Norderstedt
Norderstedt/Kiel

Falsche Paketboten misshandelten ihre Opfer

Der Prozess wird vor dem Landgericht Kiel verhandelt

Der Prozess wird vor dem Landgericht Kiel verhandelt

Foto: dpa Picture-Alliance / Axel Heimken / picture alliance / dpa

Vor dem Landgericht Kiel begann der Prozess gegen zwei Moldawier, die in Norderstedt zwei Frauen überfallen haben sollen.

Norderstedt/Kiel.  Der Überfall war heimtückisch und hinterließ tiefe seelische Wunden. Zwei falsche Paketboten hatten sich kurz vor Weihnachten 2017 Einlass in ein Einfamilienhaus in Norderstedt verschafft und zwei Bewohnerinnen brutal überfallen. Die Hausfrau wurde niedergeschlagen und erlitt einen Genickbruch. Vor dem Landgericht Kiel begann jetzt der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter: Zwei Osteuropäer aus der ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien müssen wegen schweren Raubes, Nötigung und gefährlicher Körperverletzung vor dem Kieler Landgericht verantworten.

Es war die Hochsaison der Geschenkezustellung. In einem angemieteten Kleintransporter fuhren drei Täter am frühen Abend des 20. Dezember bei der Familie an der Quickborner Straße vor und klingelten an der Haustür. Das Logo der Autovermietung hatten die Täter mit weißer Folie überklebt. Die Hausfrau nahm vorsichtshalber über die Sprechanlage Kontakt auf und fragte nach. „Ein Paket“, antwortete der vermeintliche Zusteller. Die Zeugin dachte an nichts Böses und öffnete.

Sofort trat einer der beiden Eindringlinge gewaltsam die Tür auf und brachte die Zeugin zu Fall. Der ältere Angeklagte (39) soll von einem noch flüchtigen dritten Mann namens „Pawel“ begleitet worden sein. Der Komplize war mit einem Elektroschocker bewaffnet und hatte Klebeband bei sich. „Pawel“ ging zunächst in den Keller des Hauses und setzte die Überwachungsanlage außer Kraft.

Die Tochter konnte noch einen Notruf absetzen

Der Hauptangeklagte soll die sich aufrappelnde Bewohnerin erneut zu Boden geschubst und Geld gefordert haben. Als die Frau ihm 50 Euro aus ihrem Portemonnaie aushändigte, trat er mit Schuhen auf sie ein und forderte laut Anklageschrift mehr. Während die Räuber das Opfer mit Klebeband an Händen und Füßen fesselten und ihm eine Sturmhaube in den Mund stopften, bemerkte im Obergeschoss die 18-jährige Tochter des Hauses, dass unten etwas nicht stimmte.

Die junge Frau schloss sich in ihrem Zimmer ein und setzte einen Notruf ab. Die Täter sprengten die Zimmertür auf, überwältigten das Mädchen und bedrohten sie mit dem Elektroschocker. Auch die 18-Jährige wurde gefesselt und geknebelt. Dann steckten sie ihr iPhone ein und verließen das Haus.

Draußen liefen die Angeklagten der inzwischen eingetroffenen Polizei entgegen. „Pawel“ konnte flüchten, der 39-jährige Angeklagte wurde kurz nach Tat festgenommen. Der jüngere Angeklagte (21) hatte während des Überfalls mit laufendem Motor am Steuer des vor dem Haus abgestellten Transporters gewartet. Er gab Gas und fuhr davon, konnte aber im Rahmen einer Fahndung an der Poppenbütteler Straße auf der Flucht in Richtung Hamburg gestoppt und festgenommen werden. Für ihn komme möglicherweise auch eine Verurteilung wegen Beihilfe statt Mittäterschaft in Betracht, teilte der Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer nach Verlesung der Anklage mit.

Die von den Tätern brutal misshandelte Mutter erlitt bei dem Überfall einen Bruch des zweiten Halswirbels. Ihre Beweglichkeit ist bis heute eingeschränkt, hieß es. Seit dem Vorfall leidet sie an Angstzuständen und Bluthochdruck. Beide Angeklagte sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Der Ältere hat ein Geständnis angekündigt, der Jüngere schwieg auf Rat seines Verteidigers. Die Kammer hat drei weitere Verhandlungstage angesetzt.