Norderstedt
Segeberger Geheimnisse

Monumente einer dunklen Vergangenheit

Heidrun Schmidt ist als Flüchtlingskind neben den Betonklötzen aufgewachsen.

Heidrun Schmidt ist als Flüchtlingskind neben den Betonklötzen aufgewachsen.

Foto: Frank Knittermeier

Die 17 düsteren Betonklötze, die am Südrand des Norderstedter Stadtparksees stehen, sind Überbleibsel aus der NS-Zeit.

Viele Besucher haben sich seit der Eröffnung des Stadtparks anlässlich der Landesgartenschau im Jahre 2011 vermutlich gefragt, was es mit diesen gut zwei Meter hohen Blöcken auf sich hat. Es gibt viele Erklärungsversuche, Historiker aus ganz Deutschland haben sich damit beschäftigt, aber bis heute ist es nicht eindeutig geklärt. Fest scheint indessen zu stehen: Es handelt sich um Überbleibsel aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Die Norderstedterin Heidrun Schmidt, Jahrgang 1940, hat ganz besondere Erinnerungen an die Betonblöcke. Sie wuchs als Flüchtlingskind in einem Behelfsheim auf, das vorher ein SS-Schießstand gewesen war. Neben den provisorischen Wohnhäusern – insgesamt waren es vier, in denen damals sechs Familien lebten – standen die Betonblöcke. Die Fläche des heutigen Stadtparksees war nach Luftangriffen von Bombentrichtern übersät. Erst später begann das Hartsteinwerk Potenberg mit Kiesabbau, sodass allmählich der heutige Stadtparksee entstand.

Vielleicht waren die Blöcke zu schwer für den Abtransport

Für Heidrun Schmidt und die anderen Kinder aus der Flüchtlingssiedlung waren die Betonblöcke und das dahinter liegende Gelände ideal zum Spielen. „Wir sind die sandigen Abhänge heruntergerutscht“, erinnert sie sich. Nach ihrer Heirat im Jahre 1962 zog sie aus, ihre Mutter lebte noch bis 1966 in einem der ehemaligen Schießstände, die dann einem Industriegebiet weichen mussten. Die düsteren Blöcke aber blieben dort, wo sie heute noch stehen. Warum? Diese Frage kann niemand mehr beantworten. „Vielleicht waren sie zu schwer für den Abtransport“, mutmaßt Heidrun Schmidt, die jetzt mit ihrem Mann ganz in der Nähe des Stadtparks wohnt. Wahrscheinlicher ist, dass sie niemanden störten: Sie standen praktisch genau auf der Grenze zum späteren Kiesabbaugebiet und dem wachsenden Industriegebiet Stonsdorf.

Welche Bedeutung aber hatten diese Steine? Wer sie genauer betrachtet, entdeckt in ihnen Löcher unterschiedlicher Größe. Sie lassen darauf schließen, dass es sich um Einschusslöcher handelt. Außerdem gibt es auch rechteckige Einlassungen unbekannter Herkunft.

Der Stadtpark war Teil eines Übungsplatzes für die SS

Erst nach anfänglichem Widerstand hatte der Harksheider Wilhelm Gehrkens die Fläche mit der Bezeichnung „Heide, wildes Moor“ verkauft. Dieses Gelände – der heutige Norderstedter Stadtpark – war von 1936 bis 1945 Teil eines Übungsplatzes für die SS-Soldaten der Heidbergkaserne an der Tangstedter Landstraße. Gleichzeitig entstand für die SS-Männer auch der Schießstand mit Munitionsbunker auf den Flächen neben dem jetzigen Stadtpark. Regelmäßig marschierte die SS von der Kaserne zum Schießen in Richtung Falkenberg.

Nach den Erkenntnissen der Stadtpark Norderstedt GmbH umfasste der Standortübungsplatz auf dem Falkenberggelände in Harksheide 150 Hektar. Heute befindet sich dort, wo die SS-Kaserne stand, das Heidberg-Krankenhaus. Da die Gemeinde Harksheide durch den ehemaligen Truppenübungsplatz zweigeteilt war, entstanden in den 1950er-Jahren auf diesem Gebiet ein neuer Stadtteil und das Gewerbegebiet Stonsdorf. Noch heute erinnern die Straßennamen „Am Exerzierplatz“ und „Schützenwall“ an die Geschichte des Geländes.

Die Löcher könnten durch spätere Kampfhandlungen entstanden sein

Die Rätsel um die geheimnisvollen Betonwürfel am Stadtparksee sind aber noch immer nicht hinreichend geklärt: Zeitzeugen glauben sich zu erinnern, dass die Würfel zum Zielschießen genutzt wurden. Und dafür könnten auch die Löcher darin sprechen. Historiker und Experten der Bundeswehr halten es aber für unwahrscheinlich, dass die Blöcke einst Zielscheiben oder Kugelfang gewesen sein könnten. Historikerin Andrea Riedle, Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau, die den Gedenkort am ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen im bayrischen Landkreis Dachau betreut, vermutet, die Blöcke könnten repräsentativen Zwecken gedient und eine Straße gesäumt haben. Die Löcher könnten durch spätere Kampfhandlungen entstanden sein. Sebastian Banger, Sprecher des Militärhistorischen Museums in Dresden, kann sich vorstellen, dass die Betonblöcke eine langgezogene Kultstätte der SS bildeten. Jeder einzelne Block könnte für eines der Völker gestanden haben, die in der NS-Ideologie als germanisch galten. Die eckigen Einlassungen könnten Hinweise auf frühere Tafeln mit den Namen der jeweiligen Völker sein.

Tatsache ist: Die Herkunft der düsteren Betonblöcke ist bis heute ungeklärt. Da nicht geplant ist, diese Monumente einer vergangenen Zeit zu beseitigen, werden vermutlich auch in den nächsten Jahrzehnten viele Spaziergänger rätseln, was es mit ihnen auf sich hat.

Und so geht es zu den Betonklötzen: Wer den Haupteingang des Norderstedter Stadtparks passiert, geht auf dem Rundweg rechts neben der Wasserskianlage. Die Betonklötze stehen etwa 300 Meter entfernt auf dem rechten Parallelweg.