Norderstedt
Lärmbelästigung

37-Seiten-Plan: Wie Norderstedt zur Ruhe kommen will

Verkehrslärm auf der Ohechaussee an einem Wochentag um die Mittagszeit: 75,9 Dezibel.

Verkehrslärm auf der Ohechaussee an einem Wochentag um die Mittagszeit: 75,9 Dezibel.

Foto: HA

Das Maßnahmenpaket reicht von Tempo 30 bis zum Lkw-Leitsystem. Es ist zwar leiser geworden, doch Bürger empfinden oft anders.

Norderstedt. In den nächsten Jahren soll es in Norderstedt leiser werden. Das sieht der neue Lärmaktionsplan vor, der die Maßnahmen bis zum Jahr 2023 definiert. Als der Plan erarbeitet wurde, hat sich gezeigt, was aus Sicht vieler Bürger das Problem ist: Objektiv hat der Geräuschpegel in den vergangenen Jahren überwiegend abgenommen, subjektiv aber fühlen sich viele Norderstedter nach wie vor oder sogar stärker durch den Lärm von Autos, Lkw, Zügen und Flugzeugen gestört.

Die Ursache der Diskrepanz erfuhren die Bürger, die ihre Wünsche und Anregungen im Workshop am 31. Juli äußerten. „Wird der Lärm gemessen, um die Lärmkarten mit besonders und weniger stark belasteten Stadtbereichen zu erstellen?“, lautete eine Frage. Messungen sind nicht vorgesehen, statt dessen werde die Lärmbelastung berechnet, antworteten die Fachleute. Dieses Verfahren sehe die EU-Umgebungsrichtlinie vor. Messungen seien nur punktuell möglich, sie könnten nicht die durchschnittliche Verkehrsbelastung über einen längeren Zeitraum widerspiegeln. Lärmquellen könnten sich überlagern, falsche Messergebnisse seien die Folge. Die Verfahren müssten einheitlich und vergleichbar sein.

Bisherige Maßnahmen, um Lärm zu reduzieren, haben gegriffen

„Was ist, wenn Anwohner mitten in der Nacht mehrfach durch sehr laute Autos aus dem Schlaf gerissen werden?“ Das wollte ein anderer Teilnehmer wissen. „Es muss eine dauerhafte Lärmbelastung während der ganzen Nacht vorliegen, um in die Lärmkarte aufgenommen zu werden“, sagte Mario Kröska, Fachbereichsleiter für Verkehrsflächen im Norderstedter Rathaus. Diese Belastung könne nur berechnet werden.

Die bisherigen Maßnahmen, um den Lärm zu reduzieren, haben gegriffen. Vor allem im Vergleich zum Lärmaktionsplan 2006 ist es leiser auf den Straßen geworden. 2016 mussten 14.930 Norderstedter mit Schallpegeln von mindestens 55 Dezibel (dB) leben, 2006 waren es noch 22.030. Im Vergleich zu 2012 (15.260 Betroffene) fällt der Rückgang allerdings deutlich geringer aus. 45 dB und mehr mussten nachts 17.420 Bürger ertragen, geringfügig weniger als 2012. „Diese Schallpegel können zu Kommunikationsstörungen führen und die Nachtruhe beeinträchtigen“, schreibt die für den Lärmaktionsplan zuständige Mitarbeiterin im Rathaus, Christine Haß, in der Vorlage für den Ausschuss.

Es sind weitere Maßnahmen zur Lärmreduzierung nötig

Mehr Lärm könne krank machen, heißt es weiter. Das gelte für 65 dB und mehr tagsüber und 55 dB und mehr in der Nacht. Mit diesen Lärmstärken werden 2580 Norderstedt am Tage konfrontiert (2006: 3780, 2012: 3060). Nachts wirken die bedenklichen Schallpegel auf die Gesundheit von 3090 Menschen in der Stadt (2012: 3600). „Die Auswertung der Lärmkarten von 2016/17 hat ergeben, dass es nach wie vor eine Vielzahl von Norderstedtern gibt, die durch Lärm deutlich belastet ist“, schreibt Haß in ihrem Fazit. Weitere Maßnahmen seien nötig.

Der Maßnahmenkatalog umfasst 37 Seiten, wir nennen Schwerpunkte:


Lkw-Leitsystem: Eine zentrale Maßnahme, die den Schwerlastverkehr aus den Wohngebieten bringen soll und schon seit langem geplant ist. „Die verkehrsrechtliche Anordnung“ liegt vor. Die Hinweisschilder konnten aus finanziellen Gründen noch nicht aufgestellt werden, heißt es im Aktionsplan. 200.000 Euro kalkuliert die Verwaltung für das Aufstellen der Schilder.
Pförtner-Ampeln: Die Stadt will prüfen, ob die Ampeln an den Ortseingängen so geschaltet werden können, dass sie wie Pförtner funktionieren und den Verkehrsstrom steuern.


Ohechaussee: Die Stadt arbeitet an einem Konzept, um den Verkehrsfluss zu erhöhen und den Lärm dadurch zu verringern. Geprüft werden soll, ob zwischen 22 und 6 Uhr Tempo 30 für Lkw eingeführt wird. In Höhe Mozartweg soll eine Mittelinsel gebaut werden.


Segeberger Chaussee: Hier wird geprüft, ob von 22 bis 6 Uhr im Bereich der Hausnummern 242 bis 258 Tempo 30 für alle Fahrzeuge gelten soll.


Ulzburger Straße: Die Verwaltung verweist auf den geplanten Umbau zum zweiten Meilenstein und der damit verbundenen Verkehrsberuhigung zwischen Steindamm und Poolstieg. Zwischen Rathausallee und Harckesheyde sollen die Radler auf der Straße fahren – auch das soll die Autofahrer bremsen und den Lärm verringern.


Poppenbütteler Straße: Einbau von drei Mittelinseln als Tempodämpfer in Höhe Störkamp und zwischen Glashütter Damm und Segeberger Chaussee. Neubau des sanierungsbedürftigen Lärmschutzwalls.


Alter Kirchenweg/Stonsdorfer Weg und Langenharmer Weg: Einrichtung einer Teststrecke für lärmmindernden Asphalt, der so wirken soll wie eine nächtliche Temporeduzierung auf 30 km/h.


Marommer Straße: Die Stadt will prüfen, ob die Straße zur Einbahnstraße umgewandelt wird.

Als Gegenpole zum Straßenlärm sollen Grünzüge und Parks als „ruhige Gebiete“ gestärkt werden. Geprüft wird, ob die „Stadtoase Ossenmoorpark“ nach Osten bis zum Glashütter Damm verlängert werden kann.

Auflage der EU

Der aktuelle Lärmaktionsplan für Norderstedt, der bis 2023 gilt, ist die dritte Auflage. Damit kommt die Stadt einer Auflage der EU nach, die die Kommunen mit der EU-Umgebungslärmrichtlinie im Jahr 2002 verpflichtet hat, den Lärm zu ermitteln, zu kartieren und festzuschreiben, wie die Belastung verringert werden kann. Der Lärm wird nicht gemessen, sondern berechnet, um nicht punktuelle Zufalls-, sondern dauerhafte Belastungen zu ermitteln. Untersucht werden Lärm an den Hauptstraßen (mehr als drei Millionen Fahrzeuge im Jahr), an Bahnstrecken (30.000 Züge pro Jahr) und nahe dem Flughafen (156.400 Flüge in 2018).