Norderstedt
Kreis Segeberg

67-jähriger Kaltenkirchener dreht Astro-Videos für Youtube

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Im Internet ist Erik Wischnewski zum Star geworden. Und trägt zum Interview eine Krawatte mit dem Titel seines Buches.

Kaltenkirchen. Seit fast 40 Jahren arbeitet Erik Wischnewski an seinem Buch „Astronomie in Theorie und Praxis“. Das Kompendium und Nachschlagewerk ist im vergangenen Jahr bereits in der 8. Auflage erschienen. Anfangs umfasste es noch rund 600 Seiten, inzwischen sind es 1448. „Fertig bin ich nie“, sagt der 67-Jährige. Dafür sei er zu perfektionistisch veranlagt. Ihm würden immer wieder Sachen auffallen, die er hätte besser machen können. „Ich will immer 110 Prozent erreichen. Aber mit 99 Prozent kann ich mich abfinden, da öffne ich auch eine gute Flasche Wein.“

Wischnewski trifft sich mit dem Abendblatt in seinem Haus in Kaltenkirchen. Zum Termin trägt er Hemd und Krawatte. Auf dem Schlips sind nicht nur Sterne, Planeten und Galaxien abgebildet, sondern auch der Titel seines Buches. Seit der Grundschule fasziniert ihn das Universum, mit 14 Jahren trat er einem Astronomieverein in Hamburg bei.

Als Zwölftklässler hielt er in der Volkshochschule in Wedel erste Vorträge. Damals baten ihn die Schüler um seine Karteikarten, auf denen er die wichtigsten Begriffe zusammengefasst hatte. Für sie stellte er eine Broschüre her, verkaufte später 50 Stück für 20 D-Mark. Der Vorreiter seines Astronomiebuchs war geschaffen. Fortan begleitete es ihn als seine Lebensaufgabe.

Wischnewski will sich Auszeit vom Buch nehmen

„Jetzt habe ich erst einmal die Schnauze voll“, sagt Wischnewski. Rund 80 bis 100 Stunden in der Woche hat der Rentner an der 8. Auflage gearbeitet. Von 2016 bis 2018. Nächtelang hat er die Sterne mit einem Fernrohr im Garten beobachtet und experimentiert. Manchmal saß er bis 4 Uhr morgens auf einem kleinen Holzhocker, eingewickelt in eine Decke. Bei bis zu Minus 20 Grad arbeitete der Kaltenkirchener in der Kälte. Dann legte er sich für einige Stunden ins Bett, stand um 10 Uhr wieder auf und wertete seine Ergebnisse aus. „Die Anstrengungen der letzten Jahre haben Spuren bei mir hinterlassen. Ich fühle mich ausgelaugt und brauche eine Pause“, sagt Wischnewski.

Der studierte Astrophysiker, der mehrere Jahre als Projektmanager und Softwareentwickler arbeitete, widmet sich von nun an der Mikroskopie. Zumindest vorübergehend. Wenn er ehrlich ist, vermisst er seine Astronomie schon jetzt.

Kaltenkirchener verspricht neunte Buchauflage

„Ich halte es wie jeder Sänger: Es wird ein Comeback und eine 9. Auflage geben!“, verspricht er. Sein Buch wird also noch dicker werden. Schon jetzt besteht es aus zwei Bänden. Knapp 100 Euro kosten sie. „Der Preis ist eine Hausnummer, der Verkauf funktioniert nur mit gutem Namen.“

Und den guten Namen hat sich Wischnewski offenbar erarbeitet. Rechnet man alle Auflagen zusammen, hat der gebürtige Hamburger 10.000 Exemplare von „Astronomie in Theorie und Praxis“ verkauft.

Im vergangenen Jahr stand das Buch im Ranking bei Amazon, dem weltweit größten Onlinehändler, wiederholt auf Platz eins in der Kategorie „Theoretische Physik“. „Sogar ein Taschenbuch des berühmten Physikers Stephen Hawking wurde hinter mir gelistet“, betont Wischnewski.

Wischnewski ist Autor, Verleger und Logistiker

Bemerkenswert ist, dass der Kaltenkirchener Autor sein Buch komplett in Eigenregie herstellt und vertreibt. Er arbeitet mit keinem Verlag zusammen. Das Layout gestaltet er selbst, sogar die bestellten Bücher verpackt er eigenhändig in Paketen. „Ich bin schon stolz“, sagt Wischnewski und streichelt mit der flachen Hand über den Rücken seines Werkes.

Plötzlich wirkt er nachdenklich. „Wenn ich mir im Fernsehen die Nachrichten anschaue, möchte ich eigentlich nicht auf dieser Welt leben“, sagt er. Die Menschen seien machtgierig und müssten ständig ihr Geltungsbedürfnis befriedigen. „Ich habe zwar auch ein Grundbedürfnis nach Anerkennung. Aber ich kenne meine Grenzen. Mein Buch reicht mir.“

Vor sechs Jahren hat sich Wischnewski pensionieren lassen. Schon im Berufsleben kam es ihm nie darauf an, „der Oberste zu sein“, wie er sagt. Viel entscheidender sei es gewesen, dass sein Job ihm Spaß machte. Denn: „Das Leben besteht aus mehr als Geld.“

Astrophysiker drehte 142 Youtube-Videos

Wenn Wischnewski über Astronomie spricht, schwingt in jedem Satz Begeisterung mit. Im Obergeschoss seines Hauses, in dem er gemeinsam mit seiner Ehefrau lebt, hat er vor einigen Jahren eine Kulisse aufgebaut, um YouTube-Videos zu drehen. In 142 Folgen hat er den Zuschauern auf seinem Kanal „AstronomieTelevision“ Fachbegriffe erklärt – von Sonne, Mond und Sternen bis hin zu Koordinatensystemen. „Am Anfang war ich noch unsicher. Ich wollte nicht zu steif wirken“, sagt Wischnewski.

Inzwischen dreht er keine Videos mehr. Damit will er erst wieder anfangen, wenn die 9. Auflage seines Buches erscheint. Und das wird sie. So viel ist sicher. Wischnewski wird weiter an seinem Lebenswerk arbeiten – bis es in seinen Augen perfekt ist. Irgendwann.