Kaltenkirchen

Zum Schluss ein Halleluja!

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Die Kantorei der  Kaltenkirchen beteiligt sich am szenischen Spiel.  

Die Kantorei der Kaltenkirchen beteiligt sich am szenischen Spiel.  

Foto: Wolfgang Klietz

Chor, Orchester und Solisten präsentieren am Donnerstag und Freitag Händels Oratorium „Joseph and his Brethren“

Kaltenkirchen.  Daniel Zimmermann dämpft und treibt, fordert mehr Intensität und mahnt danach zur Besonnenheit. Seine Instrumente sind der Taktstock, die linke Hand und seine Mimik. Mal hochkonzentriert, mal versonnen, mal begeistert lächelnd. 80 Männer und Frauen hören in der Michaeliskirche auf sein musikalisches Kommando. Noch gleicht das Gotteshaus einer Werkstatt für Stimmen und Instrumente, doch am Donnerstag und Freitag muss die Teamarbeit funktionieren. Dann soll jeweils um 19 Uhr das Oratorium „Joseph and his Brethren“ – zu deutsch: „Josef und seine Brüder“ – von Georg Friedrich Händel erklingen.

Zimmermann kündigte eine „Szenische Aufführung in englischer Originalsprache mit deutschen Übertiteln“ an. Das klingt bescheiden angesichts der Größe des Projekts, an dem der Kantor der Michaeliskirche seit Monaten mit seiner Kantorei, den Solisten und den 20 Mitgliedern des Orchesters il Trionfo arbeitet.

„Es sollte wieder Händel sein“, sagt Zimmermann, der vor fünf Jahren nach seinem Studium ein anderes Oratorium des Komponisten aufgeführt hatte und damals die Erfahrungen sammelte, die er jetzt in Kaltenkirchen nutzen kann. Dabei arbeitet er eng mit Regisseurin Rahel Thiel zusammen, die deutschlandweit ähnliche Aufführungen inszeniert.

Der Chor steht schwarz gekleidet vor dem Altar auf einer provisorischen Bühne, im Hintergrund an der Wand beim Kruzifix erzeugen Künstler mit Projektoren sich bewegende Figuren. Neben den Instrumenten stehen im Orchester Kaffeebecher und Saftflaschen – noch herrscht Probenatmosphäre. „Wir machen weiter bei Takt 17 auf der 3“ ruft Zimmermann und nimmt wieder den Taktstock zur Hand. Auf der Empore singt Mezzosopranistin Alexandra Hebart. Verträumt, beinahe zärtlich findet sich die Sängerin in ihre Rolle des Josef aus dem Alten Testament hinein. Zimmermann ist begeistert.

Dass bei Händel Frauen Männerrollen übernehmen, sei nicht ungewöhnlich, sagt der Kirchenmusiker. Fachleute sprechen von einer Hosenrolle. Josef ist die Hauptfigur der opernhaften Inszenierung, in der es um die Deutung von wahrhaftig und falsch geht, um die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen und den Kreislauf aus Verletzung und Rache.

Händel schrieb das Stück als „geistliches Drama“

Schon Thomas Mann und Johann Wolfgang Goethe haben sich mit der komplexen und tiefgründigen Geschichte dieses Josefs, den Traumdeutungen und der frühen Geschichte des Judentums beschäftigt. „In der Gesellschaft ist die Geschichte sehr bekannt“, sagt Zimmermann. „Nur in der Kirche ist sie kaum ein Thema.“ Auch Händel schrieb das Werk nicht für eine Kirche, sondern als „sacred drama“ („geistliches Drama“) für ein Opernhaus. Zimmermann spricht von einem „opernhaften Oratorium, das – ähnlich wie im „Messias“ – mit einem großen Halleluja endet.

„Mit der Inszenierung dieses Oratoriums wird der Zuschauer durch die Solisten und die Chorgruppen mit einbezogen“, sagt Zimmermann. „Dem Wechselspiel der Gefühle aus Rache, Verletzung, Angst und Liebe kann sich keiner entziehen und so wird die Aufführung zu einem gemeinschaftlichen Erleben: Mit Licht, Kostümen, Schauspiel und Oper!“

Finanziert wird das musikalische Großereignis nicht nur durch Eintrittsgelder, sondern auch mit Zuschüssen. Die Kulturstiftung Schleswig-Holstein, die Stadt Kaltenkirchen, der Förderverein Kirchenmusik und private Mäzene übernehmen Kosten für Musiker, Regie und Technik. Zimmermann spricht von Freundschaftspreisen, die das Projekt erst möglich gemacht haben.

„Wir haben das Tempo verloren“, ruft Zimmermann. Orchester und Solistin Alexandra Hebart unterbrechen, kurze Pause, und weiter geht es. Jetzt ist sie wieder Josef, der in Ägypten an Kanaan zurückdenkt und sich in die Vergangenheit zurückträumt. Jetzt sind Sängerin und Orchester wieder eine Einheit.

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