Norderstedt
Kreis Segeberg

Die Tafel will Norderstedts Senioren zurückgewinnen

Ingrid Ernst engagiert sich seit 15 Jahren bei der Tafel,  führt den Verein als ehrenamtliche Vorsitzende. Sie sieht die Einrichtung nicht als Rundumversorgung, sondern als Unterstützung

Ingrid Ernst engagiert sich seit 15 Jahren bei der Tafel, führt den Verein als ehrenamtliche Vorsitzende. Sie sieht die Einrichtung nicht als Rundumversorgung, sondern als Unterstützung

Foto: Christopher Herbst / HA

Die Lebensmittelausgabe in Norderstedt appelliert an ältere Menschen, Berührungsängste zu überwinden und Hilfe zu suchen.

Norderstedt.  „Die größte Schande in diesem Land ist die unsichtbare Armut.“ Gesagt hat das am vergangenen Wochenende Annalena Baerbock, die neue Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Das gleiche Bewusstsein ist bei der Norderstedter Tafel tief verankert. Doch dort, wo zum Beispiel am Schützenwall viermal pro Woche Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben werden, wächst die Sorge, nicht mehr alle erreichen zu können. Und deswegen wendet sich Ingrid Ernst, ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins, mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit: „Wir haben das Gefühl, dass Leute nicht kommen, obwohl sie es tun sollten. Vielleicht, weil sie verschreckt wurden.“

Was sie meint, ist eine sich verändernde Klientel. Die Zunahme an Flüchtlingen seit 2015 machte sich bemerkbar. Zwischenzeitlich kamen durchschnittlich etwa 100 bis 120 Leute zur Lebensmittelausgabe, obwohl versucht wird, den Durchschnitt bei 80 Menschen zu halten. Viele ältere Mitbürger waren mit der Situation überfordert. Der große Andrang, der unmittelbare Kontakt mit anderen Kulturen, der Neid im Bezug auf die Aufteilung der Lebensmittel waren die Auslöser.

„Warum bekommen wir nur noch billiges Schweinefleisch und die bekommen Rind und Geflügel? Das ist doch ungerecht!“, waren Aussagen, die öfter gefallen sind, erinnert sich Ernst. „Die Leute haben sich in dieser Zeit wie Bürger zweiter Klasse gefühlt. Das ist bei Weitem nicht unsere Absicht, aber man muss auch Verständnis haben, dass Muslime nun mal kein Schweinefleisch essen. Wir haben den Anspruch, möglichst alle gleich zu unterstützen, und da müssen an einigen Stellen eben mal Kompromisse eingegangen werden.“

Dabei müssten die Leute auch verstehen, was die Tafel leisten kann. „Wir bieten hier keine Rundumversorgung, sondern unterstützen die Leute. Niemand soll davon ausgehen, dass wir den Leuten so viele Lebensmittel geben, dass sie davon zwei Wochen problemlos leben können. Das würde schlichtweg unsere Kapazitäten sprengen. Vor drei Jahren haben wir die Gruppen halbiert, man kann nur noch 14-tägig kommen. Es war wegen des Andrangs, es waren bis zu 800 Kunden die Woche.“ Eine Registrierung ist unabdingbar. Auch Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind wichtig. „Wir können uns nicht anpassen, sondern die Leute müssen sich uns anpassen“, sagt Ingrid Ernst.

Der Rückgang bei den Senioren hat sich trotz des Andrangs bemerkbar gemacht. „Wir wissen um die Probleme der Altersarmut, aber viele scheuen sich immer noch, hierher zu kommen. Es ist bedauerlich, aber wenn die Menschen nicht mehr kommen, können wir sie auch nicht mehr erreichen. Da kann man nicht jedem hinterher laufen.“

Wer kommt, weiß die Unterstützung zu schätzen. „Im Leben ist nicht alles nach Plan gelaufen“, sagt ein 83 Jahre alter Mann auf die Frage, warum er hier sei. Früher sei er Ausbildungsleiter bei Aral gewesen, habe gut verdient. Seine Frau erkrankte jedoch an Multiple Sklerose, und die letzte Zeit ihres Lebens kümmerte er sich ausschließlich um sie. Viel Zeit und Geld habe er investiert, nun sei er selbst auf Hilfe angewiesen. Dass er zur Tafel geht, empfindet er aber nicht als unangenehm. „O Gott, nein! Es ist nichts Böses“, sagt er voller Überzeugung.

So wie für ihn wären die Donnerstage vielleicht auch für andere Rentner angenehmer. Der Grund: Parallel absolvieren viele Flüchtlinge immer dann ihre Sprachkurse, sodass verhältnismäßig wenige Leute kommen – 40 bis 50 sind es momentan. Ingrid Ernst: „Wir wollen den älteren Leuten die Schwellenangst nehmen – sie animieren, zu uns zu kommen.“

Neue ehrenamtliche Helfer sind ebenso gern gesehen. Derzeit sind es 180 aus allen Altersgruppen, vom Schülerpraktikanten bis zur Rentnerin. Ingrid Ernst engagiert sich seit 15 Jahren, die Hälfte davon als Vorsitzende. Eine zeitintensive Tätigkeit mit viel Verantwortung, die nicht entlohnt wird. Zwar macht die Aufgabe ihr weiterhin Spaß, aber zurzeit ist keine Nachfolge in Sicht. „Ich weiß nicht, wie es mir in ein paar Jahren gehen wird. Ewig kann ich aber nicht weitermachen. Gerne würde ich auch noch jemand Neuen einarbeiten, aber leider hat sich noch niemand dazu bereit erklärt“, sagt sie.