Norderstedt
Reeperbahn-Kultlokal

Als Otto Waalkes mit Pantoffeln ins legendäre "Peking" kam

Unscheinbar: Das Chinarestaurant an der Lincolnstraße. Heute ist dort ein Pizzaladen.

Unscheinbar: Das Chinarestaurant an der Lincolnstraße. Heute ist dort ein Pizzaladen.

Foto: Baltrusch / Baltzrusch

Regina Baltrusch erzählt von Schauspielern in Ganzkörperkondom, Skizzen von Udo Lindenberg und Stammgast Ole von Beust.

Hamburg/Norderstedt. Das Lokal hatte mit seiner schlichten Einrichtung den Charme einer Bahnhofsgaststätte – aber eben eine mit hohem Unterhaltungswert. Wer das „Peking“-Restaurant an der Lincolnstraße im Rücken der Hamburger Reeperbahn betrat, wurde schon mal mit „Na min Jung“ und einem kleinen Klaps auf die Schulter empfangen.

Fast 40 Jahre lang gaben sich hier Kiezbesucher, Luden, Prostituierte, bunte Vögel und jede Menge Prominente die Klinke in die Hand. Das In-Lokal, das vor allem für seine gute Küche, die knusprige Pekingente und die Wasserspiele für die Kinder geschätzt wurde, war von 1968 bis 2006 in Norderstedter Hand. Lange führten es Elisabeth Schmuck und ihr chinesischer Mann Jen Sun Chang, danach übernahm es deren Nichte Justine Baltrusch.

Ein Bote wollte lieber Peep-Shows gucken

Regina Baltrusch, Schwester und Mutter der Pächterinnen, die selbst viele Jahre als Bedienung im „Peking“ gearbeitet hat, erinnert sich gerne an die Zeit zurück: „Die Atmosphäre war immer so familiär. Und wir hatten nie Probleme mit irgendwelchen Leuten vom Kiez oder wie andere Läden, die Schutzgelder zahlen mussten.“ Kein Wunder, diese Leute gingen dort auch ein und aus, kamen in ihren freien Schichten zum Essen oder ließen sich die leckeren Speisen in ihre Absteigen bis in die Herbertstraße bringen.

Ein Aushilfsstudent, der diese Botengänge machen sollte, kam oft spät davon zurück, erinnert sich Baltrusch. Dabei sollte er längst schon woanders hin. „Ich musste mir die Peep-Shows doch genauer ansehen“, entschuldigte er sich. Dabei gab es im Lokal an der Lincolnstraße oft schon genug zu sehen. Eine am ganzen Körper tätowierte Frau kam immer splitterfasernackt ins Restaurant und bestellte das Essen in Begleitung ihres angezogenen Mannes, ohne dass die anderen 58 Gäste daran Anstoß nahmen, erzählt Regina Baltrusch.

Ein Schauspieler vom Schmidts Tivoli betrat in einer Theaterpause das Lokal vollständig eingehüllt in einen Plastiksack, wie ein Ganzkörperkondom, nur mit Schlitzen an Augen, Mund und Ohren. „Wie willst du denn damit was essen?“, fragte ihn Baltrusch. „Ich habe aber einen so großen Hunger. Gib‘ mir ‚ne Suppe“, habe der geantwortet. „Der trank die Suppe dann mit dem Strohhalm“, erinnert sich Baltrusch und muss darüber schmunzeln.

Otto Waalkes und Udo Lindenberg kamen in den 1970ern

Jede Menge prominente und weniger berühmte Menschen zählten zu den Stammgästen. Otto Waalkes, der schon mal mit Filzpantoffeln mitten im Winter auftauchte, malte hier 1971 seine ersten Ottifanten ins Gästebuch. Udo Lindenberg verewigte sich 1977 mit einem seiner heute berühmten Strichmännchen-Selbstportraits: „Keine Panik im Peking.“

Schauspieler-Größen wie Karl Lieffen, Christine Kaufmann, Uwe Friedrichsen, Eva Mattes, Armin Rohde, Thomas Fritsch oder Walter Giller speisten hier ebenso gern wie das Team um Jan Fedder vom Großstadtrevier oder die Spieler des FC St. Pauli zu Zeiten von Trainer Helmut Schulte.

Schauspieler Ulrich Tukur gründete 2004 gemeinsam mit Ulrich Waller vom St. Pauli Theater, Pianist Paul Kuhn und seiner Frau Katharina John spontan den „Pekingentenclub“ und verewigte die erste Tagesordnung des Clubs im Gästebuch des „Vereinslokals Peking (Bejing)“. Die Tagesordnung bestand aus „Vorspeisen, anrühren eigener Saucen“ und einer „Kaffeefahrt nach Yunnan“.

