Norderstedt
Kiel/Norderstedt

Falsche Paketboten bleiben hinter Gittern

Der Fall wurde vor dem Kieler Landgericht verhandelt

Der Fall wurde vor dem Kieler Landgericht verhandelt

Foto: dpa Picture-Alliance / Axel Heimken / picture alliance / dpa

Kieler Landgericht verhängt mehrjährige Haftstrafen nach dem brutalen Raubüberfall auf eine Norderstedter Unternehmerfamilie.

Kiel/Norderstedt.  Im Prozess um den Raubüberfall durch falsche Paketboten auf Mutter und Tochter einer Norderstedter Unternehmerfamilie hat das Kieler Landgericht jetzt mehrjährige Freiheitsstrafen gegen die beiden seit Dezember 2017 in U-Haft sitzenden Angeklagten verhängt.

Der Haupttäter (39) wurde wegen versuchten gemeinschaftlichen Raubes im besonders schweren Fall, Körperverletzung und Diebstahls zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Dem mitangeklagten Fahrer (21) versagte das Gericht die erhoffte Bewährung, er wurde wegen Beihilfe zum versuchten schweren Raub, Körperverletzung und Diebstahl zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Wie die dreitägige Beweisaufnahme ergab, war der Jüngste der ursprünglich vierköpfigen Tätergruppe aus Osteuropa tatsächlich ein echter Paketbote. Den mutmaßlichen Drahtzieher des Überfalls lernte er kennen, als er ihn als Kunden belieferte. Alle Tatbeteiligten stammen aus der ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien – „dem ärmsten Land Europas“, wie ein Strafverteidiger zum Tatmotiv ausführte.

Der angeblich „für einen Hungerlohn“ beschäftigte Paketfahrer habe an einen Einbruchsdiebstahl gedacht, als er seinen Dienstwagen zur Verfügung stellte. Um die Identifizierbarkeit des Kennzeichens habe er sich keine Gedanken gemacht. Offen blieb im Prozess, warum der untergetauchte Drahtzieher im Privathaus des Gastronomie-Inhabers bis zu eine Million Euro Bargeld als Beute in einem Tresor erwartet hatte.

Für die Tat hatte der Planer des Überfalls zudem den weiteren Landsmann „Pawel“ engagiert, der eigens für den Coup aus Moldawien anreiste und vom Tatort flüchten konnte. Dem 39 Jahre alten Hauptangeklagten hatte der Drahtzieher 10.000 Euro Belohnung in Aussicht gestellt, der Fahrer sollte 500 Euro bekommen.

In dem Prozess hatte der Staatsanwalt fast acht Jahre Haft für den Haupttäter und vier Jahre für den Fahrer gefordert. Nach seiner Überzeugung war der 39-Jährige brutal gegen die 1,50 Meter große Frau (50) vorgegangen, die dabei stürzte und sich einen Halswirbel brach. Eine Rechtsmedizinerin erklärte, ein nicht allzu starker Schubs hätte einen Sturz der Frau nach hinten und somit die Wirbelfraktur auslösen können. Die Verletzte hatte versucht, die Räuber mit 50 Euro zu beschwichtigen, die sie ihnen aus ihrem Portemonnaie anbot. Diese Form der „freiwilligen“ Geldübergabe wertete die Kammer als Diebstahl. Die Verteidigung hatte auf drei Jahre Haft beziehungsweise maximal zwei Jahre auf Bewährung für ihre nicht vorbestraften Mandanten plädiert.