Verkehrsunfall

Bürgerinitiative fordert Tempo 30 in Kisdorf

Am 21. Oktober 2019 war an der Einmündung Henstedter Weg/Mühlenredder eine Elfjährige von einem Mercedes-SUV erfasst worden. Sie starb noch an der Unfallstelle.

Am 21. Oktober 2019 war an der Einmündung Henstedter Weg/Mühlenredder eine Elfjährige von einem Mercedes-SUV erfasst worden. Sie starb noch an der Unfallstelle.

Foto: Christopher Herbst

Nach tödlichem Unfall: Mehrere Dutzend Bürger wollen sich für mehr Verkehrssicherheit in Kisdorf einsetzen.

Kisdorf. Die Menschen in Kisdorf und Umgebung haben nicht vergessen. Immer noch werden dort täglich Kerzen entzündet, wo am 21. Oktober 2019 ein elfjähriges Mädchen bei einem Verkehrsunfall an der Einmündung Henstedter Straße/Mühlenredder ums Leben gekommen war. Das schreckliche Unglück sei der „Tropfen“, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, sagen viele im Ort. Deswegen soll nun eine Bürgerinitiative „Verkehrssicheres Kisdorf“ dort ansetzen, wo Politik und Behörden bislang nicht weitergekommen sind. Die Forderung: Im gesamten Kisdorfer Ortsgebiet soll Tempo 30 gelten.

Bei der Gründungsversammlung im Margarethenhoff wird deutlich: Es geht nicht darum, Schuldige zu finden, sondern Lösungen. Bis zu 8000 Fahrzeuge fahren an Werktagen durch Kisdorf, nutzen die Gemeinde als Ost-West-Verbindung, der Sengel und die Dorfstraße mit den engen Fahrbahnen sind zu Stoßzeiten stark belastet.

Rund 600 Kinder gehen ins Kisdorf zur Schule

„Es ist wichtig, dass wir uns selbst sensibilisieren, dass wir eine Botschaft rausbringen“, sagt Wolfgang Neudörffer, Mitglied im Gründungsteam der Initiative. „Wir müssen uns bewusst sein: Wir können selber aktiv werden.“ Er berichtet von einem Experiment: „Ich habe es probiert, ich bin eine Woche mit Tempo 30 durchgefahren. Das funktioniert sehr gut, auch in der Rushhour.“

Neudörffer geht es um den Schutz der Schwächeren, der Verkehrsteilnehmer ohne Auto, also ältere Menschen und Kinder. „Wir haben hier 600 Kinder an der Schule. Die kommen aus allen Teilen des Ortes. Hier ist jeder Weg ein Schulweg.“ Herbert Wendtland, der in Kisdorferwohld wohnt und sich ebenfalls engagiert, sagt, dass möglichst „alle Kisdorfer“ mitmachen sollten. „Von der Wesselkreuzung bis zur Apotheke ist dauerhaft Tempo 30 erforderlich. Es gibt dort Schulwege, schmale Gehsteige, schwierige Verkehrsverhältnisse. Wenn wir uns alle an Tempo 30 halten, fließt der Verkehr so, dass jeder die Möglichkeit hat, auf bestimmte Gefahren zu reagieren.“

Bisher gibt es keine weiträumige Umgehungsstraße

Jörg Seeger, der für die FDP im Verkehrsausschuss der Gemeinde sitzt, richtet seine Kritik an den Kreis Segeberg. „Unser Gegner sind nicht die Gesetze, sondern es ist die Verkehrsaufsicht.“ Diese würde sich immer darauf berufen, dass fließender Verkehr Vorrang habe. „Kinder und Fußgänger fallen hinten runter. Die Aufsicht hat einen Ermessensspielraum, den nutzt sie aber nicht aus. Wir beißen da auf Granit.“ Seit zehn Jahren versuche man, Tempo 30 einzuführen. „Wir haben nur lumpige 100 Meter vor dem Altenheim bekommen.“ Dirk Schmuck-Barkmann (CDU) begrüßt die Initiative: „Ihr setzt das gut um, auf dieser Ebene kann man gut Einfluss nehmen, das kennen wir von Bürgerinitiativen aus anderen Gemeinden.“

Regional gesehen befindet sich Kisdorf in einer misslichen Lage. Ringsherum wachsen die Gewerbegebiete, Nachbar Henstedt-Ulzburg hat mit dem Handelskonzern Rewe einen Vertrag abgeschlossen, wonach die Lkw aus dem geplanten Logistikzentrum über eine Route quer durch Kisdorf nach Osten fahren sollen – und nicht durch Ulzburg. „Sittenwidrig“, schimpften seinerzeit Kisdorfer Politiker. Und weil es eben keine weiträumige Umgehungsstraße gibt, eine solche Tangente – wenn überhaupt – nur langfristig realisierbar ist, werden Gemeinden wie Kisdorf zu Nadelöhren.

Gegen den Kisdorfer ermittelt die Staatsanwaltschaft Kiel

Die Bürgerinitiative will mit „punktuellen Aktionen“ (Wolfgang Neudörffer) aufmerksam machen. So wurden mehr als 2000 Sticker mit „Fahre 30 in Kisdorf“ bestellt. Diese kann jeder bekommen, an das Auto kleben und anderen, ob nun Mitbürgern oder Auswärtigen, signalisieren, wofür man steht. „Wir wollen die Schule und den Kindergarten mitnehmen“, sagt Wolfgang Neudörffer. Neben dem Tempolimit sollen weitere Themen unter anderem der Ausbau von Rad- und Gehwegen sein sowie mehr Radarkontrollen im Ort.

Welche Ursache der tödliche Unfall vom vergangenen Oktober hatte, ist unterdessen immer noch nicht geklärt. Die Waldorfschülerin war mit dem Fahrrad in Richtung Henstedt-Ulzburg unterwegs, als sie von einem Mercedes-SUV, der nach rechts abbog, erfasst wurde. Sie starb noch vor Ort. Gegen den Unfallfahrer, einen Kisdorfer (85), ermittelt die Staatsanwaltschaft Kiel wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. „Laut Gutachten sind beide Personen sehr langsam gefahren, sie hätten sich sehen können, es war freie Sicht“, sagt Staatsanwalt Axel Bieler. Ob aber Anklage erhoben wird, steht weiterhin nicht fest.