Viele Bürger gefrustet

Schleswig-Holstein vergibt Impftermine per Zufallsgenerator

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Christopher Herbst und Sabine Tesche
In Schleswig-Holsteins Impfzentren herrscht teilweise noch Termin-Chaos (Archivbild).

In Schleswig-Holsteins Impfzentren herrscht teilweise noch Termin-Chaos (Archivbild).

Foto: Christian Charisius / dpa

Im Norden hapert es bei der Terminvergabe durch Eventim für die Corona-Impfungen. So erhöhen Sie Ihre Chancen in der Warteschlange.

Kiel. Sich stundenlang um einen Termin für eine Impfung gegen Covid-19 zu bemühen und dann leer auszugehen, gehört für viele Menschen zu den frustrierendsten Pandemie-Erlebnissen. Davon, dass jeder Bürger, der möchte, sofort buchen kann, ist Schleswig-Holstein noch weit entfernt.

Als über das Onlineportal impfen-sh.de am Dienstag 60.000 Doppeltermine für den Wirkstoff von Biontech/Pfizer vergeben wurden, waren diese nach weniger als einer Stunde fast ausnahmslos vergeben.

Auf jede Bürgerin, jeden Bürger, der Erfolg hatte, dürften mindestens zwei bis drei kommen, die es nicht schafften. Das Verfahren lässt die Bewerber oftmals ratlos zurück. Denn die Vergabe-Logik ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich.

Stundenlanges Dauerklicken im Norden – dann eine Fehlermeldung

„Das System ist Horror, eine Verschwendung von kollektiver Lebenszeit. Ich habe, um für meine Eltern, sowie Onkel und Tante, Impftermine zu bekommen, ungefähr 50 Stunden damit verbracht, auf die Vergabeplattform zu klicken. Dann bekommt man Termine angezeigt, die sind aber in 99 Prozent der Fälle weg, wenn du draufklickst“, sagt Thomas Tesche, Partner einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

„Wenn du dann doch einen Termin ergattert hast, schon Luftsprünge vor Freude machst, geht eine Maske auf und du denkst, du hast den Termin nun sicher. Dann kommt jedoch oftmals ein Fehlercode 403, was auch immer das bedeutet. Der Termin ist dann weg.“ Zunächst sei er von einem Algorithmus ausgegangen, wonach alle fünf Minuten neue Termine angezeigt würden. Das sei offensichtlich geändert worden.

Impfterminvergabe über Portal von Eventim

Betreut wird das Portal von Eventim. Für den Veranstaltungsdienstleister ist das eine willkommene Einnahmequelle. „Als wir im Sommer vergangenen Jahres von den geplanten Impfzentren hörten, war uns schnell klar, dass die Anforderungen bei der Terminvergabe vergleichbar mit denen beim Ticketverkauf für Veranstaltungen sind: Eine sehr hohe Nachfrage trifft in sehr kurzer Zeit auf ein begrenztes Angebot, nämlich die Impftermine. Das lässt sich durchaus mit dem Ansturm auf Tickets für einen internationalen Top-Künstler vergleichen“, sagt Vorstandsmitglied Alexander Ruoff. Das System sei auf hohe Nachfragespitzen ausgelegt, man könne in wenigen Minuten mehrere 10.000 Termine vergeben. „Und wir können die Serverkapazitäten jederzeit an eine höhere Nachfrage anpassen.“

Schleswig-Holstein: Zeitfenster beinhaltet Impftermine

In Deutschland hat Eventim auch einen Vertrag mit der Stadt Dortmund. Eine einheitliche Regelung, wie die Impfungen vergeben werden, gibt es bundesweit nicht. Zum Jahreswechsel sollte noch die Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung (116 117) der Standard werden, diese Callcenter konnten das Pensum aber nicht alleine leisten, sodass parallel die Onlineangebote aufgebaut wurden. Es geht aber auch anders, Bayern organisiert die Termine zum Beispiel direkt über die Impfzentren.

