Norderstedt
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Sie wollen in Italien Staffel-Gold holen

Carsten Fröck, Jan Brückner, Sebastian Kröger und Alexander Knaub (v. l.) von den Norderstedter Werkstätten nehmen an den italienischen Meisterschaften teil

Carsten Fröck, Jan Brückner, Sebastian Kröger und Alexander Knaub (v. l.) von den Norderstedter Werkstätten nehmen an den italienischen Meisterschaften teil

Foto: Annabell Behrmann

Vier Sportler der Werkstätten fliegen zu Meisterschaften nach Melfi. Valentina Beck hat sich für Weltspiele in Abu Dhabi qualifiziert.

Norderstedt.  Am heutigen Freitag müssen sich die Sportler der Norderstedter Werkstätten besonders früh aus dem Bett quälen. Schon um 6.30 Uhr startet ihr Flugzeug am Hamburger Airport nach Bari. In der benachbarten Stadt Melfi findet die italienische Meisterschaft (15. bis 21. September) für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung statt. Mit Jan Brückner (27), Sebastian Kröger (29), Alexander Knaub (41) und Carsten Fröck (48) nehmen gleich vier Athleten aus Norderstedt an den Leichtathletik-Wettbewerben teil.

„Am meisten freue ich mich darauf, mit meinen Jungs viel Zeit zu verbringen“, sagt Werkstätten-Trainerin Maike Rotermund. „Sie sind topfit. Wenn alles gut läuft, rechne ich uns Siegchancen aus.“ Rotermunds Schützlinge sind in den Disziplinen Weitsprung, Kugelstoßen, 100-m-Sprint sowie bei der 4 x 100-m-Staffel vertreten.

Italien hat Sportler aus mehreren Ländern eingeladen

„Natürlich sind wir aufgeregt. Italien ist eine neue Herausforderung für uns. Aber wir freuen uns vor allem auf die Staffel“, sagt Carsten Fröck. Rotermund hat das Team mit einer Bestzeit von 57 Sekunden angemeldet. „Das ist schon sehr schnell“, sagt die 55 Jahre alte Pädagogin.

Italien hat Sportler aus mehreren Ländern zu seiner nationalen Meisterschaft eingeladen. Die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Wettkämpfe werden komplett übernommen. Lediglich den Flug müssen die Norderstedter Werkstätten selbst finanzieren. Aus Deutschland reisen neun Leichtathleten und acht Schwimmer an.

Valentina Beck ist eine von acht Deutschen in Abu Dhabi

Sebastian Kröger hat für den Trip sogar ein wenig Italienisch gelernt. Mit „buon giorno“, „buona sera“ und „mille grazie“ kennt er jedenfalls die wichtigsten Höflichkeitsformen. „Die habe ich mal im Urlaub aufgeschnappt“, sagt er. Kröger ist seit fünf Jahren Athletensprecher für Schleswig-Holstein. Zweimal im Jahr vertritt er sein Bundesland auf Sitzungen und tauscht sich mit anderen Sprechern aus.

Im Mai hat der Mitarbeiter der Werkstätten bei den Special Olympics in Kiel die Bronzemedaille im 100-Meter-Sprint sowie im Staffellauf gewonnen. Ein großer Erfolg für Kröger. Doch seinen sportlichen Höhepunkt erlebte er bei den Weltspielen in Los Angeles (Kalifornien/USA) 2015. „Das war einfach unglaublich. Das werde ich niemals vergessen“, schwärmt der Sportler noch heute. Damals hat er Bronze im Weitsprung geholt. Das Erlebnis hat alles in den Schatten gestellt.

Weltspiele sind im kommenden März

Darauf freut sich auch Valentina Beck. Die 27 Jahre alte Werkstätten-Athletin hat sich als einzige Norderstedterin für die Weltspiele in Abu Dhabi im kommenden März (14. bis 21.) qualifiziert. Nicht zu vergessen: Es handelt sich dabei um den weltweit größten Wettkampf für geistig behinderte Sportler. „Das ist eine große Ehre für mich. Ich bin sehr stolz, dass ich es geschafft habe“, sagt Beck.

Durch ihre starke Leistung bei den Special Olympics in Kiel, bei denen sie die Silbermedaille im Weitsprung und Bronze mit der 4 x 100-m-Staffel gewonnen hat, darf sie gemeinsam mit Betreuerin Maike Rotermund und ihren Eltern in die Vereinigten Arabischen Emirate fliegen. „Das ist auch der Verdienst von Maike. Ich bin froh, dass ich sie an meiner Seite habe“, sagt Beck.

Werkstätten-Trainerin Maike Rotermund (55) und Sportlerin Valentina Beck (27) fliegen nächstes Jahr gemeinsam zu den Weltspielen der Special Olympics nach Abu Dhabi Foto: Annabell Behrmann Annabell Behrmann Das Mädchen hat Down-Syndrom

Um sich für die Weltspiele zu qualifizieren, zählt nicht nur der Erfolg. Die Organisatoren von Special Olympics achten darauf, dass jeder Sportler eine Chance bekommt. Wer also noch nie bei dem internationalen Wettbewerb dabei war, wird bevorzugt. Deutschland hat acht Startplätze.

Wer die Lebensgeschichte von Valentina Beck kennt, hätte es nie für möglich gehalten, dass sich das Mädchen mit Down-Syndrom so beeindruckend entwickeln würde. Die Tochter einer Chilenin und eines Deutschen kam als Frühgeburt im Heimatland ihrer Mutter zur Welt. Acht Stunden nach der Entbindung musste Beck wegen eines Risses im Darm notoperiert werden. Es kam zu Komplikationen. Die Ärzte mussten sie reanimieren. Wenig später haben sie ein Loch im Herzen entdeckt.

14 Tage lang war Beck klinisch tot

Nur ein Spezialist in Kaiserslautern hat sich zugetraut, das Mädchen zu operieren. Danach war Beck klinisch tot. 14 Tage lang.

Die Geräte wurden abgeschaltet – und dann passierte ein kleines Wunder. Valentina Beck lebte weiter. „Sie hat es nur durch ihren Ehrgeiz und Lebenswillen geschafft. Das beweist sie auch im Sport“, sagt Maike Rotermund. Beck ist ein Energiebündel. Sie strahlt den ganzen Tag. Die Trainerin betont: „Ihre Lebensfreude ist motivierend. So eine engagierte Sportlerin ist eine Auszeichnung für Deutschland.“