Segeberger Geheimnisse

Die alten Norderstedter Straßenwalzen

Die alte Straßenwalze der Firma Sauerlandt steht seit 20 Jahren an der Segeberger Chaussee

Die alte Straßenwalze der Firma Sauerlandt steht seit 20 Jahren an der Segeberger Chaussee

Foto: Frank Knittermeier

Viele kleine und große Ereignisse sind im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. Das Abendblatt hat sich auf Spurensuche begeben.

Norderstedt Manche Geschichten stehen einfach so am Straßenrand herum. Man muss nur hingucken, um sie zu entdecken. Zum Beispiel die Geschichte der alten Straßenwalze, die an der Segeberger Chaussee in Norderstedt schon seit vielen Jahren zum Straßenbild gehört. Knallgelb steht sie auf einem Stellplatz neben dem Fußweg in Höhe des Hauses Nummer 80 und wird natürlich nicht mehr vom Fleck gerührt. Sie steht einfach da und wartet auf eventuelle Betrachter. Gerade so, als sei sie eben abgestellt worden, damit der Fahrer im gegenüberliegenden Supermarkt einkaufen kann. Aber was für ein Geheimnis verbirgt sich hinter dieser Baumaschine, die nüchtern betrachtet zur Gruppe der Verdichtungsgeräte gehört? Sie ist schlicht die erste selbstfahrende Straßenwalze einer hiesigen Firma, die in Norderstedt für den Straßenbau eingesetzt wurde. Die älteste Straßenwalze Norderstedts ist sie aber nicht. Die steht ganz unspektakulär am Eingang eines Reiterhofes und ist aus Stein.

Die alte gelbe, acht Tonnen schwere Kaelble Straßenwalze, die an der Segeberger Chaussee seit Jahren steht, wurde 1956 für die Tiefbaufirma Alexander Sauerland im Kaelble-Werk in Backnag (Baden-Württemberg) gebaut. Sie wurde per Güterzug vom Werk in Backnag auf einem Güterwagen zum Güterbahnhof Ochsenzoll transportiert und dort übernommen.

Alexander Sauerland, der die 1922 gegründete Firma von seinem Vater übernommen hatte, erinnert sich noch genau an die Ankunft der Walze, weil es für ihn, aber auch für viele Schaulustige ein spektakuläres Ereignis war. „Es war tatsächlich unsere erste eigene Straßenwalze“, sagt der 89 Jahre alte Unternehmer, der den Ruhestand in Wohldorf-Ohlstedt ganz in der Nähe der Alster genießt. Vorher hatte sich der Tiefbauer Sauerland die Walzen gemietet und beim Straßenbau in den Norderstedter Ursprungsgemeinden eingesetzt.

Kriegstrümmer wurden als Straßenuntergrund zermalmt

Das damalige Tiefbauunternehmen Sauerland wurde 1956 mit den Straßenbauarbeiten für die Gartenstadt Falkenberg beauftragt (Am Exerzierplatz, Alter Kirchenweg, Stonsdorfer Weg und Falkenbergstraße). Hier war der erste Einsatz der neuen Kaelble-Straßenwalze: Hamburger Kriegstrümmer wurden von ihr als Straßenuntergrund zermalmt.

Auch bei anderen Straßenbauarbeiten in Norderstedt musste die Walze mit ihrem Walzenführern Günter Geue und später Manfred Brockmüller weitere Dienste leisten: Friedrichsgaber Weg, Schmuggelstieg, Am Tarpenufer, Heidehofweg und Uhlandweg – hier leistete sie ganze Arbeit. Auch in Hamburg hat die alte Walze bei etlichen Straßenbauarbeiten ihren schweren Dienst getan.

