Norderstedt
Schleswig-Holstein

Norderstedter Tafel kritisiert Essener Kollegen

Bedrüftige sind ihre Kunden: Ingrid Ernst (l.) und Margrit Grebe leiten als Vorstände die Tafel Norderstedt

Bedrüftige sind ihre Kunden: Ingrid Ernst (l.) und Margrit Grebe leiten als Vorstände die Tafel Norderstedt

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Die Entscheidung in Essen, nur noch Bedürftigen mit deutschem Pass zu helfen, ist für Ingrid Ernst undenkbar.

Norderstedt.  Auch in Norderstedt mussten sich die Bedürftigen in den letzten Jahren daran gewöhnen, dass die Schlange vor der Ausgabestelle der Norderstedter Tafel am Schützenwall länger wurde.

Immer mehr Flüchtlinge reihten sich dort ein – gezielt geschickt von Helfern oder vom Amt, um sich hier mit Lebens­mitteln einzudecken. Bedürftigkeit kennt weder Herkunft noch Hautfarbe – jedem wird gegeben und zwar von dem, was da ist. Tafel-Leiterin Ingrid Ernst hat diesen Grundsatz für ihr Handeln verinnerlicht. Entsprechend wütend ist sie über ihren Essener Tafel-Kollegen Jörg Sartor. „Der schadet unserer Sache mit seiner furchtbaren Aktion.“

Sartor hat Flüchtlinge und Ausländer ganz allgemein faktisch ausgesperrt. „Da wegen der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahren der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen, um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen.“ So begründet Sartor die Entscheidung auf der Homepage der Essener Tafel. Seither muss der Tafel-Chef Kritik von allen Seiten einstecken. Unbekannte Täter haben die Autos der Tafel und das Gebäude der Einrichtung mit „Nazi“-Graffiti beschmiert.

Ältere Nutzer der Tafel fühlten sich überfordert

Sartor hatte argumentiert, dass besonders die älteren deutschen Nutzer der Tafel durch Ausländer abgeschreckt worden seien, er klagte über Schubsen und Drängeln.

Ingrid Ernst kennt die Auseinandersetzungen zwischen deutschen und ausländischen Bedürftigen am Schützenwall ebenfalls. Vor etwa vier Wochen berichtete sie gegenüber dem Abendblatt, dass ältere Nutzer der Tafel überfordert gewesen seien mit dem Ansturm der Flüchtlinge auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise.

Dass es Reibereien gab, weil die Muslime immer Rind und Huhn bekamen und für Deutsche nur noch Schwein übrig blieb. „Die Leute haben sich in dieser Zeit wie Bürger zweiter Klasse gefühlt. Das ist bei Weitem nicht unsere Absicht, aber man muss auch Verständnis haben, dass Muslime nun mal kein Schweinefleisch essen. Wir haben den Anspruch, möglichst alle gleich zu unterstützen – und da müssen an einigen Stellen eben mal Kompromisse eingegangen werden“, sagte Ernst.

In Essen sei genau das passiert, was Ernst und viele andere Betreibervereine von Tafeln verhindern wollen. Bedürftige würden gegeneinander ausgespielt. Die Herkunft spielt plötzlich eine Rolle bei der Ausgabe. In Norderstedt undenkbar für Ernst. „Ich verstehe auch den Zeitpunkt der Aktion nicht. Die Flüchtlingsströme sind doch gar nicht mehr so stark. Wir haben auf dem Höhepunkt entschieden, dass wir zwei Ausgaben in der Woche machen – das fahren wir im Sommer zurück, weil gar nicht mehr so viele kommen“, sagt Ernst.

Wer auch immer sich bei der Tafel eindecken wolle oder müsse: Von Ernst und ihrem ehrenamtlichen Team wird jeder Bedürftige gleichbehandelt. Wer anfängt, auf den Pass und die Herkunft zu achten, der müsse bei allen Bedürftigen genau hinschauen, etwa ob mancher wirklich so bedürftig ist, wie er es vorgibt zu sein.

Die Norderstedter Tafel am Schützenwall 49: Lebensmittel werden montags, donnerstags und freitags von 15 bis 16.30 Uhr und dienstags von 14.30 bis 16 Uhr ausgegeben.