Norderstedt
Segeberger Geheimnisse

Warum Berlin-Touristen in den Kreis Segeberg kommen

Das kleine Berlin im Kreis Segeberg.

Das kleine Berlin im Kreis Segeberg.

Foto: Frank Knittermeier

Serie: Viele Ereignisse sind im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. Das Abendblatt hat sich auf Spurensuche begeben.

Kreis Segeberg.  Ja, diese Lieder sind bekannt: „Das macht die Berliner Luft“ oder: „Ich hab‘ so Heimweh nach dem Kurfürstendamm“. Auch viele von Ihnen, liebe Leser, haben sie sicherlich irgendwann schon einmal gehört und vielleicht auch gesungen. Das waren Schlager, die so manche Seele berührten – natürlich bezogen sie sich auf die deutsche Hauptstadt an der Spree.

Aber es gibt im Kreis Segeberg eine Reihe von Menschen, deren Herz geht ebenso auf, wenn sie diese Lieder hören. Ach, wie schön ist doch die Berliner Luft – vor allem wenn ein Hauch von Gülle in dieser Luft liegt. Das kann vorkommen in Berlin. Nicht im großen, sondern im kleinen Berlin: Denn hier, weit draußen im Nordosten des Kreises, gibt es auch ein Berlin. Und nicht nur das: Unter den Linden kann man hier genauso schön wandeln, auf dem Kurfürstendamm bummeln oder sich auf dem Potsdamer Platz treffen. Ist das wirklich möglich? Ja, das ist es tatsächlich – und dahinter steckt eine Geschichte, die Manfred Schmidt, Archivar im Amt Trave-Land, erzählen kann und die schon im vorletzten Jahrhundert begann.

Einige der bekannten Straßennamen gibt es schon seit etwa 1880 im Segeberger Berlin

Bully Buhlan (1924–1982) hatte bekanntlich immer einen Koffer in Berlin. Ob er mit diesem Koffer jemals im kleinen Berliner Zwilling unterwegs war, ist nicht bekannt. Aber der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt (1913–1992), war tatsächlich hier. Nicht als Bürgermeister, sondern in seiner Eigenschaft als Bundeskanzler. Auch die Berliner Bürgermeister Schütz, Stobbe und Diepgen kamen zu Besuch und staunten vermutlich nicht schlecht über Straßennamen, die ihnen aus dem großen Berlin bekannt waren: neben Kurfürstendamm, Unter den Linden und Potsdamer Platz auch Lichterfelde, Heerstraße und Berliner Schloss.

Am 18. Juni 1964 wurde ein Berlin-Gedenkstein mit der Aufschrift „BERLIN 357 km berlin“ und dem Berliner Bären während einer Feierstunde in Anwesenheit eines Vertreters Groß-Berlins zur Erinnerung an das geteilte Berlin enthüllt. Wo? Natürlich auf dem Potsdamer Platz!

Einige der bekannten Straßennamen gibt es schon seit etwa 1880 im Segeberger Berlin. „Die Straßennamen Potsdamer Platz, Unter den Linden und Kurfürstendamm wurden von hiesigen Berlinern mitgebracht, die im großen Berlin in kaiserlichen Regimentern gedient hatten“, sagt Manfred Schmidt. Offenbar fanden es die damaligen Bewohner originell, diese Straßennamen zu verwenden. Jedenfalls ist es bis heute so geblieben. Sie stammen also tatsächlich aus dem großen Berlin, aber der Dorfname ist kein Abklatsch: „Unser Berlin ist 29 Jahre älter als die Hauptstadt“, weiß Schmidt, der auf eine Urkunde aus dem Jahr 1215 verweisen kann. Die Hauptstadt dagegen wurde erstmals 1244 urkundlich erwähnt.

Kontakte zwischen den Berlins gab es schon zu Kaisers Zeiten

Übrigens kann der Amtsarchivar heute berichten, dass es für die Dorf-Berliner durchaus normal ist, in Straßen mit bekannten Namen zu leben. „Darüber denkt heute niemand mehr nach, das ist selbstverständlich.“ Es wundert sich auch niemand mehr, wenn auf dem Potsdamer Platz Touristen stehen und das Straßenschild fotografieren, wenn sie auf dem Kurfürstendamm spazieren gehen oder staunend unter dem Schild Unter den Linden stehen. Ja, Berlin im Kreis Segeberg ist eine Touristenattraktion. Wer auf der Bundesstraße 432 in Richtung Ostsee fährt, kann schnell mal einen Abstecher in das berühmte Dorf machen, das seit 1929 zur Gemeinde Seedorf gehört.

Kontakte zwischen den beiden Berlins gab es schon zu Kaisers Zeiten, aber Ende der 1960er-Jahre wurden die Beziehungen intensiver. Der Sportverein, die Feuerwehr und die Volkshochschule reisten in die damals geteilte Stadt an der Spree. Die jeweiligen Reisegruppen der Volkshochschule wurden sogar jedes Jahr vom Berliner Senat empfangen. Der damalige ehrenamtliche Bürgermeister Manfred Frank lud seine hauptamtlichen Kollegen in sein kleines Dorf ein – und siehe da: Sie kamen und hatten, so wird berichtet, viel Spaß auf dem Potsdamer Platz im Kreis Segeberg. Die heutigen Straßenschilder haben übrigens auch etwas mit Groß-Berlin zu tun: Sie sind ein Geschenk des Senats der Stadt Berlin und stammen aus dem Jahr 1962.

Bei aller Verbundenheit und Liebe zum großen Berlin, auf den Dialekt der hiesigen Einwohner hat sich das nicht ausgewirkt. Hier wird nach wie vor Holsteiner Platt geschnackt. Oder zumindest Hochdeutsch mit starkem Holsteiner Einschlag.