Travestie-Star Olivia Jones lobte die einmalige Küche mit den Worten: „Eure Enten sind immer klasse und genauso knusprig wie ich.“ Freddy Quinn, Dorthe Kollo, Johannes Heesters, Stefan Raab, die damaligen Hitparaden-Stars George Baker und Ricky Shane und die legendäre schwarze Crossover-Band Living Colour waren hier zu Gast. Kiez-Nachbar Corny Littmann sei nur zur Wiederöffnung durch ihre Tochter gekommen, erinnert sich Baltrusch. „Der mag nicht so gerne chinesisches Essen.“

Ganz anders der ehemalige Erste Bürgermeister Ole von Beust. „Der war Stammgast im Peking, mit und ohne Sicherheitsleute“, sagt Baltrusch. Der hatte sich persönlich dafür eingesetzt, dass das „Peking“ im Jahr 2003 nicht geschlossen wurde, als ihre Schwester Elisabeth es aus Krankheitsgründen nicht mehr führen konnte.

Das Credo: gute Qualität, zivile Preise

Für die gute Küche war immer ein Team von chinesischen Köchen verantwortlich, die oft zehn bis 15 Jahre blieben und sich dann in ihrer Heimat selbstständig machten, erzählt Baltrusch. Und natürlich die gute Qualität bei zivilen Preisen, ein Grundsatz, der ihrer Schwester und ihrem Mann Chang, der selbst Koch war, immer das Wichtigste gewesen sei.

Fast so wichtig war die Deko. „Auf allen Tischen lagen weiße Decken und standen immer frische Blumen.“ Diese Erfolgskriterien hätten die Nachfolger nach 2006 nicht mehr beachtet. Das sei ihr Fehler gewesen, ist Baltrusch überzeugt. Heute ist aus dem Lieblings-Chinesen vieler Hamburger ein Pizzaladen geworden.

Es war eine sehr harte Arbeit, erinnert sich Regina Baltrusch. Das Lokal hatte am Wochenende von 12 bis nachts um 2 Uhr durchgehend auf. In zwei Schichten wurde geschuftet. Das sei anstrengend gewesen. „Mir reichten drei Arbeitstage in der Woche.“ Das beste Trinkgeld mit 100 Mark zahlte mal ein besonders zufriedener Gast. Ein reicher Reeder dagegen zeigte sich als Geizkragen. „Der bestellte nur einen Kaffee für seine Frau und für sich den Aufguss und wollte so einen Kaffee sparen“, sagt Baltrusch und verzieht das Gesicht. Hinterher wollte der ihr stolz auch noch zehn Pfennig Trinkgeld geben. „Die kannst du behalten“, habe sie ihm beschieden und den Groschen zurück geschoben.

Jede Menge bunte Vögel tauchten auf. Einer kam rein und schrie laut, wie lästig das viele Autogramme schreiben doch sei, erinnert sich Baltrusch. „Plötzlich war es ganz still im Saal. Alle schauten ihn an – keiner erkannte ihn! Und schon ging das laute Gerede an allen Tischen ungerührt weiter.“

Der große Erfolg des Peking in der Lincolnstraße führte dazu, dass ihre Schwester und ihr Mann Chang von 1974 bis 1987 auch an der Ulzburger Straße in Norderstedt ein zweites, gleichnamiges Restaurant aufmachten. Die Familie lebt seit den 1930er Jahren in Harkshörn. Auch in Norderstedt speiste die lokale Prominenz. Mike Krüger sei mal mit seinem nagelneuen Porsche vorgefahren und übersah die große Eiche vor der Tür. „Der hat sich da eine dicke Beule reingefahren.“

Das Gästebuch soll ein Museumsstück werden

Noch gerne lesen Baltrusch und ihre Tochter die vielen liebevollen Sprüche ihrer Stamm- und Lieblingsgäste im Gästebuch des Peking. Manche schrieben sogar aus dem Urlaub. „Irgendwie verdienen es diese Geschichten, für die Nachwelt erhalten zu bleiben.“ Darum möchte Regina Baltrusch die Gästebücher dem St.Pauli-Museum übergeben.

Der Kontakt und die vielen Gespräche mit all den fremden Menschen helfen ihr heute beim Umgang mit den nach Norderstedt geflüchteten Menschen aus Mazedonien, Iran, Irak, Syrien und Afghanistan. Regina Baltrusch engagiert sich seit fünf Jahren im Willkommen-Team. Das erinnere sie auch wieder an die Zeit im „Peking“. Nach Mitternacht, wenn es dort leerer wurde, kamen oft die Menschen vorbei, die Hilfe brauchten, sich einsam und verlassen fühlten. Und auch die gingen meist satt und zufrieden wieder nach Hause.