Norderstedt
Kisdorf

Tod eines Mädchens am ersten Schultag schockiert die Region

Kerzen, Stofftiere und kleine Botschaften haben die trauernden Menschen an der Stelle abgelegt, an der die Elfjährige starb.

Kerzen, Stofftiere und kleine Botschaften haben die trauernden Menschen an der Stelle abgelegt, an der die Elfjährige starb.

Foto: Christopher Herbst

Ein 85 Jahre alter Mercedes-Fahrer hatte die Elfjährige beim Abbiegen nicht bemerkt und überfahren.

Kisdorf.  Der Feierabendverkehr drängt sich Stoßstange an Stoßstange in nördlicher Richtung auf der Henstedter Straße. An der Abzweigung zum Mühlenredder stehen mehrere Dutzend Menschen, viele davon Kinder und Jugendliche. Sie weinen, liegen sich in den Armen, entzünden Kerzen, hinterlassen Blumen, Botschaften und Stofftiere, jemand hat ein Holzkreuz aufgestellt.

Kisdorf und die ganze Region sind tief getroffen vom Tod eines elfjährigen Mädchens, das am Montag bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war – ein 85 Jahre alter Mercedes-Fahrer hatte sie beim Rechtsabbiegen mutmaßlich übersehen.

Wie es zu dem tödlichen Unfall kam, ist immer noch nicht klar

„Warum?“, fragt Jens Daberkow, Leiter der ADFC-Ortsgruppe in Hen­stedt-Ulzburg. Mit rund 30 weiteren Radfahrern hat er eine Gedenkfahrt zum Unfallort unternommen, sie setzen sich auf den Asphalt für eine Schweigeminute. „Der Autofahrer hätte sie doch sehen müssen“, sagt Daberkow.

Wie es genau zu dem Unfall kam, wird auch am Mittwoch nicht klar. Polizei und Staatsanwaltschaft halten sich mit Informationen zurück. Mit Rücksicht auf die Hinterbliebenen sollen keine weiteren Details bekannt gegeben werden. Ob sich das Mädchen aus Henstedt-Ulzburg am ersten Schultag nach den Herbstferien auf dem Heimweg befand und ob es bei der Fahrt einen Helm trug, ist nicht bekannt. Polizeisprecher Steffen Büntjen verweist auf die laufenden Ermittlungen der Polizei und das Gutachten des Unfallsachverständigen, das erst demnächst vorliegen wird.

Die Elfjährige fuhr auf dem Radweg

Die Elfjährige war mit ihrem Fahrrad auf einem Radweg unterwegs, der für beide Richtungen zugelassen ist. Obwohl die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, ist es wahrscheinlich, dass sich der 85-Jährige wegen fahrlässiger Tötung wird verantworten müssen.

Der Unfallort selbst wirft ungeachtet dessen trotzdem Fragen auf. Wer sich aus südlicher Richtung mit dem Auto der Abzweigung nähert, sieht keine Hinweisschilder auf entgegenkommende Radler, sondern nur ein kleines, verblichenes Vorfahrtszeichen. Dazu wird die Sicht leicht eingeschränkt durch Büsche. Der für Fahrräder und Fußgänger zugelassene Weg ist eng.

„Das müsste mindestens drei Meter breit sein“, so Jens Daberkow. Auf dem Mühlenredder befinden sich zwar rötliche Steine zur Markierung der Querspur, diese sind aber nicht weiter farblich gekennzeichnet – zum Beispiel mit weißer Umrandung. Aus Sicht von Daberkow müsste es zudem eine Art „Bodenwelle“ geben. „Dann wären Autofahrer gezwungen zu bremsen.“

Bürgermeister: Ecke ist "kein Unfallschwerpunkt"

Was ebenfalls auffällt: Diverse Autofahrer, die aus Norden kommen, fahren am Stau vorbei und biegen in den Mühlenredder ab, ohne sicherheitshalber abzubremsen. Die Sicht auf den Radweg ist oftmals verdeckt, gerade, wenn auf der Gegenfahrbahn Lkw, Transporter oder SUV stehen.

Und was nicht unerwähnt bleiben darf: Der tägliche Stau zur Rush-Hour ist auch deswegen weiterhin ein Thema, da der eigentlich beschlossene Umbau der Wesselkreuzung in einen Kreisverkehr nicht umgesetzt wird – das Land hat keine Planungskapazitäten, das Amt Kisdorf ebenso wenig, die Gemeinde kann als ehrenamtlich geführter Ort ein solches Großprojekt nicht leiten.

Bürgermeister Wolfgang Stolze sagte dem Abendblatt: „Die ganze Gemeinde ist geschockt von diesem tragischen Unfall.“ Wie es dazu kommen konnte, darauf hat auch er noch keine Antwort. „Auf jeden Fall ist die Ecke Mühlenredder kein Unfallschwerpunkt. Ich lebe jetzt seit 25 Jahren in Kisdorf und war zwanzig Jahre Wehrführer – wir hatten da nie einen schweren Unfall.“ Mutmaßlich sei es einfach eine Tragödie und menschliches Versagen.

Die Kisdorfer gedenken vor Ort und in Online-Gruppen

Etliche Kisdorfer drückten ihre Trauer und Fassungslosigkeit in einer öffentlichen Facebook-Gruppe aus. Eine Frau schreibt über das Gedenken am Unfallort am Montagabend: „Gemeinsames Weinen und stille Gebete. Nicht zu vergessen das Krisenteam der Malteser. Ein tröstliches Gefühl, dass (fremde) Menschen in solch schlimmen Momenten zusammenstehen.“

Eine andere, die ebenfalls am Unfallort war, schreibt: „Es ist ein furchtbarer Verlust, und wir fühlen alle mit den Hinterbliebenen. Ich habe geweint, obwohl ich die Familie nicht kenne. Das hat mich sehr mitgenommen, und ich wünsche allen viel Kraft und Liebe in dieser schweren Zeit.“

Gedanken machen sich die Menschen nicht nur über das getötete Kind, sondern auch über den 85-Jährigen, der das Kind überfahren hat: „Ich hoffe, dass der Fahrer in seiner Situation eine Unterstützung bekommt, denn für ihn ist es sicherlich ein Schock und unerträglich, für diesen Unfall verantwortlich zu sein.“