Nach der Einstellung des Tiefbauunternehmens im Jahre 1999 soll die Walze an der Segeberger Chaussee symbolisch an das 70-jährige Wirken der Firma Alexander Sauerland auf diesem Grundstück erinnern. Weil der Zahn der Zeit auch an einem solch stählernen Ungetüm nagt, wurde es vor einigen Jahren auf einen Tieflader gestellt und nach Belgien kutschiert, um es dort von einem Spezialunternehmen restaurieren zu lassen. Jetzt steht sie wieder glanzvoll wie in alten Zeiten an der Segeberger Chaussee. Alexander Sauerland freut sich, das seine erste Walze einen Stammplatz gefunden hat, an dem täglich viele Autos vorbeifahren. Das Grundstück gehört heute der Grundstücksverwaltung und dem Wohnungsunternehmen Sauerland, das von Alexander Sauerlands Söhnen geleitet wird. Der Vater verwaltet selbst noch eigene Immobilien – wie zum Beispiel das Alte Segeberger Amtsgericht an der Hamburger Straße, in dem auch der CDU-Kreisverband sein Büro hat.

Der Straßenbau in Norderstedt hat natürlich eine längere Geschichte. Aus befestigten Wegen wurden Straßen mit Kopfsteinpflaster. Im Mittelalter waren nur wenige Ortsstraßen mit einem Pflasterbelag ausgestattet, erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam es zu Neuentwicklungen auf dem Gebiet der Straßenbautechnik. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es seit Beginn des 18. Jahrhunderts Kunststraßen oder Chausseen. Um diese zu bauen und den Untergrund zu verdichten, wurden Straßenwalzen entwickelt. Sie werden seit etwa 1830 im Straßen- und Erdbau eingesetzt und waren in der Frühzeit vorwiegend von Pferden gezogene Geräte. Sie bestanden anfangs aus Stein und später ausschließlich aus Gusseisen. Man beschwerte sie zusätzlich mit Steinen und mit einem Wasserballast.

Die Steinwalze war noch bis in die 1960er-Jahre im Einsatz

Die Reste einer Steinwalze, die im Norderstedter Ortsteil Garstedt eingesetzt wurde, ist an der Straße Syltkuhlen zu sehen. Es muss allerdings schon sehr genau hingeguckt werden, um sie zu entdecken – obwohl sie direkt am Straßenrand steht. Denn am Eingang zum Reiterhof des Norderstedter Sportvereins (NSV) am Syltkuhlen 293 steckt ein tonnenförmiger Granitstein in der Erde. Wie ein kleiner, runder und recht dicker Torpfosten sieht er aus. Aber genau das ist die erste Straßenwalze der Gemeinde Garstedt. Irgendwie urzeitlich sieht sie aus, aber tatsächlich wurde sie noch bis in die 1960er-Jahre hinein von den Bauhofarbeitern der Gemeinde genutzt, um Straßen und Wege glatt und eben zu bekommen.

Landwirt Wilfried Breckwoldt (64) weiß noch, dass eine Doppeldeichsel aus Stahl daran befestigt war, sodass sie von einem Traktor gezogen werden konnte. Bevor diese Zugmaschinen in den Fuhrpark der Gemeinde aufgenommen wurden, mussten vermutlich Pferde angespannt werden, um die 1,25 Meter hohe Walze mit einem Durchmesser von 90 Zentimetern zu bewegen. Genau weiß das heute niemand mehr. Es müssen jedenfalls kräftige Pferde gewesen sein, denn die damaligen Traktoren hatten eine durchschnittliche Motorkraft von 17 PS. Noch heute ist zu sehen, wo die Deichseln befestigt waren.

Irgendwann ist die Walze an der Straße Syltkuhlen liegen geblieben. Wilfried Breckwoldt erinnert nicht genau, ob sein Großvater sie gekauft hat oder ob sie tatsächlich direkt vor seinem Hof abgestellt und vergessen wurde. Breckwoldt, der den Reiterhof an den NSV verpachtet hat, ließ sie jedenfalls an Ort und Stelle aufstellen. Da diese Walze aus Stein besteht, ist sie der „Walzenfrühgeschichte“ zuzuordnen, da die gusseisernen Walzen erst später entwickelt wurden. Wilfried Breckwoldt freut sich, das auf diese Weise ein Zeugnis der frühen Garstedter Straßenbautechnik auf seinem Grundstück steht. Wer genau hinsieht, erkennt auf dem Stein ein mit leichter Hand gemeißeltes „PI“. Das, so vermutet der Landwirt, weißt darauf hin, dass Garstedt vor der Stadtgründung Norderstedts zum Kreis Pinneberg gehörte.