Norderstedt
Langenhorn

101-Jährige: „Man müsste noch mal 70 Jahre alt sein“

Ursula Schneidereit ist 101 Jahre alt und erscheint im kommenden Jahr im Bildband der Awo Pflege mit 99 anderen Hundertjährigen

Ursula Schneidereit ist 101 Jahre alt und erscheint im kommenden Jahr im Bildband der Awo Pflege mit 99 anderen Hundertjährigen

Foto: Annabell Behrmann

Ursula Schneidereit ist 101 Jahre alt. Ihr Foto wird in einem Jubiläums-Bildband der Arbeiterwohlfahrt erscheinen.

Langenhorn.  Jung sein möchte sie nicht mehr. „Aber vielleicht so um die 70“, sagt Ursula Schneidereit. Sie denkt einen Moment über ihre Worte nach. Dann nickt sie zustimmend. „Ja, das würde mir gefallen.“ Seit zwei Jahren wohnt sie in einem kleinen Appartment in einer Seniorenanlage in Langenhorn. Davor hat sie alleine in einer Drei-Zimmer-Wohnung gelebt. Schneidereit sitzt in ihrem Sessel, hat die Hände im Schoß zusammengefaltet. An ihrem Handgelenk trägt sie einen Notfallknopf. Die Pfleger sagen immer zu ihr, sie solle bloß klingeln, wenn sie Hilfe brauchen würde. „Aber ich schaffe das alleine.“ Sie sei lediglich ein bisschen langsamer geworden. Aber in ihrem Alter wäre das auch kein Wunder. Schneidereit wurde am 26. Februar 1917 geboren – vor mehr als einem Jahrhundert.

Die 101-Jährige ist eine bescheidene Frau. Sie braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Dass ihr Gesicht bald in einem Bildband mit Fotos von 100 anderen Hundertjährigen aus Schleswig-Holstein zu sehen sein wird, schmeichelt ihr. „Ich komme mir eigentlich gar nicht so wichtig vor“, sagt sie. Schneidereit wuchs in der polnischen Kleinstadt Pyritz in Westpommern als Tochter eines Bäckermeisters auf. 1945 flüchtete sie aus ihrer Heimat. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs fanden entlang der Stadtgrenzen heftige Kämpfe zwischen Deutschland und der Sowjetunion statt. „Wir haben uns im Keller versteckt. Wir konnten uns nicht annähernd vorstellen, wie schlimm es wirklich draußen war“, sagt Schneidereit. Gemeinsam mit ihrer Mutter, der drei Jahre älteren Schwester und ihrer Zwillingsschwester setzte sie sich in den Zug. „Wir wollten so weit weg wie möglich.“ An die Flucht erinnert sie sich, als wäre es gestern gewesen. „Die Russen“, sagt sie, „lagen schussbereit im Graben. Wir hatten großes Glück.“ Detailliert schildert sie die Erlebnisse.

Schneidereit hat damals ihre Tochter im Kinderwagen mitgenommen, Ingrid war erst ein halbes Jahr alt. „Es dauerte nicht lang, da schlief meine Kleine mit offenen Augen.“ Sie brachte das Mädchen in die Universitätsklinik nach Greifswald. Wenig später verstarb es. Särge gab es nicht mehr, nur Beutel. In einer Kapelle wurden tote Kinder übereinander gestapelt. Doch Ursula Schneidereit hat es geschafft, ihre Tochter beerdigen zu lassen.

Ihr Ehemann Günther, den sie im Tanzcafé kennenlernte und 1943 im Kriegsurlaub heiratete, wurde noch im selben Jahr aus der Gefangenschaft in Dänemark entlassen. Sie bauten sich ein Leben zusammen in Hamburg auf. „Wir hatten sehr lange etwas voneinander“, sagt die Seniorin. 2007 verstarb ihr Mann im Alter von 92 Jahren. Ihre Zwillingsschwester Nora hat sie vor zwei Jahren mit stolzen 99 verloren. Klar ist: Wer so alt wird wie Ursula Schneidereit, muss oft Abschied nehmen. „Verluste gehören leider dazu. Es sind viele, die eher gehen müssen“, sagt sie.

Alleine ist sie aber keinesfalls. Ihre Tochter Birgit (60) aus Norderstedt, die zwei Enkelkinder (38 und 30) und ihre Urenkelin (14) besuchen sie regelmäßig in der Seniorenanlage. „Außerdem haben wir hier allerhand vor.“ Schneidereit zeigt auf einen Plan, der an ihrem Wohnzimmertisch hängt. Am Montag war sie bei der Sitzgymnastik, am Dienstag beim Gedächtnistraining, und am Mittwoch hat sie bei Kaffee und Kuchen Quartett gespielt. „Wir sind hier eine sehr nette Clique“, sagt sie.

Ihr unermüdlicher Optimismus ist eines der Geheimnisse ihres langen Lebens, glaubt sie. Und die anderen? „Ich rauche und trinke nicht. Dafür bin ich immer gern geschwommen, gewandert und Rad gefahren.“ Und sie hat stets den Kontakt zu ihren Mitmenschen gepflegt. „Es ist wichtig, sich für andere zu interessieren“, sagt sie.

Das Geschehen auf der Welt verfolgt die Frau, die zwei Weltkriege sowie die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands miterlebt hat, immer noch. Was sie zu US-Präsident Donald Trump zu sagen hat? „Dieser Dussel. Wenn ich den im Fernsehen sehe, schalte ich aus.“ Ihren Humor hat Schneidereit nie verloren. Das Wichtigste für ein glückliches Leben sei jedoch, einen Partner an seiner Seite zu haben. „Ich hatte einen sehr, sehr tollen Mann“, sagt sie. „Wir waren immer füreinander da. Heutzutage geben die jungen Menschen ihre Beziehungen zu schnell auf.“

Es gibt wenig, was Ursula Schneidereit im Nachhinein anders machen würde in ihrem Leben. „Vielleicht hätte ich einen richtigen Beruf erlernt“, sagt sie nach einer Bedenkpause. Mit ihren Schwestern hat sie nach dem Gymnasium in der Bäckerei ihrer Eltern gearbeitet. „Kindergärtnerin wäre ein toller Job für mich gewesen.“ Sie hat aber nicht das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. „Fallschirmspringen muss ich in meinem Alter nicht mehr“, scherzt sie. „Wenn ich etwas Großes unternehmen möchte, brauche ich Hilfe – und dann macht es ja keinen Spaß mehr.“

Selbst ist die Frau. Diese Redewendung könnte jemand für Schneidereit erfunden haben. Solange sie alles alleine schafft, wird sie niemals ihre Lebenslust verlieren, sagt sie. Egal, ob sie nun 70 oder 101 Jahre jung ist.