien der Begriff „Nebenwirkung“ häufig gefallen ist. Wenn man Schüttelfrost bekommt, hat der Impfstoff auch seine Wirkung. Eine Sinusvenen-Thrombose ist keine Impfreaktion, sondern eine Nebenwirkung.

Woher kommt die Skepsis bei Menschen, die sich vorerst – oder überhaupt nicht – impfen lassen wollen?

Jan Oppermann: Das ist eine schwierige Frage. Die Impfskeptiker haben wir kaum in der Praxis. Die gehen dann auch nicht zum Hausarzt, sondern zu anderen Kollegen, die den Impfungen vielleicht auch selbst kritisch gegenüberstehen. Wir sind eine Praxis, die sagt, dass Impfungen schützen. Wir sind Impfbefürworter.

Wie bewerten Sie den Fortschritt in den Impfzentren?

Jan Oppermann: Ich bin zufrieden, wie es im Ländervergleich läuft. Da sind wir in Schleswig-Holstein ganz gut davor. Ich glaube, wir haben fast alle Ü 80 durch. Es sind sicher ein paar dabei, die noch nicht die Möglichkeit hatten, die keinen Brief bekommen haben oder die bettlägerig sind. Das ist für uns Hausärzte dann der Aufruf. Aber ich sehe den Fortschritt. Wir haben in Kaltenkirchen letzte Woche mit drei Impflinien gearbeitet, da impfen wir an einem Nachmittag 270 Leute.

Ist das Impf-Tempo hoch genug?

Jan Oppermann: Ich finde es richtig, dass wir die Zweitimpfungen zurückgehalten haben. Ein bisschen mehr Tempo wäre nicht schlecht, aber ich weiß nicht, ob das machbar gewesen wäre. Da sind die Lieferanten in der Pflicht. Es muss ja auch die Produktionsstätten geben für Millionen Impfdosen. Und jeder braucht ein Stück vom Kuchen. Wenn nur in Deutschland alle geimpft sind, hilft das nicht weiter. Es muss weltweit geimpft werden, auch in ärmeren Ländern. Sonst bekommen wir es nicht in den Griff.

Würden Sie sich mehr Flexibilität wünschen, also dass zum Beispiel eine Begleitperson geimpft werden dürfte?

Jan Oppermann: Wenn die Person nicht auf der Prioritätenliste ist, dürfen wir das nicht. Natürlich wäre es nicht schlecht, aber wir müssen die Richtlinien einhalten. Solange das nicht aufgeweicht ist, geht das nicht.

Sollte eine Covid-Impfung in den normalen Impfzyklus für Kleinkinder integriert werden?

Jan Oppermann: Das ist zu früh, dafür wissen wir noch zu wenig über die Impfstoffe. Dafür brauchen wir Langzeitstudien. Wir wissen nicht, wie viel Mikrogramm wir für einen Säugling bräuchten. Die Kinder können ja nicht selbst entscheiden, es entscheiden die Eltern. Und die Gefahr, dass ein Säugling erkrankt, ist geringer. Ich denke, das wird Jahre dauern, bis das in der Impfverordnung verankert ist. Und ich glaube nicht, dass es aktuell Not tut. Man sieht zwar, dass es eine Verlagerung zu den Kindern und Jugendlichen gibt, dass sie an der Mutation eher erkranken, aber schwere Verläufe sind sehr selten.

Wie schätzen Sie die Impfbereitschaft bei den jüngeren Generationen ein?

Jan Oppermann: Es gibt viele, die sagen, sie sind Mitte 20, stehen mitten im Leben, sind Sportler. Aber auch die kann es erwischen. Es gibt auch Menschen unter 30, die auf Intensivstationen gelandet sind. Ich würde mich impfen lassen, wenn ich Mitte 20 wäre. Man trägt auch dazu bei, dass das Virus weniger verbreitet wird.

Wenn die Hausärzte mitimpfen, wird dann im Sommer jeder Bürger sein Impfangebot haben, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel zugesagt hat?

Jan Oppermann: Ich denke schon, dass wir Mitte des Jahres, in Richtung Herbst, zumindest alle schon eine Erstdosis erhalten haben.

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