50 Jahre Norderstedt

Hier fühlen sich Ilka und "ihr Mäuschen" Uwe Seeler sauwohl

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Christopher Herbst

Seit 1959 leben die Seelers in Harksheide. Für das Abendblatt erinnern sich HSV-Legende und Ehefrau an ihre ersten Jahre in der Stadt.

Norderstedt. Das Geplauder am Ecktisch im Restaurant Tunici’s ist bereits in vollem Gange, da blickt Uwe Seeler seine Frau Ilka an. „Wir haben das richtig gemacht“, sagt er voller Überzeugung. Worauf er sich bezieht, liegt 61 Jahre und ein paar Tage zurück. „Es war Februar 1959, als wir nach Harksheide gezogen sind. Es hat bei unserer Hochzeit genieselt, das war ein gutes Zeichen“, sagt Ilka Seeler, eine geborene Buck.

Recht hat sie, verheiratet sind sie immer noch. Genauer gesagt, seit dem 18. Februar 1959, als sie in der Eppendorfer St. Johanniskirche getraut wurden. Zwei verliebte junge Hamburger, die eine Familie gründen wollten, schlossen den Bund fürs Leben. Und verließen, überspitzt gesagt, sogleich ihre Heimatstadt.

Das ist heutzutage gar nicht einmal ungewöhnlich, denn die Mieten im Umland sind bekanntlich immer noch um einiges günstiger als in Hamburg. Aber im Jahr 2020 ist Norderstedt urban, infrastrukturell komplett erschlossen in einer stetig wachsenden Metropolregion. Ende der 1950er-Jahre sah das ein bisschen anders aus.

Ilka und Uwe Seeler lernten sich in der Silvesternacht kennen

Ilka wohnte in der Isestraße, Uwe in der Bismarckstraße. Kennengelernt hatten sie sich in der Silvesternacht 1953/1954, als Handballerinnen und Fußballer gemeinsam feierten. „Wir wollten unbedingt heiraten, raus aus der Stadt, raus aus der Enge. Denn unsere Familien hatten kleine Wohnungen“, sagt sie. Eine Alternative wäre ein Mietobjekt an der Alsterkrugchaussee gewesen. Heute würden die Seelers mitten an einer der meistbefahrenen Pendlerstrecken leben. „Wenn wir heute dort vorbeifahren, denken wir uns: Glück gehabt.“

Harksheide sollte es sein – Norderstedt als Stadt existierte ja noch gar nicht. „Wir sind nie umgezogen, wir sind zusammengezogen.“ Das Fußballgelände des Hamburger SV, heute die Paul-Hauenschild-Anlage, benannt nach einem früheren Präsidenten, bot in unmittelbarer Umgebung viel Platz.

Die Spuren der Nachkriegszeit mit den Nissenhütten für Flüchtlinge waren immer noch sichtbar, diese Bauten wurden erst im Laufe der Jahre abgerissen, als der HSV sich erweiterte. Uwe fuhr schon seit seiner Teenagerzeit täglich dorthin – noch mit dem Fahrrad –, hier traf sich die legendäre A-Jugend von Günter Mahlmann mit Charly Dörfel, Horst Schnoor, Jürgen Werner, Klaus Stürmer. Die Talente würden 1960 den Kern der Deutschen Meistermannschaft bilden. Uwe war ihr Torjäger, eine Ikone.

Sie leben seit ihrer Hochzeitsnacht in der Stadt

Also hatte man einen Bezug zum Dorf an der Nordgrenze zur Hansestadt. Auch Ilka. „Ich habe hier mit dem HSV immer Großfeldhandball gespielt. Aber die Garstedter Damen waren uns körperlich überlegen.“ Das war natürlich kein Kriterium gegen eine Ansiedelung.

Genauso wenig, dass Uwe mittlerweile, da er nicht mehr in der Jugend spielte, am Rothenbaum trainierte. „Da ein Haus zu bauen, wäre nicht so schön gewesen“, sagt er. Als die Seelers in Harksheide, heute ist es der Weg am Sportplatz, bauten, bildete die Gegend einen absoluten Kontrast zur Hamburger Innenstadt. „Die Straße, an der wir jetzt wohnen, war ein Sandweg. Wenn schlechtes Wetter war, musste ich Bretter legen, damit ich ins Haus kam“, erinnert er sich.