Grundsätzlich ist es in Schleswig-Holstein so, dass ein bestimmtes Zeitfenster mehrere Impftermine beinhalten kann – je nach Anzahl der Impflinien in dem jeweiligen Zentrum. Um den Andrang zu kanalisieren, werden alle Interessenten, die sich frühestens eine Stunde vor dem eigentlichen Anmeldebeginn auf der Seite registrieren, in einem virtuellen Warteraum versammelt. Am vergangenen Dienstag waren das um 16 Uhr sofort 156.000 Benutzer.

Mehrere Endgeräte erhöhen Chance auf vordere Position

„Dies dient auch dem Schutz der Website vor Überlastung“, sagt Christian Kohl, Sprecher des schleswig-holsteinischen Gesundheitsministeriums. „Zur Öffnung um 17 Uhr wird allen, die sich vor dem Start in dem Wartebereich eingefunden hatten, eine Position im Wartebereich per Zufallsgenerator zugelost. Das Zufalls-Verfahren für die Stunde vor Öffnung soll dazu beitragen, dass alle die gleiche Chance auf einen Termin erhalten.“

Ob sich jemand um 16.01 oder um 16.59 Uhr anmeldet, ist also egal. Erst um 17 Uhr wird die eigentliche Warteschlange eingerichtet. Wer mehrere Endgeräte benutzt, erhöht demnach mathematisch die Chance, auf eine vordere Position zu gelangen. Das führt zu Mehrfach-Buchungen – was auch erklären könnte, warum eine Zeit lang immer wieder neue Termine erscheinen.

Die meisten über 80 Jahre sind geimpft oder haben Termine

„Wenn Personen stornieren, buchen andere Personen die frei werdenden Termine wieder. Eine Person kann bis zu drei Personen mit seiner E-Mail-Adresse anmelden“, so der Ministeriumssprecher. „Bei einzelnen Stornierungen werden Termine wieder frei und in der Regel rasch gebucht.“

Parallel betreut Eventim auch mit mehr als 100 Mitarbeitern die separate Hotline für Menschen über 80, die persönliche Anschreiben erhalten haben. „In den Call-Centern nehmen dieselben Mitarbeiter die Buchungen entgegen, die sonst für den Verkauf von Tickets und Kundenanfragen rund um die Veranstaltungswelt im Einsatz sind. Die Mitarbeiter sind zum einen auf das System zur Impftermin-Buchung mit seinen Prozessen geschult. Zum anderen müssen sie für bestmöglichen Service das jeweilige aktuelle gesetzliche Regelwerk kennen, etwa zu den Themen Vergabeverfahren, Impfstoffe oder Impfzentren. Dafür steht den Mitarbeitern ein eigens entwickeltes, umfassendes Informationssystem zur Verfügung, das wir permanent und in enger Zusammenarbeit mit dem Land Schleswig-Holstein aktualisieren“, so Alexander Ruoff.

Neue Impftermine am Sonnabend ab 11 Uhr buchbar

Laut Gesundheitsministerium sind bereits 190.000 Bürger dieser Altersgruppe geimpft oder haben Termine vereinbart. „Das entspricht etwa 86 Prozent der Impfberechtigten in dieser Altersgruppe“, so Christian Kohl. Bei den verbliebenen Personen wird davon ausgegangen, dass viele auf Impfungen durch Hausärzte warten.

Schleswig-Holstein hat an diesem Sonnabend 16.800 weitere Corona-Impftermine für Onlinebuchungen freigegeben. Die Termine waren ab 11 Uhr unter www.impfen-sh.de eingestellt, so das Gesundheitsministerium. Damit könnten die Kapazitäten leicht erhöht werden bei Nachmittagsterminen in den Zentren Bad Schwartau, Bad Oldesloe, Gettorf, Norderbrarup und Prisdorf – jeweils mit dem Biontech-Impfstoff – sowie in Elmshorn mit dem Moderna-Impfstoff.