Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Minister: „Das Ehrenamt nicht ausnutzen“

Heiner Garg (hinten) in der Alten- und Pflegepension Meyer – hier entlastet der Besuchsdienst das Personal und verbringt Zeit mit den Bewohnern

Heiner Garg (hinten) in der Alten- und Pflegepension Meyer – hier entlastet der Besuchsdienst das Personal und verbringt Zeit mit den Bewohnern

Foto: Christopher Herbst

Schleswig-Holsteins Sozialminister Heiner Garg lobt den Besuchsdienst von „Bürger Aktiv“ – und will das Pflegesystem verbessern.

Henstedt-Ulzburg.  Eigentlich will Heiner Garg nicht ausschließlich über das deutsche Pflegesystem sprechen. Gar nicht so einfach, wenn der schleswig-holsteinische Sozial- und Gesundheitsminister zu Besuch ist in einer Einrichtung wie der Alten- und Pflegepension Meyer in Henstedt-Ulzburg. „Bei der Frage ,Wie pflegen wir?’ entscheidet sich, wohin es geht mit unserer Gesellschaft“, sagt der FDP-Politiker. Seine diesjährige Sommertour beschäftigt sich grundsätzlich mit Menschen, die sich – ehrenamtlich wohlgemerkt – für Kranke und Bedürftige einsetzen. Das Rückgrat der Gesellschaft also. Und so ist Garg angetan von dem, was er in Henstedt-Ulzburg erzählt bekommt und auch selbst sieht.

Der Besuchsdienst des Vereins Bürger-Aktiv widmet sich alten Menschen, die in örtlichen Senioreneinrichtungen wohnen, aber dort selten oder gar keinen Besuch erhalten. „Wir wollen nicht gucken, ob die Betten gemacht sind, wir wollen die Leute betreuen“, sagt Monika Grawitter, die das Angebot leitet. Die Herangehensweise ist simpel: Wer regelmäßig Gesellschaft hat, spazieren geht, liest, sich unterhalten kann, der ist weniger einsam. „Es wird schon viel gemacht. Aber eine Stunde spazieren gehen, etwas Besonderes machen, dafür ist nicht immer Zeit.“

Zwölf Personen – alles Frauen – kommen regelmäßig in die Häuser wie die Pension Meyer. Vorher wird mit den Leitungen abgeklärt, ob der Besuch überhaupt gewünscht ist. Grawitter erinnert sich an Absagen. Da sei gesagt worden: „Bleibt mir weg mit den Ehrenamtlichen, die treten uns nur auf den Füßen herum.“

Wo der Verein sich engagiert, ist er willkommen. „Ich bewundere den Besuchsdienst“, sagt Christa Meyer, die ihre Einrichtung 1979 gegründet hat, sie dann vor zehn Jahren an ihren Sohn Oliver übergab. Heute leben hier 63 Bewohner. „Wir haben einige Bewohner, die haben keine Angehörigen, da ist der Besuchsdienst sehr wichtig“, so Oliver Meyer.

Eine der guten Seelen ist Christel Burzlaff (82), die seit 48 Jahren in Henstedt-Ulzburg heimisch ist. „Monika Grawitter hatte mich angesprochen. Sie sagte, ich hätte doch immer Zeit. Ich habe es dann probiert und bin dabei geblieben.“ Sie besucht auch das Haus Doris gleich neben der Altenpension Meyer – dieses legt seinen Schwerpunkt auf Demenzerkrankungen. Ob sie da Hemmungen hatte? „Man weiß nicht, wie reagiert wird. Aber es werden auch keine hoch wissenschaftlichen Gespräche geführt. Ich bin immer eine gute Stunde in jedem Haus.“

Verbesserte Ausbildung soll Pflegejobs attraktiver machen

Heiner Garg hört sich das genau an. „Das Ehrenamt darf nicht ausgenutzt werden“, warnt er. „Hier in Henstedt-Ulzburg gehen professionelle Pflege und persönliche Zuwendung Hand in Hand. Die Menschen brauchen ein solches Angebot, wenn keine Angehörigen mehr da sind, diese zu weit entfernt leben oder beruflich eingespannt sind.“

Doch examinierte Altenpflegerinnen sind Monika Grawitter und Christel Burzlaff eben nicht. Mehr Fachkräfte, das ist Ziel und Aufgabe von Garg. „Wir brauchen eine deutlich bessere Bezahlung in der Pflege. Es muss sich etwas ändern“, sagt er. Oliver Meyer wirft ein: „...weil die Problematik immer größer wird.“ Der Minister widerspricht nicht. Die Gesellschaft wird älter, der Pflegebedarf höher – und wenn die Kapazitäten nicht ausreichen, kann das irgendwann zum Systemversagen führen.

Heiner Garg verweist auf den politischen Fortschritt. Etwa, dass das Land in der Altenpflegeausbildung den Fachschulen mittlerweile monatlich 450 Euro pro Schüler erstattet. Auf Bundesebene kommt 2020 die generalistische Ausbildung, die zur Pflege von Menschen aller Altersstufen berechtigt und EU-weit anerkannt sein wird. Das soll die Attraktivität erhöhen.

Oliver Meyer berichtet, wie er nach Personal sucht. „Es gibt Wege, ausländische Mitarbeiter über Zeitarbeitsfirmen zu bekommen. Wir haben eine Mitarbeiterin, die kommt von den Philippinen, die ist top, spricht deutsch. Aber es ist schwer, die herzubekommen.“ Garg gibt zu: „Das läuft über das Landesamt für Soziale Dienste. Hier sind wir deutlich langsamer als andere Bundesländer.“ Das soll sich aber bald ändern, verspricht er. Die neuerliche Diskussion um eine Wehrpflicht beziehungsweise einen sozialen Pflichtdienst ärgert ihn in diesem Zusammenhang übrigens. „Dahinter steckt die Idee: Pflege kann doch jeder. Ich möchte aber nicht von jemandem gepflegt werden, der dazu gezwungen wurde.“

Der Besuchsdienst von Bürger-Aktiv trifft sich immer am ersten Mittwoch eines Monats von 15 Uhr an in der Kulturkate, Beckersbergstraße 44. Interessenten sind immer willkommen.