Kaltenkirchen

Nach Hanau – schweigen oder Stellung beziehen?

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Wolfgang Klietz
Gedenkstätten-Leiter Marc Czichy spricht sich für eine Einmischung und eine Positionierung zu aktuellen politischen Themen aus.

Gedenkstätten-Leiter Marc Czichy spricht sich für eine Einmischung und eine Positionierung zu aktuellen politischen Themen aus.

Foto: Wolfgang Klietz

Mitarbeiter und Ehrenamtler der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen diskutieren nach Anschlägen, wie der Trägerverein reagieren sollte.

Kaltenkirchen.  Soll eine NS-Gedenkstätte politisch Position beziehen? Soll sie sich aktiv an aktuellen Diskussionen beteiligen? Diese Fragen werden nach den Terroranschlägen von Rechtsextremisten in Halle und Hanau und den Wahlerfolgen der AfD im Trägerverein der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen-Springhirsch diskutiert. Marc Czichy, seit Juli 2019 Leiter der Gedenkstätte, hat dazu eine klare Meinung: „Der zunehmende Rechtsruck in Staat und Gesellschaft ist eine Herausforderung für Gedenkstätten“, sagt er. Eine Gedenkstätte müsse Standpunkte vertreten und sich einmischen.

Ausdrücklich kennzeichnet Czichy diese Position als seine persönliche Meinung. Es sei eine offene Frage, wann sich eine Gedenkstätte zu aktuellen politischen Ereignissen und Gewalttaten äußere. Darüber werde im Trägerverein diskutiert.

Vorstandsmitglieder des Trägervereins waren beim Protest gegen rechts am Freitag in Henstedt-Ulzburg dabei. Der Vereinsvorsitzende Hans-Jürgen Kütbach beteiligte sich im November an einer Demonstration gegen Neonazis in Bad Segeberg. Doch die aktuelle Diskussion drehe sich nicht um die Frage, ob und wie einzelne Mitglieder aktiv werden, sondern wie sich der Verein als Institution positioniere, sagte Czichy. Einen Hinweis liefere dazu die Satzung des Vereins, in der das Mahnen ausdrücklich als Vereinsziel festgelegt wird.

Dabei könnte der Verein sein Wissen öffentlich einbringen. „Es geht dabei auch um die Frage, welche Schlussfolgerungen wir aus der Vergangenheit ziehen können“, sagt Kütbach. Dabei stellen sich Fragen praktischer Art. „Wir diskutieren, ob es denkbar wäre, wenn die Gedenkstätte als Institution auf einer Demo mitgeht. Das müssen wir für uns klären. Die Frage, wie politisch aktiv eine Gedenkstätte sein sollte, wird nach Kütbachs Einschätzung in allen vergleichbaren Einrichtungen diskutiert.

In Kaltenkirchen geht diese Diskussion jedoch deutlich weiter, weil der Trägerverein eine komplett neue Dauerausstellung plant. Auch dabei muss geklärt werden, welche aktuellen Bezüge verarbeitet werden sollen. Die Neukonzeption und die Nutzung eines geplanten Anbaus an das Ausstellungsgebäude wird Ende September Wissenschaftler und Vereinsmitglieder auf einem Symposium in Kaltenkirchen beschäftigen.

Finanzielle Ausstattung bereitet Sorge

Noch ist die Finanzierung des seit Jahren geplanten Anbaus und der neuen Dauerausstellung jedoch nicht gesichert. Allein die Kosten für die Ausstellung beziffert Czichy mit mindestens 250.000 Euro. Ein vergleichbares Projekt in der Gedenkstätte Ladelund hat sogar 500.000 Euro gekostet.

Czichy hält es für denkbar, dass das Land die Stelle des Kurators finanzieren könnte, der dann nicht nur für die Gestaltung, sondern auch für Archivarbeit verantwortlich wäre. Damit könnten auch die immer noch bestehenden großen Forschungslücken zur Geschichte des einstigen Außenlagers des Konzentrationslagers Neuengamme geschlossen werden.

Sorgen bereitet Czichy auch die grundsätzliche finanzielle Ausstattung der Gedenkstätte, die jedes Jahr neue Fördermittel für seine Arbeit beantragen muss. „Wir brauchen eine institutionelle Förderung“, sagt Czichy und hofft, dass ab 2021 erstmals die Kreise Segeberg und Pinneberg Geld bereitstellen.

Für ein weiteres Projekt fließt dagegen Geld aus Berlin und verhilft der KZ-Gedenkstätte in Kaltenkirchen zu einem Sprung in eine neue finanzielle Dimension. Nach vielen Jahren, in denen Ehrenamtler die meiste Arbeit leisten mussten, stehen dem Trägerverein jetzt mehr als 200.000 Euro für ein Projekt zur Multiplikatorenausbildung zur Verfügung. Lehramtsstudenten, Referendare und andere Fachleute in der Ausbildung sollen drei Jahre mit dem Geld im früheren Außenlager in Kaltenkirchen ausgebildet werden. Die Ausbildung soll Vorbild für ähnliche Projekte in Schleswig-Holstein werden.

Bewerber mit Erfahrungen in der Projektleitung gesucht

Czichy hofft, die Multiplikatoren durch die Ausbildung an die Arbeit in Kaltenkirchen zu binden und damit zu einer Verjüngung des Teams beizutragen. Die Summe, die jetzt bereit steht, bezeichnet Czichy als Quantensprung für die Gedenkstätte und den Trägerverein. Das Projekt bewertet er als großen Schritt zu einer weiteren Professionalisierung der pädagogischen Arbeit, die seit Jahren in der Gedenkstätte praktiziert wird.

200.000 Euro steuert der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien mit seiner Initiative „Jugend erinnert“ bei. Je 3500 Euro kommen vom Landesbeauftragten für politische Bildung und von der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten. Die Gedenkstätte wird bei der Ausbildung mit den Beauftragten für kulturelle Bildung der Kreise Segeberg und Pinneberg sowie mit den Jugendbildungsstätten zusammenarbeiten.

Jetzt sucht die Gedenkstätte einen Projektleiter, der gemeinsam mit Czichy die Multiplikatoren ausbildet. Infrage kommen beispielsweise Lehrer oder Historiker, die das ehemalige Lager als historischen Ort beleuchten, aber auch seine Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft klären und darstellen sollen. „Wir stehen unter Zeitdruck, weil die Mittel zeitlich begrenzt sind“, sagt Czichy. Ausgeschrieben wird eine Zwei-Drittel-Stelle für Bewerber mit Erfahrungen in der Projektleitung und Teamarbeit.

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