Wenn die Seelers Zeit hatten, gingen sie ins Tanzlokal Altonaer Hof

Die erste gemeinsame Nacht im neuen Haus war sogleich jene nach der Trauung. „Wir sind nach der Hochzeit nachts rausgefahren“, sagt Ilka. „Unser Hund war eher hier als wir.“ Ansonsten gab es nicht viel. „Ein Haus stand hier noch. Dann haben wir gebaut. Vorne und neben uns standen Schuppen, hinter uns war grüne Wiese.“ Dort grasten sogar noch Kühe. „Auf der anderen Straßenseite haben wir eingekauft, da gab es die Milch aus Kannen.“

Die alte Gaststätte Lindenhof, damals noch direkt an der heutigen Ulzburger Straße (mit Kopfsteinpflaster) und berühmt für ihre Fassbrause, haben die Seelers in guter Erinnerung. Wenn das Paar einmal Zeit hatte, gingen sie ins Tanzlokal Altonaer Hof, das sich an der Einmündung Ulzburger Straße/Ohechaussee befand.

Familien-Fotoshootings im Garten dokumentieren die Idylle

„Uns war gar nicht bewusst, dass wir nach Schleswig-Holstein gezogen sind. Der Begriff ,Harksheide’ war uns auch fern, es stand eben im Personalausweis. Wir mussten uns ummelden, mussten Schulgeld zahlen, dabei hatten wir noch gar keine Kinder“, so Ilka. Und Uwe hat seinerzeit immer zu Besuchern gesagt: „Wartet mal ab, das wird alles, es braucht seine Zeit.“

Die drei Töchter Kerstin, Frauke und Helle sind zwar alle gebürtige Hamburgerinnen, wuchsen aber in Norderstedt auf. Familien-Fotoshootings im Garten dokumentierten die Idylle. Die Seelers waren Personen des öffentlichen Lebens, Uwe eben einer der bekanntesten Sportler Deutschlands.

Trotzdem sagt er rückblickend: „Mit Fußball habe ich damals ja noch nicht so viel verdient.“ Klar, er hätte auch 1961 zu Inter Mailand wechseln können, das wäre finanziell ein großer Sprung gewesen. Doch Seeler blieb Hamburger, wurde Adidas-Handelsvertreter für Norddeutschland. „Da bin ich 70.000 Kilometer im Jahr gefahren.“ Ein zweiter Job neben dem Fußball, heute wäre das undenkbar. Ein Stürmer von Seelers Format wäre auf dem Transfermarkt vermutlich über 100 Millionen Euro wert. Und wohl kaum beim HSV unter Vertrag.

Ilka managte schon immer das Tagesgeschäft bei den Seelers

Das Tagesgeschäft im Hause Seeler managte Ilka. Uwe war ja meist auf Achse. „Ich glaube nicht, dass mein Mäuschen mal zum Elternabend gegangen ist“, sagt sie, „Nationalmannschaft, HSV, Beruf“, da sei nicht viel Zeit geblieben. An die Grundschule Falkenberg und Rektor Ulrich Rohrwacher erinnert sie sich gut.

Ihr Mann beschreibt einen normalen Tag so: „Bei den Elbbrücken raus, zum Training, dann nach Hause um halb neun, neun. Das war schon anstrengend.“ Harksheide und dann ab 1970 Norderstedt war da ein willkommener Rückzugsort. „Wir waren froh, wenn wir hier draußen mal unsere Ruhe hatten.“

Die Verbundenheit zur Stadt, deren berühmtestes Ehepaar sie ja zweifelsohne sind, ist geblieben. „Unsere Handwerker sind immer von hier, das ist uns ganz wichtig. Auch heute noch, wenn es irgendwie geht“, sagt Ilka Seeler. Die Kinder und deren Familien leben alle in der Umgebung, „die können wir alle zu Fuß erreichen“.

Uwe Seeler hebt den mahnenden Zeigefinger

Weil die Seelers immer noch regelmäßig zu Veranstaltungen eingeladen sind, Uwe ja auch weiterhin Stammgast beim HSV-Heimspielen im Volkspark ist, bleibt nicht viel Zeit, um in Norderstedt unterwegs zu sein. Das macht aber nichts. „Wir haben einen großen Garten“, sagt sie.

Und Uwe hebt dann noch den mahnenden Zeigefinger. „Norderstedt hat 80.000 Einwohner, das reicht auch, größer muss es nicht werden. Und es muss in Verkehrsfragen über die Runden kommen. Wenn man die Straßen sieht…jede Familie hat zwei, drei Autos.“ Aber ansonsten gelte: „Wir fühlen uns hier einfach sauwohl!“

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