Norderstedt
Bad Segeberg

Neonazi-Experte: Gesellschaft muss sich positionieren

„Bleiben sie wachsam und aufmerksam, aber seien sie auch vorsichtig“, sagt Andreas Speit.

„Bleiben sie wachsam und aufmerksam, aber seien sie auch vorsichtig“, sagt Andreas Speit.

Foto: Petra Dreu / Dreu

Journalist Andreas Speit warnt vor eine Normalisierung der rechten Szene. Gruppe des „Aryan Circle“ verunsichert die Menschen.

Bad Segeberg.  „Division Nord“, „Aryan Circle“, „Nationale Sozialisten Bad Segeberg“: Seit der in Bad Segeberg geborene Neonazi Bernd T. zurück in seiner Geburtsstadt ist, ist nichts mehr wie es war. Zwar ist es momentan bei der wiedererstarkten rechten Szene in der Kalkbergstadt ruhig. Angst und Unbehagen aber sind geblieben und die Frage, wie geht man damit um? Antworten darauf gab jetzt der „Taz“-Journalist und Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit.

Rund 100 Zuhörer waren in die Jugendakademie gekommen, um sich über rechte Netzwerke, deren Strategien und insbesondere über Bernd T. zu informieren. Andreas Speit, seines Zeichens auch Pate des Städtischen Gymnasiums für das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, war nicht der einzige Experte für braunes Gedankengut, denn als ein solcher ist auch Torsten Nagel anerkannt, der als Leiter der regionalen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus die Verhaltensweisen des rechten Spektrums aus dem Effeff kennt.

Strategie der Rechten ist es, sich als Opfer darzustellen

„8,8 Prozent der Schüler haben Kontakte zum rechten Spektrum. Der ist nicht etwa über das Internet zustande gekommen, sondern über persönliche Begegnungen, etwa beim Verteilen von Flyern“, sagt Andeas Speit.

Er und Torsten Nagel schilderten Bernd T. als jemanden, der immer nach dem gleichen Muster verfahre. Seine Strategie sei es, sich als Opfer darzustellen, Stadtteilvereine zu übernehmen und hinterher darüber Gelder zu akquirieren.

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Auch das Vorgehen des Neonazis auf der Facebook-Seite „Bad Segeberg, hier findest Du Rat und Tat“ passt in das Schema. Deren Administratoren hatten Bernd T. als Mitglied in die Gruppe aufgenommen, der dann auch fleißig mitdiskutierte. Eine junge Frau zeigte sich auf der Versammlung immer noch entsetzt: „Ich war schockiert, wie die Leute argumentiert haben. ,Lasst ihn doch mal in Ruhe. Er ist doch auch nur ein Mensch. Jeder hat eine zweite Chance verdient.’ Ich war fassungslos.“

Zivilgesellschaft muss sich positionieren

Das Facebook-Profil von Bernd T. ist inzwischen gelöscht, auch der Chat-Verlauf mit T. auf der Seite „Bad Segeberg – hier findest Du Rat und Tat“ ist nicht mehr zu finden. Momentan ist Ruhe. Andreas Speit warnte die Segeberger aber vor der trügerischen Stille: „Er ist nicht dumm und hält die Füße still. Schließlich hat er noch Bewährung. Dennoch: ,Wehret der Anfänge’ ist vorbei. Wir sind bei ,Wehret der Normalisierung’.

Mehrere Zuhörer schilderten ihre eigenen Ängste und nutzten die Gelegenheit, in der Pause mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Mechthild Bening berichtete beispielsweise von einer tschetschenischen Familie, die sie betreut: „Der Vater hat Angst um seine 19-jährige Tochter. Er holt sie inzwischen von der Arbeit ab.“

Andreas Speit findet dafür klare Worte: „Der rechte Terror wirkt. Schon dass die Leute Angst haben und nicht mehr nach draußen gehen, ist rechter Terror. Die Zivilgesellschaft muss sich positionieren.“

Für die Experten gab es vom Publikum durchweg positive Rückmeldungen. Im Gegenzug richteten diese einen Appell an die Segeberger: „Bleiben sie wachsam und aufmerksam, aber seien sie auch vorsichtig.“