Tangstedt

Warum eine Veganerin Rinder züchtet – und schlachtet

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Anna Butz betreibt den Hof "Alster Wagyus" mit 95 Rindern in Tangstedt. Einmal pro Monat wird ein Tier geschlachtet – Butz selbst lebt vegan.

Anna Butz betreibt den Hof "Alster Wagyus" mit 95 Rindern in Tangstedt. Einmal pro Monat wird ein Tier geschlachtet – Butz selbst lebt vegan.

Foto: Annabell Behrmann

Anna Butz ernährt sich vegan und züchtet Rinder. Jedes der 95 Tiere hat einen Namen. Trotzdem wird einmal im Monat eines geschlachtet.

Tangstedt.  Wenn Anna Butz durch ihren Stall läuft, begrüßt sie alle 95 Rinder mit Namen. „Hallo Obelix!“, ruft sie und legt sich zu dem 1400 Kilogramm schweren Dickhäuter ins Stroh. Sie krault das Schwergewicht hinter den Hörnern, lehnt sich an seinen kräftigen Rücken und schließt die Augen. Obelix bewegt sich nicht vom Fleck.

Das Hereford-Rind schnauft genüsslich. Bis zu fünf Stunden am Tag verbringt Butz bei ihren Rindern. Sie putzt, bürstet und streichelt sie. Und einmal im Monat fährt die 45 Jahre alte Tangstedterin ein Tier zum Schlachter.

Ein Gegenentwurf zur Massentierhaltung

Anna Butz, gebürtig aus Düsseldorf, ernährt sich vegan. Vor zwei Jahren hat sie einen Anruf von einem Bekannten erhalten, ob sie den Hof mit acht Milchkühen kaufen möchte. Seitdem züchtet sie Rinder, die sie schlachten lässt. Sie selbst verzichtet seit 15 Jahren darauf, tierische Produkte zu essen. Ein Widerspruch? „Nein, für mich nicht. Ein Rind im Monat muss gehen, damit die anderen ein gutes Leben führen können. Das ist mein System.“

Der Rinderhof „Alster Wagyus“ ist ein Gegenentwurf zur Massentierhaltung. Anstatt sich in engen Ställen zu drängen, bewegen sich die Tiere auf einer 25 Hektar großen Fläche aus Behausung und Weide. Sie werden nicht mit Antibiotika vollgestopft, sondern mit Heu und Äpfeln gefüttert. Butz zeigt auf eine Box im Stall. Sie ist höchstens zehn Quadratmeter groß und leer. „Auf dieser Fläche leben in anderen Betrieben bis zu sechs Rinder und treten sich gegenseitig auf die Schwänze“, sagt sie. Die gelernte Tierarzthelferin und studierte Pädagogin will ihren Rindern ein besseres Leben ermöglichen. Butz: „Meine Kühe werden mehr gekuschelt als die meisten Hunde.“

Das Fleisch der japanischen Wagyus ist besonders lecker

Auf dem Hof leben Pinzgauer, Galloways und Angus. Das Fleisch der japanischen Wagyus sei besonders lecker, heißt es. Anna Butz weiß das nicht. Die Veganerin hat das Fleisch ihrer Rinder noch nie probiert. Wenn sie die Tiere beim Namen ruft, reagieren sie, manche laufen auf sie zu. Neben Obelix hören sie auf Benita, Bambi oder Ito. Fest steht aber: Durch die Nähe zu den Rindern fällt der Abschied besonders schwer. Doch das ist es der Züchterin wert. „Sie sind nicht Mittel zum Zweck für mich.“ Butz zweifelt an dem System, Fleisch so billig wie möglich in Supermärkten zu verkaufen. „Wenn die Lebensmittel schon keine Wertigkeit haben, wie soll es dann anders bei einem Produktionstier sein?“, fragt sie.

An Abenden vor einer Schlachtung geht es Anna Butz schlecht. Am schlimmsten ist für sie aber der 20-minütige Weg im Transporter zur Fleischerei Hoose in Hammoor. Bis zum letzten Atemzug begleitet sie das Rind. Es wird gestreichelt, gebürstet, mit seinem Lieblingsbrot gefüttert. „Es genießt meine volle Aufmerksamkeit. Aber im letzten Moment gucke ich weg.“ Damit meint Butz den Bolzenschuss, der die Kuh betäubt, um ihr unnötiges Leid zu ersparen. Am kommenden Montag muss sie wieder mit einem Tier in den Transporter steigen. Dieses Mal ist Tarzan an der Reihe.

Schlachtung auf dem Hof erspart den Tieren die Fahrt

In Zukunft soll es einen Schlachtraum direkt auf dem Hof geben. Das erspart den Rindern die Fahrt und verhindert noch besser die Ausschüttung von Stresshormonen. Das macht sich auch in der Qualität des Fleisches bemerkbar. „Man kann problemlos eine gute Aufzucht von drei Jahren innerhalb einer halben Stunde ruinieren“, sagt Butz. Für gewöhnlich werden Rinder im Alter von 18 Monaten geschlachtet. Bei Butz werden sie mindestens drei Jahre alt, ein harter Kern darf bis zum natürlichen Tod bleiben.

Bei der Verarbeitung des Rindes hilft die Hofbesitzerin. Wenn die „Person“, wie Butz selbst sagt, ohne Fell nicht mehr erkennbar ist, fällt es ihr leichter. Mit dem Verkauf eines Tieres kann sie die monatlichen Kosten für den Betrieb, das Futter und den Tierarzt decken. Normalerweise. Doch wegen des heißen Sommers in diesem Jahr gab es für die Kühe auf der Koppel nicht genügend Gras. Butz musste zusätzliches Futter kaufen.

Nebenbei vermietet Anna Butz Industrie-Immobilien

Von ihrer Viehzucht allein kann sie nicht leben. Nebenbei vermietet Butz Industrie-Immobilien und hat ihre eigene Firma im Rheinland. Dass sie mit ihrem Rinderhof polarisiert, weiß Butz. Sie hat schon viele E-Mails mit Anfeindungen von Veganern erhalten. Würde sie Fleisch essen, würde sie vermutlich mehr Zuspruch für ihre vorbildliche Haltung der Tiere bekommen.

„Ich versuche, es irgendwie richtig zu machen“, sagt Butz und streichelt Obelix dabei liebevoll über den Rücken. Auf einem Sofa mitten im Stall sitzen häufig Kunden, beobachten und kraulen die Rinder. „Die Menschen werden zum Glück immer bewusster mit Lebensmitteln“, sagt Butz. Einmal im Monat verschickt sie nach einer Schlachtung einen Newsletter. Nach vier Stunden ist das Fleisch ausverkauft.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt